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Nach diesen Worten machte der Fürst eine verabschiedende Handbewegung, Caspari zog sich zurück.
„Was sind das für neue Grundsätze, die ich hören mußte," brummte der Hochmögende, als er in die Kanzlei zurückging. „Seine Durchlaucht scheinen ganz und gar von den revolutionären Ideen beherrscht zu sein, die sich gegen den Teufelsund Hexenglauben immer breiter machen. Ich werde es als besondere Aufgabe ansehen, die grundstürzenden Ansichten dieser Neuerer zu bekämpfen. Nichts Besseres taugt dazu, als schlagende Beweise sür die Hexereien und Zaubereien dieser alten Beilstein und ihrer Brut herbeizuschaffen. Der Fürst besitzt offenbare Sympathieen für den aufgeblasenen Bardenstein und seine Dirne; der wäre mir über den Kopf gewachsen, ich habe heute die feste Ueberzeugung davon erhalten. Nun muß auch die Alte noch weg, nur dann habe ich wirklich Ruhe." —
Im April desselbigen Jahres 1659 war es sehr naßkalt, stürmisch und unfreundlich. Der vorhergegangene Monat März ließ sich trocken und sonnig an, daß man vermeinte, der Frühling müße über Nacht erscheinen und Alles zum Blühen bringen. Um so bitterer empfanden die Menschen, insonderheit die Kinder, den Witterungsumschlag im April, denn die Kleinen mußten sich nun wieder in die dumpfen Stuben verkriechen. Das naßkalte Wetter hatte auch einen ungünstigen Einfluß auf die Gesundheit der Kinder, denn es zeigte sich eine Plage unter denselben von eigenthümlicher Erscheinung. Vielen schwollen die Hälse an; andere hatten Schmerzen in den Ohren. Ganz kleine Kinder bekamen heftigen Husten und wurden dabei blau im Gesichte. Das Herzchen ist ihnen gespannt, hieß es, oder sie zahnen über die Brust.
Auch unter dem Vieh gab es Beschwerden: manche Kühe gaben plötzlich keine Milch mehr. Junge Schweine gingen zu Grunde; andere Hausthiere wurden schwach, daß sie kaum auf den Beinen stehen konnten.
Schultheiß Schöffer zeigte diese Umstände bei dem Com- miffarius Caspari an, welcher alsbald die beiden Gerichtsschöffen Merten Frickell und Emanuel Stall vorforderte. Sie wurden in dieser Sache specialiter beeidigt und deponirten in Kraft ihrer Pflichten nicht blos, was bereits mitgetheilt, sondern noch einige andere Dinge: Allhier in Bingenheim sei ein großer Zauberer und Hexenmeister mit Namen Andreas Kul- mann. Derselbige vermöge viele übernatürliche Dinge zu verrichten, habe schon aus einem Handtuche Milch gemolken, Mäuse und Ungeziefer gemacht, das böse Aprilwetter herangezogen, wäre mit den Zauberern und Hexen zu Echzell und Gettenau im Bunde. . _____
Ueber letztere Aussage schnauzte der Richter die Schöffen heftig an, dieweil in Echzell, Gettenau, Biffes und Geiß-Nidda das Zaubereilaster gänzlich ausgetilget fei, wie die Pfarrherrn gleichstimmig berichtet hätten. Verbleibe also nur noch Bingenheim von der Gewalt des Teufels zu befreien.
Die Schöffen erschraken; sie wollten das Unheil gerade von Bingenheim abwenden, um plötzlich die Entdeckung zu machen, daß es für ihren Geburtsort sehr schlecht stünde.
Die Männer sahen sich rathlos an, bis Emanuel Stall sagte: Mehr wüßten sie heute nicht, wollten aber nach Weiterem sich umthun. — Nachdem einige Tage verstrichen, wurden sie wiederum vorgefordert, wobei sie deponirten: Andreas Kulmann gelte allgemein als Hexenmeister und teuflischer Compagnieführer, habe sich auch damit gebrüstet: er sei bei der geisterhaften Flucht des Bardenstein und der Sibille König m t thätig gewesen. Wurden Beide weiter gefragt: Ob nicht die alte Beilstein auch eine Hexe wäre und der Jungen davon geholfen habe. Worauf die Schöffen bestimmt versicherten- Davon wüßten sie nichts. Als Caspari sah, daß nichts auf die alte Beilstein zu bringen war, ließ er ab, fchickte die Schöffen heim und befahl, den Andreas Kulmann zu verhaften.
Auf der Folter bekannte dieser Alles, was von ihm gefordert wurde. Der Landgraf verlangte die genaueste Mittheilung über den Fall, las die Protokolle fämmtlich durch und war besonders betreten, als er vernehmen mußte, daß Rentmeister Bardenstein durch Zauberei und Teufelskunst entronnen sei. Kulmann sah, daß es doch mit ihm zu Ende gehe, darum
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Dreizehntes Kapitel.
