Unterhalt,ingsbiatt jwm Gletzener Anzeiger (General-Anzeiger)
Samstag, den 17. November.
Lola.
Roman frei nach dem Amerikanischen von Erich Friese».
(Fortsetzung.)
Beide schweigen eine Zeit lang — Jede mit ihren Se< danken beschäftigt.
„Was würden Sie ihun, wenn Ihren Sohu ein solches Unglück betroffen hätte?" fragt Frau March plötzlich.
„Mein Sohn ist ebenso unglücklich, wie Ihre Tochter," erwidert die Baronin wehmükhig; „denn er liebt Ihre Tochter."
Und die beiden Mütter blicken einander lange mit Thränen in den Augen an.
„Fassen Sie Muth!" sucht die Baronin die fassungslose Pastorswittwe zu trösten. „Wenn es eine Rettung für Ihre Tochter gibt, wird mein Sohn sie ausfindig machen. Ich fetze unbegrenztes Vertrauen in ihn."
„Gott segne Ihren Sohn!" sagt die Pastorswittwe einfach, während große Thränen ihr über die Wangen laufen-
Nachdem sie alles Nothwendige erfahren hatte, begehrte sie unverzüglich ihre Tochter zu sehen. Als sie das Krankenzimmer betritt, hört sie wirre, unzusammenhängende Sätze, in denen der „Fürst" eine Hauptrolle spielt — der Fürst und seine Schlösser — der Fürst und seine Reichthümer — der Fürst und seine Hochzeit — das Fieber scheint alles Spätere aus ihrem Gedächtniß fortgewischt zu haben.
Da liegt sie, ihre ehedem so schöne, glänzende Tochter. Das Gesicht ist roth und aufgedunsen vom Fieber; die tiefumschatteten Augen rollen wild umher.
Mit einem durchdringenden Schrei fällt die unglückliche Mutter neben dem Bett auf die Kntee.
„O, mein Kind, meine schöne Lola! Mußte es so weit kommen?" . . .
Ein Rückfall in dem Befinden der Kranken ist eingetreten, so daß sie selbst die Mutter nicht erkennt.
Roch einmal kommen Stunden, in denen die beiden mütterlichen Pflegerinnen fast verzweifeln wollen. Doch auch sie gehen glücklich vorüber.
Das Wiedersehen zwischen Mutter und Tochter ist ein tiefergreifendes. Lange, lange halten sie sich umschlungen. Die Pastorswittwe schluchzt, als wolle ihr das Herz brechen, während Lola ihr die Thränen von den runzeligen Wangen
. XXVII.
Still und zurückgezogen leben die drei Damen nach Lola- Wiederherstellung in dem alten Schloß. Der Dienerschaft ist Lola nur als Fräulein March bekannt, zu deren Pflege ihre Mutter, eine entfernte Verwandte der Baronin, hergekommen fei. Auf diese Weise ist jeder Möglichkeit, in dem jungen Gast die bekannte Baronin Medfort zu vermuthen, entgegengetreten.
Baron Gerald gibt sich inzwischen die größte Mühe, den Aufenthaltsort der beiden Männer, welche Lolas Unglück verschuldet, auszukundschasten. Vergebens. Lord Rawdon war bald nach jenem verhängnißvallen Tage nach Deutschland gereist und von dem „Fürsten Orlowsky" hatte man seit seiner Hochzeit überhaupt nichts mehr gehört. Man wähnte das fürstliche Paar auf der Hochzeitsreise nach Italien oder in stiller Flitterwochen-Zurückgezogenheit auf einem der Schlösser des Fürsten.
Dann war plötzlich — Keiner weiß, wer den Anlaß dazu gegeben — das Gerücht aufgetaucht, der Fürst Orlowsky fei gar kein Fürst, sondern ein Abenteurer, der sein letztes bischen Geld daran gesetzt habe, um ein großes Vermögen zu gewinnen. Lord Rawdons Name wurde mit dieser Sache nie in Verbindung gebracht.
Die Londoner Gesellschaft interesstrte sich lebhaft für diese mysteriöse Angelegenheit. Täglich liefen Anfragen bei der russischen Botschaft ein; doch diese konnte keine Auskunft geben Man bombardirte die arme Pastorswittwe mit Erkundigungen nach dem Befinden ihrer fürstlichen Tochter, um etwas zu erfahren. Auch dies half nichts. Frau March, die selbst ohne jede Nachricht war, hatte zuerst erklärt, das junge Ehepaar befände sich auf einer Reise durch den Continent. Dann gab sie ausweichende Antworten. Schließlich zeigte sie ganz offen ihre Unruhe.
Und dann war sie, die gute, stille Frau, von der die Welt so wenig Notiz genommen, plötzlich auch verschwunden- Die Dienerschaft erzählte auf die vielen neugierigen Fragen hin, Frau March habe einen Brief erhalten, wonach sie sehr erregt gewesen und Tags darauf abgereist sei, wohin, wisse Niemand, auch nicht, wann sie zurückkehre.
Bald darnach tauchten jene Gerüchte zuerst auf.
Als man die Herzogin von Edenfield fragte, ob sie etwas Näheres wisse, schüttelte sie lachend den Kopf und meinte, sie sei ebensowenig allwissend, wie die übrigen Londoner Be wohner.
Die großen Zeitungen nahmen für oder gegen die Gerüchte Partei. In den Clubs fanden sie ebenso Vertheidiger, wie Angreifer. Und obwohl die Meisten nicht daran glaubten


