382
Am Eingang des Saales stand ein junger österreichischer Offizier, dessen Blicke ohne Unterlaß auf den beiden Damen ruhten. Er war von hoher, imposanter Gestalt, sein Haar dunkel und die Farbe des stolzen Gesichtes tief gebräunt, über dem wohlgeformten Munde kräuselte sich ein starker Schnurr» bart. Die ganze Erscheinung zeigte das Gepräge vornehmer Ritterlichkeit. Er trug die kleidsame Uniform eines österrei» chischen Dragonerregiments.
Wie magnetisch durch seine Blicke angezogen, sah Annie jetzt gleichfalls zu dem jungen Manne hinüber. Und dann trafen sich Beider Blicke. Sie erröthete tief und senkte die Wimpern. Im nächsten Augenblicke stand der Offizier aber schon vor den beiden Damen, grüßte ehrerbietig und sagte in verbindlichem Ton: „Verzeihung, meine Gnädigen, mein Name ist Bernthal — Oberlieutenant Bernthal. Darf ich um eine Tour bitten?"
Annies Gesicht strahlte. Sie erhob sich sofort und legte mit glücklichem Lächeln ihre kleine Hand auf seinen ihr dargebotenen Arm. Er umfaßte die leichte Mädchengestalt, die sich schüchtern an ihn lehnte, und schwebte flott und anmuthig mit ihr durch den weiten Saal.
Er tanzte vorzüglich und mit leidenschaftlichem Feuer. Wie auf Flügeln schwebten Beide dahin. Rechtsum — links- um — mehrere Male kreisten sie durch den weiten Raum. Es war selige Lust, so dahinzugleiten und sich zu wiegen nach den bald jauchzenden, bald klagenden Walzermelodien.
Die Musik schwieg, der junge Offizier führte seine Tänzerin an ihren Platz zurück und bat um die nächste Quadrille. Hochbeglückt willigte Annie ein, und wenn sie auch nicht durch Worte ihre Freude äußerte, so redeten doch ihre blauen, seelenvollen Augen eine gar deutliche Sprache.
„Ich amüsire mich köstlich," flüsterte sie der Mutter in's Ohr, nachdem der Oberlieutenant sich entfernt hatte. „Dieser Oesterreicher tanzt famos, viel schneidiger noch als unsere jungen Offiziere in Deutschland. Und Du glaubst nicht, Mama, welch' reizender Mensch er ist — wirklich nett! Er lächelt so hübsch, und spricht so herzig mit seinem österreichischen Accent und ist so höflich — ich meine nicht mit Verbeugungen — aber so höflich, wie — wie —"
„Wie wer?" frug die Mutter mit staunender Wißbegier.
„Wie nur ein Prinz sein kann, Mama!"
Die alte Dame lachte. „Ach, Kind, Du schwärmst," sagte sie kopfschüttelnd. „Und er hat Dich ganz heiß gemacht — er tanzt zu wild, zu leidenschaftlich!"
Annie wehte sich mit dem Fächer eifrig Kühlung zu.
„Thut nichts — es war schön, himmlisch schön mit ihm zu tanzen! Jetzt fängt die Musik wieder an, er wird gleich kommen und mich zur Quadrille holen."
Sie trommelte ungeduldig mit den Fingern auf dem Fächer herum und warf ihre Locken zurück.
„Annie, was für ein Mädchen Du doch bist?" seufzte die Mutter. „Du mußt Dich besser beherrschen."
Jetzt trat Bernthal wieder zu ihnen, machte eine tiefe Verbeugung, sah Annie bittend an und führte sie davon.
Die Touren der Quadrille waren dieselben wie in der Heimath und doch mutheten sie das junge Mädchen eigenartig an. Weshalb, wußte sie selbst nicht. Aber sie ging neben ihrem Tänzer her wie in stiller Verzückung, die Musik klang ihr wie Sphärenmusik. Sie spielte in den Pausen des Tanzes mit ihren Handschuhen, streifte sie halb von den weißen Armen und zog sie wieder hinauf, es war ihr unmöglich, ihre Empfindungen zu meistern.
Der junge Offizier sprach nicht viel, aber wenn er etwas sagte, konnte sie, die sonst immer so schlagfertig war, seltsamer Weise nur stammelnd antworten. Es schien etwas wie Zauber, aller Wirklichkeit Entrücktes an dem Orte, in der berauschenden Musik zu liegen. Dabei Mts Annie, daß Bernthals Augen beständig auf ihr hafteten, und wenn sie aufblickte, dann tauchten Beider Blicke ineinander, um sich gleich wieder zu fliehen und zu meiden. Dieses Begegnen, dieses Fliehen machte das junge Mädchen nur noch verwirrter.
