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1894.
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Donnerstag, den 18. Januar.
(Schluß.)
So sah Dora denn schweren Herzens einen Tag nach dem andern ungenützt verstreichen, während sie vielleicht nur wenige Meilen von Born getrennt war. a
„O, wenn die Tante sich nur zur Weiterreise entschlösse," Dora, „dann wäre ein Zusammentreffen immerhin nicht unmöglich.
Aber die Tante blieb diesmal unerschütterlich in ihrem Entschluß. Aergerlich blickte Dora auf die alten, heiteren Damen, die sich soeben wieder zum Nachmittagskaffee mit ihren Strickstrümpfen in einer der Lauben des Gartens niedergelaffen hatten und sich ungemein zu amüsiren schienen.
,. "AWDu Dich nicht zu uns setzen und Deinen Kaffee hier trinken!" rief ihr dre Tante freundlich zu, als Dora mit Hut und Sonnenschirm an der Laube vorüber eilte.
„Nein, ich danke, ich will spazieren gehen," antwortete Dora kurz und abweisend und wandte der heiteren Kaffeegesell- schäft den Rücken.
„Nur weil sich diese Kaffeeschwestern gerade hier zusammen» gefunden haben, ist man gezwungen, hier zu bleiben. Warum bleiben solche Leute nicht zu Hause? Um Kaffee zu trinken, zu stricken und zu plaudern braucht man, dächte ich, nicht erst große Reisen zu unternehmen!"
.Mit diesen unehrerbietigen Worten machte Dora ihrem erbitterten Herzen Luft, während sie rüstig die nächste Höhe erklomm.
Sie hatte hier einen einsam gelegenen, schönen Aursichts» punkt ausfindig gemacht, wo sie ungestört ihren trüben Ge» danken nachhängsn konnte. Nur sehr selten war sie hier auf dem dunklen Waldweg Menschen begegnet, je höher man hinauf» Mg, je einsamer und stiller wurde es. Eine kleine Rasenbank oben am Ausgang des Waldes war das gewöhnliche siiel von Doras Wanderung. Wie betroffen war sie aber, als sie sich der Bank näherte und dieselbe von zwei Herren besetzt fand.
„Heute scheint sich Alles gegen mich verschworen zu haben," murmelte Dora und setzte sich unmuthig auf das weiche Moos des Waldbodens in der Nähe der Bank, um den Augenblick zu erwarten, wo die beiden Herren das Ruheplätzchen, das sie fast als ihr Eigenthum betrachtet, verlassen würden. Diese schienen aber vorläufig noch nicht daran zu denken, jedenfalls waren sie *• auch erst vor Kurzem hier oben angelangt.
„Hoffentlich hast Du Dir nicht zu viel zugemuthet mit I
Bekehrt.
Novelle von F. S t ö ck e r t.
diesem ersten Ausgang," hörte Dora jetzt den einen der Herren sich besorgt an seinen Nachbar wenden.
„Durchaus nicht," erwiderte dieser, „ich fühle mich im Gegentheil gestärkt und gekräftigt durch den Ausflug. Man fühlt erst, welch' eine Wohlthat diese Luft ist, wenn man sie einige Tage entbehrt hat."
v Dora zuckte zusammen bei dem Klang dieser Stimme, ach, es war ja die eine, die einzige, die sie unter hundert anderen Stimmen würde herausgekannt haben! So nahe war der geliebte Mann ihr nun auf einmal!
Lauschend bog das junge Mädchen den Kopf weiter hervor. Sie konnte die beiden Herren nur ein wenig von der Seite sehen. Wie traumverloren blickte sie auf den lockigen Kopf, auf das blasse, edle Profil des Assessors Born, denn er war es wirklich, der Ersehnte, in dessen Nähe sie das Schicksal nun endlich geführt. Wäre nicht der fremde Herr bei ihm gewesen, da hätte sie auch wohl keinen Augenblick gezögert, sich ihm zu erkennen zu geben. Unter den jetzigen Umständen jedoch ver» harrte sie noch auf ihrem verborgenen Sitze und lauschte weiter auf seine Stimme.
„Es ist eigenthümlich," fuhr Born jetzt fort, „wie in den paar Tagen meines Unwohlseins alle neuen schönen Eindrücke der Reise schwanden und die kleine, alterthümliche Stadt I., die Menschen dort und vor Allem ihr Bild in fabelhafter Deutlichkeit vor meine Seele trat."
„Denn wo das Herz ist, Sind die Gedanken!"
rief Salden, der Reisegefährte Borns, heiter, „und nun er» zahle mir endlich einmal den Roman aus jener kleinen Stadt- Daß Du eine junge Dame mit Gefahr Deines Lebens vom Feuertode gerettet und daß dieselbe eine reiche Erbin ist, so viel weiß ich ja schon! Aber warum nur hast Du das Glück nicht beim Schopfe gefaßt und besagte Dame geheirathet? Aus allen Deinen schüchternen Andeutungen und jener todesverachtenden That habe ich längst ersehen, daß Du sie geliebt haben mußt." .
»Eben weil ich sie liebte, ging ich ihr aus dem Wege," sagte Born, „ich war entstellt, verstümmelt, ich konnte nicht mehr auf Gegenliebe hoffen, las auch nichts davon in ihren Augen, als ich sie nach meiner Krankheit wiedersah, nur Schrecken und Entsetzen zeigte sie bei meinem Anblick. Vielleicht war es übertrieben von mir, daß ich sofort die Stadt verließ, ihr meinen Anblick, der ihr jene schreckensvolle Stunde so bitter in's Gedächtniß zurückrief, für immer entzog."
„Jedenfalls war es ein übertriebenes Zartgefühl," sagte Salden, „man darf die Ritterlichkeit nicht zu weit treiben, man


