Witwenschleier sobald nicht ablegen wird," antwortete der Maler.

Sind Sie wirklich so sehr in die Gedanken der Baroneffe eingeweiht, Herr Matthey, oder haben Sie vielleicht gar der schönen Dame etwas zu tief in die blauen Augen gesehen?"' forschte der Major in scherzendem Tone.

Aber Herr Major, wo denken Sie hin! Die Baro- neffe ist doch mindestens so alt als ich, und Sie können einem Jünger der schönen Kunst doch nicht mmuthen, daß er sich eine Frau wählt, die in wenigen Jahren altern muß," gab der Maler spitz zurück-

Der kluge Major ließ sich durch diese Entgegnung aber nicht verblüffen und sagte mit seiner gewichtigen Stimme: Mein lieber Herr Matthey, Sie wären nicht der erste Maler, der sich in eine schöne Wtttwe verliebt hätte und die Baro- neffe von Saffen ist sehr schön."

Sehr schön ist sie," bemerkte jetzt ein anderer der an­wesenden Offiziere, Lieutenant von Meerenheim,dann fragt es sich nur noch, ob sie auch reich ist und dann wäre sie eine glänzende Partie."

Ob die Baroneffe reich ist, das weiß ich ^allerdings nicht," entgegnete der Major,aber es ist wohl anzunehmen, daß sie noch ein ansehnliches Vermögen besitzt, denn sie hat nach dem Tode ihres Gatten noch in der Weise gelebt, daß man annehmen darf, daß der leichtlebige Baron von Saffen nicht das ganze Vermögen seiner Frau durchgebracht hat. Was wissen Sie von den Vermögensverhältnissen der Dame, Herr Matthey?" schloß der Major, sich an den Maler wendend."

»Ich ich weiß so gut wie nichts," erwiderte dieser und stotterte verlegen.

Jetzt bitte ich aber die Herren von der Bowle zu trinken und die Vermögensverhältnisse der beklagenswerthen Baro­neffe ruhen zu laffen," rief der Commerzienrath mit wirksamer Stentorstimme,und dann mag uns Freund Hillisch mit seiner prächtigen Baritonstimme noch ein Lied vorsingen."

Alsbald erklangen die Gläser der fröhlichen Zecher zu­sammen, und wenige Minuten später hörte man die 'ergreifende Weise eines schönen Frühlingsliedes.

Gerührt trat Homberg an das Fenster und die funkelnden Sterne des Nachthimmels anschauend flüsterte er:Lieber Gott! Soll in meinem Herzen noch einmal Frühling werden. Hilda, Hilda ist wieder frei und weilt in dieser Stadt! Es märe ein fast unglaubliches Glück!"

Herr Commerzienrath, Herr Commerzienrath," erscholl es jetzt hinter ihm,kommen Sie herbei, wir wollen mit Ihnen auf die Erfüllung Ihres schönsten Herzenswunsches an­stoßen."

Homberg eilte leuchtenden Auges in den fröhlichen Kreis zurück und stieß lächelnd mit den Freunden an-

Nun wird es aber Zeit zum Aufbruch, die Uhr zeigt auf Mitternacht," mahnte der Major, und nur noch wenige Minuten gelang es dem Commerzienrath, die Freunde in seinem Hause zusammenzuhalten. Sie verabschiedeten sich einzeln oder in Gruppen zu dreien und vieren herzlich von dem Gastgeber und verließen das Haus.

Nur Curt Matthey blieb noch eine Weile bei Homberg zurück.

Du könntest mir einen großen Gefallen thun, Onkel," sagte Curt halblaut zu diesem, als sie allein waren.

Schon wieder," bemerkte Homberg mit leisem Spott. Hast Du nicht erst vorige Woche meine Gefälligkeit in An­spruch genommen? Du brauchst doch wieder Geld?"

Leider, leider," gab der leichtsinnige Neffe mit der Miene eines unschuldig Leidenden zurück,aber es wird nun balv besser mit mir werden, Onkel- Ich werde mehr arbeiten und weniger Geld ausgeben."

Das wünsche ich von Herzen, Curt, denn Du solltest doch nun über die leichtsinnigen Jahre hinaus sein, und nur noch an ein solides Schaffen denken. Deine Berufsgenoflen sagen auch alle, daß Du ein entschiedenes Talent als Land-

891 -

fchaftsmaler und auch als Portraitmaler hättest, aber wie wenig hast Du bisher geleistet."