„Euer Durchlaucht geruhen daraus gnädigst zu entnehmen, welch' große Wohlthat dem Lande und der Herrschaft dadurch erwuchs, daß dieser Haupthexenmeister, Teufelsspielmann und Trummelschläger rechtzeitig entwich und seine Buhle mitnahm," mit diesen Worten schloß der Hexenrichter Caspari seinen Vortrag über die in den letzten Monaten vorgekommenen Er- e^9tt Der Landgraf stand am Eckfenster des sogen. Langenbaues im Schlöffe zu Bingenheim und schaute sinnend über das Horloffthal nach Gettenau und Echzell. Jener Raum im Schlosse heißt bis auf den heutigen Tag „das landgräfliche Gemach". Es war im Monat März 1659; vor Kurzem hatte die Herrschaft ihren Wohnsitz wieder in Bingenheim genommen. Ueber den Wiesen des Horloffthales zeigte sich bereits ein grüner Schimmer; zwei Störche stelzten hochbeinig umher und suchten nach Futter. Der Frühling nahte.
„Sagtet Ihr nicht vorhin, die Buhle habe den Rentmeister weggeführt; am Schluffe des Vortrages machte sich die Ansicht geltend: der Rentmeister wäre der Haupträdleinsführer gewesen."
„Es wird auf eins hinauslaufen, Durchlaucht, die Wirkung bleibt dieselbe."
„Mir scheint das doch sehr zweierlei, Comnnssarius; es wäre jedenfalls von Jntereffe, zu wissen, wer die Hexe und wer der Behexte ist. Diese Sibille König ist ein schönes Weib, soll Manchem den Kopf verdreht und viele Burschen behext haben. Gefiel sie Euch nicht?" fragte der Landgraf.
„Mir? Ich--in der That, Durchlaucht, darüber
habe ich noch nicht nachgedacht."
„Wenn man etwas Schönes sieht, hört oder empfindet, denkt man eigentlich doch nicht nach, sondern genießt, meine ich," bemerkte der Landgraf belustigt, als er die Verlegenheit des Richters, der nur fehr schwer aus dem Geleise zu bringen war, sah. „Oder steckt Ihr so tief in Juristerei und sonstigem Kram, daß Ihr erst darüber nachdenken müßt, ob Euch ein schönes Gebilde erfreut."
„Mein Grundsatz ist: Fiat Justitia et pereat mundus, Durchlaucht, halten zu Gnaden."
„Der Grundsatz: Gerechtigkeit werde geübt und wenn die Welt darüber zu Grunde gehe, ist ein lobenswerther. Mein hochseliger Herr Vater sagte mir gelegentlich einmal: Grundsätze in die äußerste Consequenz getrieben, könnten in Unsinn, — Tugenden in Laster verkehret werden, wenn man sie rücksichtslos ausübet. Darum will es mir gar nicht in Kopf und Sinn, daß der prächtige Bardenstein ein Hexenmeister und die liebliche Sibille König eine Zauberin fein soll."
Bei diesen Worten dachte Caspari: Welch' Glück, daß die Zwei rechtzeitig vom Teufel entführt wurden; laut entgegnete er: „Der böse Feind bedient sich häufig der klügsten und feinsten Leute, um seine verderblichen Pläne desto sicherer zu erreichen, das beweisen die Acten der Hexenprocesse. Daß der Rentmeister dieser Bauerndirne in die Hände fiel, ist auch ein eigenthümlicher Fingerzeig für uns."
„Auch darin bin ich anderer Ansicht, Cornmiffarius. Die Heirath ist nicht gerade standesgemäß; wir finden aber jetzt häufiger denn je, daß selbst fürstliche Herren sich Frauen erwählen, die durch Schönheit, Tugend und Talente ausgezeichnet sind. Und was Ihr mir von der Entführung des Paares durch den Gottseibeiuns, Feuerluft, Rabenthiere und anderen Spuk vortruget, glaube ich insolange nicht, bis ich selbst einen solchen Fall miterlebe. Gebt Acht, die Sache stellt sich hintendrein als merkwürdig einfache Entweichung dar, wenn auch Scharfsinn, Klugheit und Kühnheit mitgeholfen haben mögen. So Gott will und wir leben, werden wir uns daran einmal erinnern."
„Euer Durchlaucht dürfen überzeugt sein, daß ich mit der größten Sorgfalt und Gerechtigkeit, dabei nur das Wohl des Landes und der hochfürstlichen Familie im Auge haltend, Recht sprechen und urtheilen werde und gehandelt habe."
„Daran zweifle ich keinen Augenblick. Ihr habt gut verwaltet und sparsame Wirthschaft geführet. Fahret so fort."


