Ausgabe 
19.7.1894
 
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Ich ich" schrie Margarethe auf, indem ihre Wangen sich färbten.Ob ich will? Ich gebe mein Leben dafür. Was kann ich thun? Sprechen Sie, sprechen Sie!"

Er weigert sich, anzugeben, wo er zur kritischen Zeit war!" Aber um Gottes willen warum?"

Mark zuckte die Achseln.Das weiß Gott und er! Irgend eine verrückte Geschichte, die er mir nicht gestehen will. Vielleicht könnten Sie ihn dazu bringen, sein gefährliches Schweigen aufzugeben. Kommen Sie mit mir zu ihm . .

Aber mein Vater . . ." Sie hielt einen Augenblick inne, und der Advoeat konnte bemerken, daß sich in dem zarten Wesen vor ihm ein kurzer Kampf abspielte.Warten Sie, ich komme gleich!"

Mit diesen Worten eilte sie aus dem Zimmer. Al« sie wieder eintrat, war sie zum Ausgehen bereit. Sie hatte einen dichten Schleier um das schmalgewordene, bleiche Gesicht ge­schlagen und befand sich wie im Fieber.

Wir nehmen einen Fiaker," sagte der Advocat, als das Mädchen den Auftrag geben wollte, den Wagen vorfahren zu lassen.Es braucht nicht alle Welt zu wissen, daß Margarethe Weber den Heldenmuth besitzt, ihren Bräutigam zu besuchen."

Bald hielten sie vor dem Landesgericht.

Als sie in die Zelle traten, saß Destder Jvanyi auf einem Sessel beim Tische, den Kopf in beide Hände vergraben. Das Geräusch machte ihn auffahren. Er erblickte Margarethe und ein Schrei entrang sich seiner Brust. Sie war auf ihn zu­gestürzt und hatte ihn leidenschaftlich umarmt, während Doctor Mark sich in seine Acten zu vertiefen schien.

Mein Geliebter," sagte sie und strich ihm liebkosend das weiche, blonde Haar aus der Stirn,wie schlecht siehst Du aus!"

Ja," antwortete er bitter,die Gefängnißlust macht keine rothen Wangen."

Sprich nicht so," entgegnete sie weinend,komm', setzen wir uns und sprechen wir ruhig."

Es ist umsonst, Margarethe," meinte er finster.

Natürlich," mischte sich der Advocat in's Gespräch. Und es wird so lange umsonst sein, bis Sie Vernunft an­nehmen und uns erzählen, wo Sie in jener verhängnißvollen Nacht gewesen sind."

Das kann ich nicht," sagte Jvanyi schroff.

Mein lieber Desider," bat Margarethe sanft,Du mußt Alles sagen, was Du weißt."

Jvanyi schwieg. Mit zusammengezogenen Brauen saß er da und starrte zu Boden. Vor ihm stand feine geliebte Braut, das Wesen, das ihn mit so rührenden Blicken ansah, sie, nach der er sich gesehnt mit allen Fasern seines Herzens, sie, die so schön, so hold war und sie weinte. Und er war ge­zwungen, hart zu sein, sich nicht erbitten, sich keine Antwort abschmeicheln zu lassen. Und dieses eine Wort es hätte doch seine Ehre wiederhergestellt, hätte ihn einem Leben zurück­gegeben, das so schön sein mußte an der Seite Margarethens.

Er faßte ihre Hand.Gretchen," sagte er flehend,mein liebes, theures Kind, Du weißt nicht, was Du verlangst!"

Ja, ich weiß es wohl," antwortete sie entschieden.Ich verlange, daß Du den Beweis Deiner Unschuld lieferst, daß Du Dein Leben nicht opferst um . . ."

Um einer Frau willen," ergänzte Mark wüthend.

Ist das wahr? Ist das wahr?" Margarethe begann zu zittern.

Ja," versetzte Jvanyi rauh.

Der Ausdruck tiefsten Schmerzes glitt über ihr Gesicht und sie begann bitterlich zu weinen.

Jvanyi sah sie mit unbeschreiblich wehmuthsvollen Blicken an. Endlich begann der Advocat:Jvanyi, wenn ich offen zu Ihnen reden soll, muß ich Ihnen sagen, Sie sind ein er­bärmlicher Wicht. Entschuldigen Sie diesen Ausdruck, mein Fräulein. Dieses Mädchen liebt Sie von ganzem Herzen, kommt hierher bereit, jedes Opfer für Sie zu bringen und Sie erklären ihr ganz gemüthlich, daß Sie eine Andere lieben!"

