Ausgabe 
17.11.1894
 
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und den versteckten Anspielungen offen entgegentraten er war auch eine zu unwahrscheinliche Sache, daß die schönste, reichste Erbin in London durch einen russischen Abenteurer dupirt und entführt sein sollte so verbreiteten die Gerüchte sich doch mehr und mehr.

Auch nach dem stillen Schloß unter den hohen Eichbäumen dringen sie, theils durch die Zeitungen, theils durch die Diener­schaft, die von Anderen darüber gehört.

Lola leidet tief; doch ihr hartes Schicksal hat ihren Character gefestigt. Sie überwindet die Schande, welche sie früher zu Boden gestreckt haben würde. Nur das Bestreben wächst immer mehr in ihr, sich vor der Welt zu verstecken, Niemandem ihr Angesicht sehen zu laflen.

Die arme Pastorswittwe ist schlimmer daran. In dem Maße, wie ihre Tochter an Leib und Seele erstarkt, erschlaffen bei ihr Geist und Körper. Der Keim zu einem Brustleiden, den sie schon lange in sich trägt, wächst in erschreckender Weise. Sie ist noch viel magerer geworden; ihre Wangen sind ein­gefallen und zeigen die hektische Röthe der Brustkranken auf den Backenknochen; die Stimme ist matt und heiser.

Daß der Name, den sie so hoch verehrt, in unwürdigster Weise auf Jedermanns Lippen schwebt, daß ihre angebetete, schöne Lola für immer an einen Betrüger gebunden, verheira- thet und doch nicht verheirathet ist, über diese grauenhaften Thatsachen kann die arme Frau nicht hinweg.

Die Erkenntniß des gefährlichen Gesundheitszustandes ihrer Mutter reißt Lola vollends aus ihrem Grübeln. Sie berath- schlagt mit der Baronin Hastings, was zu thun sei und diese schlägt vor, den allgemeinen Wohnsitz nach Italien zu verlegen, wo der Kranken, wenn auch nicht Heilung, soHoch Erleichterung geschafft werden könne.

Lola begrüßt den Vorschlag mit Freuden. Ja, fort aus England, fort von der Gegend, wo man sie so grausam ge­täuscht, hin an einen versteckten Ort, wo sie einsam und ver- geffen leben kannl In jedem Gesicht, da» ihr hier begegnet, glaubt sie ihre traurige Geschichte zu lesen. Fort, unter fremde Gesichter, fremde Stimmen, fremde Sitten!

Die Baronin nimmt die Reisevorbereitungen unverzüglich in ihre energischen Hände. Sie hat die unglückliche Lola so lieb gewonnen, daß sie sich vornimmt, so lange sie lebt, ihr zur Seite zu stehen. Zudem erhält sie fast täglich einen Brief von ihrem Sohne und die liebende Mutter liest zwischen den Zeilen die versteckte Bitte, die geliebte Frau nicht zu ver­lassen.

Als die drei Damen, nur begleitet von Lisette, England den Rücken wenden, hat Lola das Gefühl, als schließe ihr Leben ab. Zwar zieht sie einer schöneren, blühenderen Gegend entgegen, einer reineren, balsamischeren Luft; doch für die Frau, die noch vor Kurzem das ganze elegante London zu ihren Füßen gesehen, die sich bereits Herrscherin über Tausende von Unterthanen gewähnt für sie bedeutet es immerhin ein Exil.

XXVIII.

In einiger Entfernung des Dorfes Castelamare liegt eine kleine, ganz im italienischen Styl gehaltene Villa. Der Golf von Neapel spült seine blauen Fluthen bis dicht an ihre Mauern. Ein großer Garten mit Cypressen und Palmen, mit duftenden Rosen und versteckten Veilchen zieht sich tief hinein in's Land. Inmitten des dunklen Laubes schimmern Marmorstatuen, plätschern hohe Springbrunnen.

Diesen traulichen Platz hat die Baronin Hastings als ihren zukünftigen Aufenthaltsort auserwählt. Hier hat sie mit ihrem seligen Gatten die Flitterwochen, die glücklichsten Tage ihres Lebens, zugebracht. Hier soll Lola die Ruhe des Gemüths, ihre Mutter Erleichterung in ihrem Leiden finden.

Gestern Abend ist die kleine Gesellschaft angekommen. Jede der Damen hat ihre zwei Zimmer, Schlafcabinet nebst Wohnzimmer, bezogen, deren Fenster einen weiten Blick auf das Mittelmeer gewähren. Der gemeinschaftliche Salon mit seinen vier großen Fenstern führt direct zu einer weiten Marmorterraffe, welche alterthümliche Vasen mit buntfarbenen Blumen und Schlinggewächsen schmücken. Von hier aus ge­

nießt man einen herrlichen Ausblick auf Neapel und den Vesuv. Das ebenfalls gemeinschaftliche Eßzimmer, ein langer, kühler, schattiger Raum, führt zum Garten mit seinen duftigen Blumen und Orangenhainen, in denen kleine Vögel munter zwitschern.

