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Wie ein Lauffeuer flog am anderen Vormittage die Nachricht durch die Stadt, daß im Hause des Commerzienraths Homberg ein schwerer Raubmord begangen worden sei.
„Unglaublich! Unglaublich!" riefen sich alle Leute zu, welche die Schreckenskunde vernahmen. „Der Commerzienrath mit sammt seinem Diener wurden ermordet und eine hohe Geldsumme geraubt."
Viele Menschen liefen nach dem Hause, in welchem das Verbrechen stattgefunden hatte. Vier Polizisten sperrten den Zugang zu dem Hause schon im weiteren Umkreise ab und zwei Polizisten standen in der Hausthür.
Jetzt fuhr ein verschloflener Wagen rasch vor das Haus und der Staatsanwalt, der Gerichtsarzt und ein Criminal- Jnspector stiegen aus und gingen rasch in da» Haus. Schon auf der Treppe wandten die drei Beamten ihre Augen scharf prüfend nach allen Richtungen und betraten dann die Stätten des Verbrechens.
Homberg, der edle, gute Mann, lag halb angekleidet und leblos in einer Blutlache in seinem Wohnzimmer. Schnell beugte sich der Gerichtsarzt über Homberg und prüfte die Wunde.
„Er ist ein Stich in die rechte Brust und nicht absolut tödtlich!" rief der Arzt. „Wenn keine weiteren Verletzungen vorhanden sind, könnte der Commerzienrath vielleicht noch ge- ratet werden"
Rasch wurde Homberg ein Rothverband umgelegt und der Schwerverletzte auf ein Bett gelegt.
„Und nun zum Diener!" rief der Staatsanwalt.
Den Diener fand man wie tobt im Bette seines Zimmers liegend, aber es war keine Wunde an ihm sichtbar. Eilig prüfte der Arzt den leblos daliegendsn Körper des Dieners.
„Der Diener ist sehr stark durch Chloroform betäubt und unter Umständen auch zu retten," rief der kluge Gerichtsarzt. Er riß dann die Fenster des Zimmers auf, daß frische Luft hereinströmen konnte und begann Wiederbelebungsversuche mit dem Betäubten anzustellen. Gleichzeitig rief er einem zweiten inzwischen noch herbeigekommenen Arzte zu, sich des schwerverwundeten Commerzienraths anzunehmen.
Homberg schlug plötzlich nach einer Weile die Augen auf, ■ blickte aber wie irrsinnig um sich und war noch fo schwach, daß er kein Wort reden konnte.
„Dieser Zustand tritt nach schweren Ohnmächten immer ein," tröstete der Arzt den Staatsanwalt, „und wir dürfen die Hoffnung nicht aufgeben, den Herrn Commerzienrath zu retten."
Man flößte dem Verwundeten wiederholt stärkenden Wein ein und na h einiger Zeit wurde sein Befinden ein besseres.
Auch der betäubte Diener athmete wieder leise, lag aber immer noch wie tobt auf seinem Bette.
Der Staatsanwalt und der Criminalinspector hatten inzwischen noch das Verbrechen des Raubes und Diebstahles im Hause des Commmerzienraths festgestellt.
Der Geldschrank desselben war durch geschickte Hände, vielleicht gar mit dem Homberg entwendeten Schlüssel geöffnet und eines großen Theiles seines Inhaltes beraubt worden. Sonst hatten die Räuber andere Werthgegenstände, wie Uhren und Juwelen, unberührt gelassen.
„Es sieht aus, als wenn keine Professionrdiebe die Un- that begangen hätten," flüsterte der Criminalinspector leise dem Staatsanwalts zu, „denn es macht fast den Eindruck, als ob eine mit den Localitäten sehr gut vertraute Person die That vollbrachte."
„Dies ist auch meine Ansicht," bemerkte der Staatsanwalt, „und wir werden auf alle Personen, welche in Hembergs Hause verkehrten, ein scharfes Auge haben müssen."
„Diese Maßregel würde nach meiner Ansicht allerdings viel zu weit gehen," entgegnete der Criminalinspector, „denn im Hause des unglücklichen Commerzienrathes verkehrtest viels Personen aus den besten Ständen, Banquiers, Offiziers,
Großkaufleute, Beamte, Künstler und Hofschauspieler. Gegen solche Männer, welche zu dem Hombergs edle Freundschaft genossen, kann man doch keinen Verdacht haben. Außerdem ist es für uns Criminalbeamte furchtbar peinlich, solche Leute, von denen höchst wahrscheinlich alle unschuldig an dem Morde sind, einer Beobachtung zu unterziehen."