Desider erhob stolz fein Haupt.O nein," sagte er laut

und wies auf Margarethe,dort ist das Weib, um dessent- willen ich schweige."

Um meinetwillen?" rief sie erschrocken.

Ach, er ist toll," meinte achselzuckend der Advocat,ich werde auf Unzurechnungsfähigkeit plaidiren."

Nein, ich bin nicht toll!" schrie Jvanyi und preßte Margarethe in seine Arme.Meine süße Braut! Meine Ge­liebte! Um Deinetwillen schweige ich und werde schweigen, und wenn ich darüber zu Grunde gehen muß! Ich könnte mich retten, wenn ich sagte, wo ich um diese Zeit war; aber wenn ich es thäte, erführest Du ein Geheimniß, das Dein Leben zerstören würde. Nein, nein ich will ich werde es nie sagen!"

Margarethe lächelte unter Thränen.Denke nicht an mich, denke nur an Dich I Nichts kann mich so schwer treffen, wie Deine Verurtheilung. Ich beschwöre Dich," fuhr sie leidenschaftlich fort und warf sich auf die Kniee,bei Allem, was Dir heilig ist, bei Deiner Liebe zu mir sprich sprich endlich rette Dich, was auch die Folgen für mich sein könnten!"

Margarethe," entgegnete er und hob sie zu sich empor, ich hätte es früher vielleicht thun können, jetzt ist es zu spät. Es gibt für mein Schweigen noch einen zwingenderen Grund, den ich selbst erst hier entdeckt habe. Ich weiß wohl, daß ich mir den einzigen Weg der Rettung verschließe, aber, so wahr ein Gott im Himmel ist, ich werde nicht sprechen."

Es wurde still in der Zelle. Nur Margarethens Schluchzen war zu vernehmen und selbst der Advocat fühlte, daß seine Augen feucht wurden. Endlich ermannte sich Jvanyi und führte Margarethe zu Doctor Mark. Man konnte bemerken, wie sehr er sich beherrschen mußte.

Führen Sie sie fort," sagte er mit gebrochener Stimme, ich könnte sonst vergessen, daß ich ein Mann bin."

In wilder Verzweiflung warf er sich auf sein Lager. Doctor Mark antwortete nicht; er rief den Schließer und wollte das Mädchen hinausführen. Als sie in der Thüre waren, riß sie sich los, flog zurück und warf sich an des Ge­liebten Brust.

Mein Theuerster," schluchzte sie,Du wirst nicht sterben ich werde Dich retten, trotz alledem und alledem!"

Mit diesen Worten stürzte sie fort. Kopfschüttelnd folgte ihr der Advocat.

XII.

Zitternd, fast wankend hatte die arme Margarethe die Zelle verlassen, in welcher Jvanyi, nun allein und der Ver­zweiflung preisgegeben, heiße Thränen weinte. Jetzt erst kannte er die ganze Schwere des Opfers, welches er bringen wollte- Dieses Mädchen verlieren für immer! Dieses hochherzige Wesen, das, aller kleinlichen Rücksichten spottend, zu ihm ge­kommen war, dieses kühne, stolze Mädchen, das so groß vor ihin dastand, verlassen, ohne Hoffnung, sie jemals wieder zu sehen! Der Geächtete durfte seine Augen nicht mehr erheben zu ihr; zu der Schmach, die ihn erwartete, auch dieses Be­wußtsein! Es war aus, Alles, Alles war zu Ende!

Margarethe stützte sich auf den Arm des Advocaten, der in ernstem Schweigen neben ihr herging. Die Luft, die in den Corridoren des grauen Hauses herrschte, bedrückte und beklemmte sie, nahm ihr den Athem. Erst draußen konnte sie sich wieder sammeln. Es kam über sie wie eine wilde, ver­zweifelte Entschlossenheit. Etwas, das sie nie gekannt, nahm von ihr Besitz. Sie, das zarte Weib, fühlte sich mit einem Male in ihrem Glauben an die Unschuld ves Geliebten helden­haft stark.

Fahren wir in Desiders Wohnung," sagte sie fest, nach­dem sie den Wagen bestiegen hatten-

Der Advocat sah sie erstaunt an.Warum?" fragte er überrascht.

Nein erst in den Junge Herren-Club," antwortete sie, ohne der Frage zu achten.Er muß nicht weit von hier sein."

Zum Kuckuck," brummte der Advocat, dem Kutscher den Auftrag gebend,zum Kuckuck, was hat die vor?" Der Ton,