1894.
H'
■H---fixä-
Nr. 45.
W M W W WSAMMMK < ; <; *W ■ n»T- ■.. .'j rtin* tT ■/ II
«nWSKMKW-LK
WWSW^M EMM '■ar1'
MmMÄE
.MWd WUM MM
Nntevhaltnngsblatt $um Gietzenev Anzeigrv sGeneval-Anzerge^)
Donnerstag, den 19. April.
Vergißmeinnicht
Novelle von H. v. Ziegler.
dem Fächer spielend leise ihren Gast. „Comteß Bergen — oder mich?"
„Wie kann die strahlende Rose fragen, ob ich das blaffe Vergißmeinnicht ihr vorziehen will? Tausend Mal bitte ich, Fräulein Thekla, lassen Sie mich neben Ihnen sitzen," erwiderte Bellartno feurig.
Ein koketter Blick traf ihn durch die Federn des eleganten Fächers und die schöne junge Dame des Hauses erhob sich.
„Herr Bellarino, wollen Sie meine Freundin, Comteß Bergen, zu Tisch führen?" frug sie aber plötzlich ceremoniell, und der Künstler verneigte sich zustimmend, während Albrecht von Lassow, der soeben herantrat, augenscheinlich sehr unangenehm von der Aufforderung seiner Schwester berührt wurde.
Die anderen Paare ordneten sich inzwischen und als man sich zur Tafel setzte, fand es sich, daß Thekla auf Bellarinos anderer Seite Platz gefunden.
Vorher hatte der verschlagene Italiener aber Comteß Lucie zugeflüstert: „Welch' ein holdes Geschick führt mich heute neben die liebliche Waldfee? Sind Sie noch rechtzeitig heim gekommen, Comteß?"
Das Festmahl dauerte ziemlich lange, nur den beiden Freundinnen erschien es kurz und herrlich. Der gewandte Bellarino manövrtrte so geschickt, daß keine der jungen Damen merkte, daß er allen beiden den Hof machte. Nur der ernste Schloßherr durchschaute das herzlose, frevelhafte Spiel Bellarinos.
Lassows Faust ballte sich heimlich und am liebsten hätte er den Italiener sogleich zu Boden geschlagen.
„Kommen Sie morgen wieder an den Waldrand, um Vergißmeinnicht zu suchen, Comteß?" frug Bellarino zum Schluß der Tafel leise an Lucie gewandt.
„Ich — weiß es noch nicht," stotterte diese verwirrt, „ob Großmama mich freigibt; ich muß ihr meistens vorlesen und darf selten allein das Schloß verlassen."
„Nun, vielleicht reitet Herr von Lassow nach dem Schloß, um die Großmama zu unterhalten; soll ich ihn zu einem Besuch auf Schloß Bergenhöhe veranlassen?"
„Ja, dann muß ich erst recht im Schlosse bleiben," erwiderte die blonde Comteß unmuthig, „und er redet immer so langweiliges Zeug mit der Großmama."
„Nun, meine Gnädige, machen Sie sich nur frei. Wir wollen dann am Bachesrande zusammen plaudern. Oder soll ich meine Geige mitbringen und Ihnen darauf vorspielen?"
Die Gesellschaft erhob sich jetzt von der Tafel und Lucie konnte vorläufig keine Antwort geben. Auch trat Albrecht von Lassow jetzt neben sie und verwickelte sie in ein längeres Gespräch, dann rollte ein Wagen in den Schloßhof.
(Fortsetzung.)
Lucie saß so, daß sie beim Aufblicken gerade in Bellarinos Antlitz sehen konnte, und mitten in seinen bald jubelnden, bald schluchzenden Weisen traf sie sein brennendes Auge, daß sie das ihre senken mußte. Albrecht von Lassow stand mit verschränkten Armen hinter einem Vorhang, doch so, daß ihm dies Alles nicht entging; er war todtenbleich, seine Lippen preßten sich fest zusammen, seine Augen flammten.
„Der Schurke," murmelte er heiser, „spielt mit beiden Mädchen I Ich muß wissen, in welchem Zusammenhang die alte Gräfin Bergen die Vergangenheit mit dem Namen Bellarino bringt und dann kommt das traurige Ende — ich werde dies Doppelspiel zu Hintertreiben suchen!"
Bellarinos Vortrag war beendet und Thekla schloß mit einem prachtvollen Accord, und noch ehe sie sich zu ihrem Mitspieler wandte, hatte dieser sich lächelnd vor Lucie verneigt, die in unbeschreiblicher Verwirrung das Köpfchen senkte.
„Wie schön war dieses Lied, Herr Bellarino!" rief Fräulein von Lassow bewundernd. „Wir müssen Ihnen sehr dankbar sein, denn es war ein ganz besonderer Genuß."
„O, meine Gnädigste, Sie sind zu gütig," lächelte Bellarino verbindlich. „Wenn ich nun an diese meine bescheidene Leistung anknüpfend eine ergebene Bitte aussprechen dürste, so wäre es die, daß Sie uns doch ebenfalls ein Lied gewähren möchten, gnädiges Fräulein."
Die junge Dame erröthete leicht, neigte jedoch beistimmend das Haupt und sagte: „Sehr gern, aber was soll ich denn singen?"
„Hier dieses wundervolle Lied!" entgegnete der Italiener, ergriff ein Notenheft und schlug es auf. „Ich kann ja dies- mal die Begleitung übernehmen."
Er war das feurige Liebeslied: „Ich schnitt es gern in alle Rinden ein." Theklas tiefe Altstimme eignete sich herrlich dafür und eine lautlose Stille herrschte im Saal während ihres Gesanges. Als sie geendet, bog sich Bellarino hastig einen Moment nach ihr um und flüsterte leise: „Wer wird der Glückliche sein, an welchen Sie diese Worte einst richten werden! O, wenn er doch — Leo hieße!"
Thekla nahm diese neue Huldigung nicht ungnädig, sondern mit einem glücklichen Lächeln auf. —
Um sieben Uhr setzte sich die Gesellschaft zu Tische.
„Wen wollen Sie zur Tafel führen?" frug-Thekla mit


