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Dienstag, den 19. Juni.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Am Abend des fünften Tages nach seiner Abfahrt kam der Hofprediger von der Reise zum Landgrafen in Homburg zurück. Er brachte einen schriftlichen Befehl des Fürsten, wo­durch bestimmt wurde:

1) Die Gefangenen find sogleich gegen Bürgschaft in Freiheit zu setzen.

2) Die Untersuchung darf erst dann fortgesetzt werden, wenn der Landgraf wieder in Bingenheim restdirt.

Caspari war wüthend, als er diese Ordres las. So energisch war ihm noch nicht Halt geboten worden. Von da an haßte er den Hosprediger. Dieser hatte auf seiner Reise einige Strapazen erdulden müssen. Zweimal war der Reise­wagen umgefallen, je einmal brach ein Rad und eine Achse und viermal gerieth der Kutscher in solche Untiefen, Löcher oder Gräben, daß das Gefährte erst nach mehrstündiger Arbeit wieder in Gang gebracht werden konnte. Solches geschah in der guten alten Zeit vor dritthalbhundert Jahren.

Wäre aber die Flucht des jungen Paares mißlungen, dann hätte Caspari am folgenden Tage mit der Folter Alles aus den Eingekerkerten herausgepreßt, was ihm zweckdienlich erschien; er hätte das Todesurtheil über die Unglücklichen aus­gesprochen und sofort vollstrecken lassen. Der Hosprediger wäre also um einen vollen Tag zu spät gekommen. Wie sehr dem trefflichen Manne seine Pfarrkinder am Herzen lagen und daß er selbst vom Hexenwahn und Zauberei-Aberglauben nicht frei war, beweist eine Notiz, die er im Jahre 1658 einem Taufprotocolle beifügte; diese lautet:

Gott gebe seine Gnadt, daß wir es in Zucht und Ehren mögen auferziehen zu Gottes Lob und Preiß. Gott wolle es auch behüten für aller bösen Verführung des Teu­fels, Hexen und Unholde, Gott wolle sie auch bei ihrem Taufbunde erhalten bis an ihr seliges Ende."

Der.Wächter am Thore zu Ronneburg fand großen Ge­fallen an dem jungen Paare, das sich seinem Schutze anvertraut hatte. Jmgleichen war das Wächterweib den Beiden wohl­geneigt und es wurde beschlossen, den Burggrafen was so viel heißt als Befehlshaber der Burg, er mußte deßhalb nicht gerade von Adel fein sogleich mit in das Geheimniß zu ziehen, wenn er von der Jagd nach Hause käme.

Als der Burggraf den Namen Bardenstein vernahm, horchte er hoch auf. Es stellte sich heraus, daß des Rentmeisters Vater und der Burggraf zusammen unter Landgraf Wilhelm zu Hessen-Kassel in einem Regiments gedient und in vielen Schlachten und Gefechten des 30jährigen Krieges nebeneinander gekämpft hatten. Deß freute sich der alte Haudegen, dem das Umhersteigen auf den Treppen, Gängen und Wällen, in den tiefen Kellern und auf den hohen Thürmen bei feinen 68 Jahren nicht sonderlich mehr behagen mochte. Also nahm er sich den Sohn seines Waffengefährten, den ihm das Geschick gar recht­zeitig zugesandt, als Gehülfen an, übertrug ihm auch alle Schreibereien und Rechnereien, welch' letztere ihm am meisten Kopfschmerzen verursachten.

Noch am ersten Tage ihrer Ankunft wurde ein Geistlicher herbeigeholt, der segnete das Paar ehelich ein. In der Nähe des Burggrafen und mit ihm auf demselbigen Gange erhielten Gerhardt und Margarethe mehrere Wohngelasse. Stbille- Margarethe nahm sich des Hauswesens sogleich kräftig an, kochte, wusch und scheuerte so flink und geschickt, daß es bei dem alten Eisenbeißer bald viel behaglicher und wohnlicher aus- sah, denn jemals. Wenn das züchtige, liebliche Weiblein so in den Gelassen herumhantirte, kam der Alte hinzu und verfolgte jede ihrer Bewegungen.

Nach einigen Wochen sprach er zu dem jungen Ehepaare: Ihr seid mein Sonnenschein in den alten Tagen worden; will Euch zu Kindern auf- und annehmen und Euch als meine Erben einsetzen; jetzt erst weiß ich, was es heißt, eins Familie zu haben und von einem braven weiblichen Wesen umsorgt zu werden."

Drei Wochen nach der Flucht empfing Justine einen Brief von der Freundin, worin Alles geschildert und der heißeste Dank sür die bewiesene Liebe und Freundschaft ausgesprochen, auch der Großmutter viel tausend Grüße und Dankesworte beigefügt waren. Allabendlich kam Justine zu der alten Beil­stein und jedesmal las sie den Brief vor.

Es ist gut, daß es so kam," sprach eines Abends die Alts.Hier hätten die Beiden niemals so glücklich und zu­frieden sein können, wie auf der Ronneburg, weil der Neider und Verleumder zu viele sind. Darunter sind etliche, die hätten sich mehr gedünkt als mein Kind, hätten es mit Hochmuth von oben herab behandelt und gekränkt und beleidigt, wo sie es zu­wege gebracht, obgleich meine Enkelin mehr in sich trägt, als Alle zusammen. Alle schmerzlichen Erfahrungen und Bitternisse werden ihr erspart, ihr Beschützer sorgt für ihre Zukunft; sie bleiben für sich und genießen ihr Eheglück, das ihnen der liebe Gott erhalten und segnen möge."