Habe nur noch ein halbe» Jahr? Geduld mit mir, Onkel, dann wirst Du sehen , daß das Geld, welches Du auch noch an mich gewandt hast, nicht zum Fenster hinaus- geworfen wurde."

Nun, wie viel Geld soll ich Dir noch geben," frug Hom­berg unmuthig.

Zehntausend Mark," stieß .der Maler^ hastig und mit lauernder Geberde hervor.

Zehntausend Mark?" rief Homberg und wich erschrocken zurück.Zehntausend Mark willst Du schon wieder haben! Curt, bist Du toll geworden! Du verlangst von mir heute schon wieder zehntausend Mark, nachdem ich Dir vorige Woche die gleiche Summe gegeben habe. Das ist eine Unmöglichkeit, daß Du solche Summen zu Deiner vollständigen Ausbildung, zu Deinen Studien und zur Bezahlung laufender Ausgaben bedarfst. Curt, Du spielst Hazard oder treibst sonstige schlimme Dinge, und dazu habe ich kein Geld für Dich. Heute be­kommst Du auch entschieden kein Geld von mir. Eist muß ich wissen, wie es wirklich mit Dir steht, und das werde ich von Deinen Freunden und von Deinen Gläubigern zu er­fahren wissen."

O, liebster Onkel, gib mir diese Summe nur noch ein­mal," bat Curt.

Da müßte ich ein schlechter Rechner und ein noch schlech­terer Onkel sein," gab Homberg kalt zurück.Du kennst meine Güte, Curt, denn seit dem Tode Deiner Eltern habe ich Dich unterstützt und Du bist noch nicht von mir abgewiesen worden, aber jetzt bekommst Du keinen Pfennig, und wenn Du mein leiblicher Sohn wärest, so würdest Du auch nichts bekommen, denn ich habe Dich in dem Verdachte, daß Du seit Monaten schon meine Güte mißbraucht hast. Wo sind die zehntausend Mark hin, die ich Dir vorige Woche gab?"

Curt wollte antworten, aber es war ihm, als brächte er kein Wort aus der Kehls und er schwieg mit verlegener Ge­berde.

Du kannst oder willst mir also keine Rechenschaft geben," fuhr Homberg erzürnt fort.Nun, so bleibt es eben erst recht bei meinem Entschlüsse, daß ich Dir jetzt kein Geld gebe. Ich will morgen oder die kommenden Tage Deine Angelegen­heiten untersuchen, und was ich dann für meine Pflicht halte zu thun, das wird sich finden. Gute Nacht für heute."

Homberg zog sich nach diesen heftigen Worten au» dem Salon in fein Schlafzimmer zurück und ließ seinen verblüff­ten Neffen stehen.

Bald erschien der Diener de» Commerzienrath» und sagte, mit einem Lichte in der Hand:Ich stehe zu Diensten, Herr Matthey, fall» ich Ihnen die Hausthür öffnen soll."

Ich komme gleich," erwiderte der Maler wie im Traume und schritt hinter dem vorausgehenden Diener her.

Bold war die Hausthüre geöffnet und wieder geschloffen und Curt Matthey befand sich auf der Straße.

Man möchte rasend werden," knirschte er vor Wuth und blieb noch eine Weile vor Hombergs Hause stehen. Dieser Mensch könnte mir helfen und thut es nicht, obwohl er mein leibhaftiger Onkel und ein reicher Mann ohne directe Leibeserben ist. Mir scheint, als hätte ich heute eine rechte Dummheit begangen, als ich ihm erklärte, daß er die Baroneffe in meinem Atelier nicht werde sehen können, denn es ist wahrscheinlich, daß er die Dame noch ebenso liebt, als vor zehn oder elf Jahren, als sie fein unerreichbares Ideal war. O, könnte ich doch nur noch einmal in die Wohnung zurück und ihm sagen, daß er die Baroneffe bei mir sehen kann. Aber er ist offenbar bereits zu Bett gegangen und er ist auch jetzt viel zu mißtrauisch, um mir auf eine solche Zusicherung hin das Geld zu geben. Und ich muß aber doch das Geld haben, sonst bin ich entehrt und unglücklich."

Wie gebannt stand der junge Mann noch eine ganze Weile vor dem Hause des Onkels und verschwand dann end­lich im Dunkel der Nacht.