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Lola erhebt sich langsam. Sie bemerkt, wie sein Antlitz sich vor Freude röthet, wie seine Augen glänzen. Sie bemerkt auch die plötzliche Niedergeschlagenheit in Geralds Zügen. — Mit einem ihrer tiefen Blicke sagt sie leise zu letzterem: „Wenn Sie nicht tanzen, Baron, wollen Sie die Güte haben, meine lieben Hyacinthe» so lange unter Ihre Obhut zu nehmen?"
„Ich werde sie bewachen, als wären sie von Gold I" ruft Gerald feurig.
„Sie sind kostbarer als dar," entgegnet Lola- , Betrach- ten Sie diese vollendet schönen, wachsgleichen Blüthen nur genauer 1"
Dabei wirst sie einen Blick voller Zärtlichkeit und Leidenschaft auf die Blumen — einen Blick, den sie heute noch nicht einem dieser beiden Anbeter gönnen durfte.
Lord Rawdon triumphirt; Baron Gerald triumphirt. Jener führt seine schöne Tänzerin stolz hinweg. Dieser bleibt, glücklich in dem Bewußtsein, als Hüter ihrer Blumen ausersehen zu sein.
Er betritt den Ballsaal nicht während des ganzen Tanzes. Er will Lola nicht in den Armen des Anderen sehen. Auch findet er, daß Frauen während des Tanzens sich am Un« vortherlhaftestkn pcäsentiren. Sie werden roth, kommen auß-r Athem und verlieren jvöllig jene anmuthige, klassische Ruhe, welche oft ihren größten Reiz bildet
Noch niemals vorher war ihm ein Tanz so lange erschienen. Manch' leuchtend Augenpaar richtet sich verwundert auf den Einsamen. Manch' hübsches Mädchen, das dem Allbeliebten einen Tanz aufgehoben, blickt enttäuscht darein. Er merkt von alledem nichts. Er denkt nur an sie, deren Blumen er in der Hand hält.
Endlich ist der Tanz vorüber. Er bahnt sich seinen Weg zu ihr. Lord Rawdon hat sich ein wenig niedergebeugt und spricht lebhaft. Sie hört mit anscheinendem Interesse lächelnd zu. Als sie Geralds blaue Augen sehnsüchtig auf sich gerichtet sicht, antwortet sie mit einem gleichen Blick. Dabei lächelt sie nicht, sondern seufzt ein wenig. Sie ist viel zu klug, um zwei Männer auf gleiche Weise sesieln zu wollen.
Schweigend überreicht er ihr den Strauß. Da kommt Fürst Larinski und holt sie zum nächsten Tanz.
Die beiden Zmücköleibenden blicken ihm neidisch nach. Dann wendet sich eines Jeden Aerger gegen den Andern.
„Mein lieber Gerald," beginnt Lord Rawdon höhnisch. „Deine kleine Sentimentalität vorhin mit den Hyacinthen war sehr originell; doch würde ich an Deiner Stells derlei Sachen nicht versuchen. Sie stehen Dir schlecht- Ein Mann soll sich nie lächerlich machen."
Das Blut steigt Gerald zu Kopfe; aber er beherrscht sich. Er thut, als ob er den Hohn nicht bemerke, und lacht-
„Wie denkst Du über sie?" fährt Arno fort- Er kann der Versuchung nicht widerstehen, von ihr zu sprechen.
„Wie denkst Du über sie?" fragt Gerald lachend.
„Ich Haffe den Fürsten Larinrki," murmelt Jener, ohne auf die Frage zu antworten. „Wozu kommen Ruffen nach England I Ich sehe gar keinen Grund. Die Baronin wird ihn doch nicht heirathen."
„Ich glaube, sie denkt überhaupt nicht an's Heirathen- Sie wird ihre Freiheit genießen wollen."
„Woher weißt Du das?"
Lord Rawdon ist augenscheinlich geärgert.
„Du solltest Dich darüber freuen," fährt Gerald lachend fort. „Du denkst ja selber ähnlich."
Doch merkwürdig genug — Lord Rawdon freut sich nicht. Im Gegentheil. Seine schlechte Laune wächst zusehend«.
„Du scheinst Dein letztes bischen Verstand zu verlieren, Gerald."
Dieser lacht noch immer. Er nimmt sich fest vor, nicht heftig zu werden.
„Der Verlust ist vielleicht kein großer," entgegnet er gul- müthig.
Lord Rawdon schweigt beschämt. Baron Gerald begibt sich zu Lola, da die Quadrille beginnt. Jedoch kann er sich
nicht voll dem Genuß hingeben. Er besitzt einen weichen, großmülhigen Character und fühlt, daß Arno ihn j-tzt eifersüchtig beobachtet. Das schmerzt ihn.