„Nun, auf dem Gebiete der Verbrechen kommen zuweilen die unglaublichsten Dinge vor, Herr Jnspector," antwortete der Staatsanwalt, „und es ist unsere Pflicht, alle Möglichkeiten in Berechnung zu ziehen, zumal wir hier an der Stätte des Verbrechens nicht den geringsten Anhalt für die Entdeckung des Missethätsrs bis jetzt fanden."
„Ich werde meine Pflicht thun, Herr Staatsanwalt," erwiderte der Criminalinspector diensteifrig, „und auch meins Gehilfen entsprechend instruirsn. Ich vermuthe, daß eine lüderliche untergeordnete Person, welche vielleicht mit Hombergs Diener befreundet war und deshalb oft hier ins Haus kam, den Raubmord begangen hat. Gestern hat Herr Homberg, wie ich bereits erfuhr, seinen Geburtstag gefeiert, und da war wahrscheinlich eine günstige Gelegenheit vorhanden, daß sich der Verbrecher in das Haus einschleichen und bis zur Ausführung des Verbrechens verbergen konnte."
„Demnach erscheint es wichtig, den Diener Hombergs, sobald sein Zustand es erlaubt, in dieser Angelegenheit zu vernehmen," bemerkte der Staatsanwalt.
In diesem Augenblicke stürzte mit entsetzlich verstörtem Aussehen Hombergs Neffe, der Maler Matthey, in das Zimmer und rief mit angstvoller Stimme: „Mein guter Onkel, der Commerzienrath Homberg, ist ermordet! Ist diese Schreckenskunde wahr, meine Herren?"
„Ein Raubmord ist hier verübt worden, mein Herr," erwiderte der Staatsanwalt, „aber der Arzt hat Hoffnung, den Herrn Commerzienrath, der schwer verwundet ist und noch ohnmächtig im Nebenzimmer liegt, zu retten."
„Um Gottes willen, ich muß zu ihm, ich bin sein Neffe," stieß der junge Mann hervor und lief nach der Thür de» Nebenzimmers, in welchem Homberg lag. Aber in dem Augenblicke, wo Matthey stürmisch den Fuß über die Thürschwelle setzte, trat ihm einer der Aerzte entgegen und sagte im abweisenden Tone: „Der Herr Commerzienrath, welcher durch den Blutverlust ungemein geschwächt ist, brauet jetzt unbedingt Ruhe. Sie können ihn deshalb heute unter feinen Umständen sprechen, mein Herr."
„Glauben Sie, daß sein Leben erhalten wird.?" frug Matthey ganz aufgeregt.
„Wir hoffen es," erwiderte der Arzt, „denn die Wunde ist nicht gerade lebensgefährlich, nur dürfen keine schlimmeren Umstände im Befinden des Verwundeten hinzutreten."
„Sie sind ein Neffe des Herrn Commerzienraths Homberg?" frug jetzt der Staatsanwalt den über alle Maßen aufgeregte« jungen Mann.
„Ja, das bin ich," antwortete dieser, „mein Name ist Curt Matthey, meine verstorbene Mutter war die Schwester des Herrn Commerzienraths."
„Verkehrten Sie öfters hier im Haufe Ihres Onkels, Herr Matthey?" forschte der Staatsanwalt weiter.
„Allerdings, ich kam fast tägl.ch hierher und bin erst gestern Abend in Gesellschaft mehrerer Herren zum Geburtstage meines Onkels hier gewesen."
„Wann verließe« die Herren wohl das Hans?"
„Es mochte gegen Mitternacht sein."
„Wissen Sie vielleicht, welcher von den Herren zuletzt das Haus-verließ?" frug der Staatsanwalt immer weiter.
„Der letzte der Gäste, die das Haus verließen, war ich," erwiderte der junge Mann in verlegenem Tone.
»Wie viel später als die übrigen Gäste verließen Sie de« Herr« Commerzienrath? '
„Wohl eine halbe Stunde später."
(Fortsetzung folgt.)
Redaktion: A. Gcheyda. — Druck und Verlag der Brühl'schm Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.