Außer Lisette ist nur italienische Dienerschaft im Hause. Keine englische Zeitung kommt über die Schwelle dieses stillen Asyls. Alles, was die Bewohner an die Vergangenheit ge­mahnen könnte, ist verbannt.

Als Lola hier ihren Einzug hielt, kamen ihr unwillkürlich Cleopatras Worte in den Sinn:Ach, hier gibt es keine Männer zu besiegen!"

Sie lächelt bei dem Gedanken. Ach, sie hegt keinen Wunsch mehr, über Männer zu siegen! Was haben die Männer ihr Anderes gebracht, als Sorge, Verrath, unauslöschlichen Schmerz? ... Alle? . . . Nein, Einer ausgenommen! . . . Und sie senkte traurig das Köpfchen.

Wirst Du unsere neue Heimath ltebgewinnen, Mama?" hatte Lola liebevoll gefragt, als sie sah, wie die trüben Augen ihrer Mutter sehnsüchtig über die blauen Wogen und darauf zum klaren Himmel schweiften.

Meine Heimath wird nicht mehr lange hier auf Erden sein," hatte diese leise geantwortet.Ja, mein Kind, ich werde hier gern leben."

Dabei wanderten ihre Gedanken zurück zu dem Clifdaler Pfarrhof, zu den alten Weidenbäumen, zu dem stillen Kirch­hof, wo ihr guter Mann zur ewigen Ruhe gebettet lag. . . . Sie hatte ihr Leben lang nur in ihrer Tochter und für die­selbe gelebt. Jetzt, da für die Zukunft dieser Tochter nichts mehr zu hoffen war, da Lola selbst ihr Leben als abgeschlossen erklärte jetzt hat ihr Weilen auf Erden keinen Zweck mehr. . . .

Bulb haben sich alle Drei in der Villa Flora eingerichtet, und ihr Leben gleicht mehr einem Traum als der Wirklichkeit. Sie erfahren nichts von den Stürmen der großen Welt da draußen; die Ruhe, der Frieden beginnen ihre heilsame Wirkung auszuüben.

Lola, die früher nur an sich selbst, an ihre Vergnügungen, an ihren eigenen Vortheil gedacht, fängt jetzt an, für Andere zu leben. Ihre Mutter gesund zu machen, der großmüthigen Baronin Hastings die einsamen Stunden zu versüßen dar find jetzt ihre Aufgaben.

Frau March ist zu schwach, um weite Spaziergänge zu unternehmen. Am liebsten steigt sie hinunter zu der alten Pasflonrkirche. Dort, in dem großen, stillen Kirchgarten, unter einem verwitterten, epheuumrankten Kreuz, welches Passions­blumen und Lilien umblühen, weilt sie oft stundenlang und blickt hinab auf das wogende Meer. Von dort aus sieht sie den Segelschiffen zu, wie sie immer kleiner und kleiner zu werden scheinen und schließlich ganz verschwinden. Dann weint und schluchzt sie still vor sich hin, als solle ihr das Herz brechen.

Einmal, als sie wieder auf ihrem Lieblingsplatze sitzt, den rechten Arm um das Kreuz geschlungen, die Stirn an den kühlen Epheu gepreßt, geht eine der Schwestern vom nahen Kloster vorüber.

Hat Ihr Herz Kummer?" fragt eine milde, sanfte Stimme.

Ja, sehr," lautet die leise Antwort.

So seien Sie getrost! Sie haben den besten Ort ge­wählt, um den Kummer zu heilen."

Die Pastorswittwe nickt still mit dem Kopfe. Das milde Antlitz und die sanften Worte der Klosterschwester verlassen sie nicht mehr. . . .

Lola liebt es, an die weiße Balustrade der Terrasse ge­lehnt, die Wolken zu beobachten. Soeben schwebt eine dicht zusammengeballte, dunkle Wolke über ihrem Haupte. Wird sie herniederfallen? Oder wird sie davonflattern, weit, weit weg in den blauen Aether? Gedankenvoll blickt sie empor.

Da legt sich eine sanfte, zitternde Hand auf ihren Arm.

Du grübelst, mein Kind?" fragt die matte Stimme ihrer Mutter.O, ich ängstige mich stets, wenn ich Dich in Grübeleien versunken sehe."