Der Ball naht seinem Ende. Lola hat ihren Wagen 6;< sohlen. Beide Herren geleiten das herrliche Weib die breite Treppe hinab. Der Eine trägt Fächer und Strauß, der Andere legt den kostbaren Spitzenshawl um die weißen Schultern.
„ Ich werde diesen Abend nie vergeffen," flüstert Lord Rawdon.
„Ich auch nicht," sagt Baron Gerald.
„Auch ich werde noch oft daran denken," erwidert Lola. Lachender Spott blitzt aus ihren Augen. Die Eifersucht der beiden Männer amüsirt sie.
Der Wagen Mgt mit Lola davon. Arno ist enttäuscht, daß ihm nicht ihr letztes Wort galt. Ebenso Gerald.
„Jeder Cavalier sollte wissen, ob er erwünscht ist oder nicht," murmelt Lord Rawdon bitter.
„Das sollte er," erwidert Gerald heiter. „Gute Nacht, Arno!"
IV.
Lord Rawdon und B^ron Hastings sind seit Jahren gute Freunde und Kameraden. Sie haben zusammen den Continent bereist und manche Erlebntffe mit einander getheilt.
Niemals entzweiten sie sich — vielleicht, weil ihre Neigungen und Ansichten so verschieden sind.
Baron Hastings ist sechsundzwanzig Jahre alt und Besitzer eines der schönsten Güter Englands. Mitten im Park, zwischen uralten Eichen, steht dar Herrenhaus, unendlich malerisch in seiner altmodischen Schönheit. Bis an seine breite Freitreppe wagt sich dar Edelwild heran, das, nicht eingezäunt, frei im Park uwherläust.
Baron Gerald hat jährlich ein Einkommen von etwa hundertzwanzi tausend Mark. Er könnte es verdoppeln, da sein Grund und Boden Kohle birgt. Doch verzichtet er darauf. Er liebt seine alten Bäume, seine grünen Wiesen, seine fruchtbaren Flder und ist zufrieden mit dem, was er besitzt. Sein Vater starb, als er noch ein Kind war. So wuchs er unter den sorgenden Augen der Mutter auf, deren ganzer Lebenszweck darin bestand, den einzigen Sohn zu einem edlen Menschen zu erziehen.
Auf seinem Gute gibt es kein Elend. Niemand wendet sich vergebens an ihn in der Noth. Als der Waldhüter Franz Gr y tobt vorgefunden wurde, erschossen von Wilddieben, schenkte er der Wittwe ein kleines Haus im Dorfe und die Mittel, mit ihren Kindern leben zu können. Als der Tagelöhner Johann Mitler und feine Frau am Typhus starben, gab er nicht zu, daß die sechs kleinen Waisen in's Armenhaus gesteckt wurden. Er ließ sie in ihrer Hütte und sorgte dafür, daß eine Frau aus dem Dorfe sich der Kinder annahm. Als Ma'y Swift ihre Miethe nicht bezahlen konnte und sie, vor Hunger und Kälte zitternd, in einer Ecke ihres Stübchens faß, jeden Augenblick gewärtig, daß man sie aus ihrem Heim verweisen würde, da schickte Gerald ihr keinen Zahlungsbefehl, sondern Holz und Kohlen und Nahrungsmittel und eine Kuh an Stelle ihrer kürzlich verstorbenen „Mieke". Wo sein Name genannt wird, geschieht es mit Segenswünschen, mit Lobpreisungen.
In seiner Mutter verehrt er das Ideal der Frau. Ui,d sie verdient diese Verehrung, die ehrwürdige, weißhaarige Matrone. In ihren Träumen sieht sie an der Seite de» geliebten Sohnes eine sanfte Gattin durch die verwitterten Säulengänge schreiten, sieht sie liebliche Kinder mit süßem Lächeln sich an ihre Kniee schmiegen, sieht sie, wie das alte Geschlecht der Hastings neu und glänzend ausblüht. —
Lord Rawdon ist um einige Jahre älter, als sein Freund. Auch er ist seit lange schon sein eigener Herr. Die Mutter starb bei seiner Geburt, der Vater, als er kaum sechzehn Jahre zählte. Er erhielt eine vorzügliche Erziehung; doch die sanfte Hand der Mutter fehlte, um die guten Eigenschaften zu fördern, die schlechten zu unterdrücken.
Seine Fehler wuchsen mit ihm. Der Eigensinn de»