Die Quadrille war zu Ende und Annie kehrte mit seltsam verklärtem Gesicht zu ihrer Mutter zurück.
„Laß uns nun nach Hause gehen, bitte, Mama," bat jetzt Annie mit glühenden Wangen. „Ich mag jetzt nicht mehr tanzen!"
„Ja, ja, Kind, ich breche gern auf, weil ich todtmüde bin," versetzte die alte Dame und gähnte. „Und morgen muß ich schon frühzeitig am Brunnen sein I"
Die beiden Damen entfernten sich still und sprachen auch nicht viel auf dem Heimweg. Es war eine schöne Nacht und der Himmel ganz von Mondenglanz überfluthet. Auf der breiten Straße gingen noch viele Leute spazieren und ihre Stimmen mischten sich mit dem leisen Rauschen des Teplflusses, der wie ein silberner Bogen den Weg umsäumte. Annie blieb beständig ein paar Schritte hinter der Mutter zurück, um noch immer der bezaubernden Musik zu lauschen, die allmählig in der Ferne verklang. Ihre Blicke folgten träumerisch dem schäumenden Wasser und hafteten auf den nassen Steinen, die seinen Lauf hemmten, und immer langsamer, zögernder wurden ihre Schritte, als könne sie sich nicht entschließen, weiter zu gehen.
„Annie!" rief jetzt die Mutter, die sich umschaute und bemerkte, wie weit ihr Kind zurück war. „Annie, wo bleibst Du?"
Das Mädchen erwachte wie aus einem Traum und eilte der Mutter hastig und mit erröthenden Wangen nach. Sie wußte ganz bestimmt, daß die Mutter ihre Gedanken nicht er- rathen konnte und doch fürchtete sie, daß es geschehen sein könnte.
♦ * ♦
Oberlieutenant Bernthal hatte gleichfalls den Tanzsaal verlassen und begab sich in ein nebenanliegendes Gesellschaftszimmer, wo er sofort von einer Anzahl seiner Kameraden umringt wurde.
„Sie Glücksmensch, wir haben Sie vorhin beneidet I" rief ein junger Offizier mit gelblichem Gesicht und einer dünnen Stimme. „Wahrhaftig, Ihre Tänzerin war bezaubernd!"
„Fesches Mäderl tst's — zum Anbeißen hübsch!" meinte ein Anderer.
Bernthal lächelte still vor sich hin und zuckte mit den Achseln.
„Die Kleine ist Ihnen wohl noch nicht schön genug, Sie anspruchsvoller Mensch?" sagte der erste Sprecher wieder. — „Sie ist ein Engel, ein holdes Gottesgeschöpf und im Tanz schwebte sie unter den anderen Damen wie eine Elfe dahin!"
„Sie werden ja ganz warm und schwärmerisch wie ein Verliebt«, Kamerad 1" spottete jetzt Bernthal. „Sie sind vielleicht in die Kleine verliebt?"
„Nun, wenn ich's noch nicht bin, kann ich es doch noch werde«," fuhr Jener unbeirrt fort. „Und wenn die junge Dame von honnetter Familie ist und das nothwendige Vermögen besitzt, dann kann man nicht wissen, was geschieht. Ich heirath« .sie gleich vom Fleck weg, denn sie ist wirklich reizend, die Kleine! — Freilich, ich bin nur ein armer, unansehnlicher Kerl, während Sie heute schon coloflale» Glück bet ihr hatten," fügte er kleinlaut hinzu.
„Wieso — ich?" fragte Bernthal betroffen.
„Nun, das konnte ein Blinder sehen! Sie haben die schöne Fremde im Sturm erobert! Thun Sie nur nicht so unschuldig — dar ist ja schauderhaft, wirklich schauderhaft!"
Der junge Offizier wechselte lebhaft die Farbe, dann lachte er kurz und spöttisch .'auf. Er ging aber auf das Gespräch gar nicht weiter ein und sprang gewandt auf ein anderes Thema über.
» ♦ ♦
Annie bewohnte mit ihrer Mutter, der verwittweten Gerichtsräthin Göhren, zwei kleine freundliche Logierzimmer im Oberstock einer Villa in der Parkstraße. Die Wohnung war verhältnißmäßig billig zu nennen, aber die Wirthin des Hauses, eine wohlhabende alte Jungfer, die sich nicht veranlaßt sah, Zinsen zum Capital zu schlagen, vermiethete ihre Zimmer nur


