Ausgabe 
17.7.1894
 
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Unfug mit Briefmarken.

Nach einer Mittheilung derTimes" hat sich der Viee- könig von Indien genöthigt gesehen, ein Rundschreiben gegen das Speculiren mit Briesmarken durch die Postbeamten der ihm unterstellten Colonien zu erlassen. Die Briefmarkenhändler haben nämlich ihre Agenten in den verschiedenen Colonien angewiesen, in der Weise Ueberdrucke zu veranlassen, daß sie häufig auf einen Wink der Postbeamten hin den von einem gewissen Werthzeichen vorhandenen Vorratb auskausen und sodann mehr davon verlangen. Der Vorsteher des Post­amts wird dadurch in die Nothwendigkeit versetzt, andere Marken auf den gewünschten Werth überdrucken zu lassen, da bei den großen Entfernungen neuer Vorrath nicht schnell genug herbeigeschasst werden kann. Einige Händler gehen so weit, eine größere Summe an den einen oder anderen Postvorsteher mit der Bitte einzuschicken, dafür gelegentlich Ueberdrucke oder sonstige Seltenheiten zu liefern.

Diese zweckwidrige Verwerthung von Briefmarken zeitigt auch sonst recht häßliche Erscheinungsformen. So war eine Neger-Republik an der Westküste von Afrika außer Stand, ihrem Commiflar bei der Weltausstellung in Chicago die er­forderlichen Geldmittel zur Verfügung zu stellen; sie sandte ihm daher ein Packet ihrer schön gedruckten Postwertzeichen, aus deren Erlös er seine Bedürfnisse bestreiten konnte. Die neun oder zehn Cook-Inseln im Stillen Ocean erzielen auf solche' Weise ebenfalls erhebliche Einnahmen. Die Inseln bilden eine Kohlen- und Lebensmittelstation für den Schiffs­verkehr zwischen Mittelamerika und Neuseeland. Vor nicht langer Zeit waren die 10,000 bis 11,000 Bewohner, meist braune Polynesier, noch Menschenfresser; jetzt kleiden sie sich nach europäischem Geschmack, handeln mit Neuseeland in Kaffee, Tabak, Baumwolle und Copra und leben in Häusern aus Korallenstein und Schilfdächern. Im Jahre 1888 wurden sie auf Wunsch unter britischen Schutz gestellt, und vor etwa anderthalb Jahren empfanden sie das Bedürfniß, ihre Fort­schritte in der Gesittung auch durch den Gebrauch von Brief­marken zu bekunden. Von Neuseeland erhielten sie einfach gedruckte Werthzeichen; bald erschienen die Händler und die Eingeborenen fanden, daß mit den kleinen Werthzeichen mehr zu verdienen sei, als mit Kaffee oder Copra. Unlängst haben sie eine neue Auflage, diesmal kunstfertig, drucken taffen, worauf die Händler noch zahlreicher erschienen. Man kann sich denken, daß auf 100 oder 200 verkaufte Werthzeichen eins kommt, das im Postverkehr gebraucht wird. Es heißt, daß die Leute ihre Staatsausgaben mit dem Ertrag des Postmarkengeschäfts decken.

In einem anderen, großen Land erscheint fast Jahr für Jahr eine neue Ausgabe von Postwerthzetchen für einzelne Staaten; die Händler liefern die neuen Marken umsonst, und beim Erscheinen einer neuen Ausgabe wird die ältere außer Cours gesetzt, während die Platten den Händlern verbleiben. Auch in Indien machen mehrere einheimische Staaten auf diesem Wege einträgliche Geschäfte: Faridkot z. B., einer der Sikhs-Cissutley'Staaten im Südosten von Firozpur mit etwa 115,000 Einwohnern, hat seit 1877 gegen 300 verschiedene Postwerthzeichen ausgegeben.

Zu diesen Mittheilungen liefert dieN. Z." einige weitere, von dem Forschungsreisenden Dr. Bäßler herrührende be- merkenswerthe Beiträge. Als der Genannte im vergangenen Jahre im Laufe von ungefähr vier Monaten Singapore vier­mal berührte, gab es dort jedes Mal neue überdruckte Frei­marken; sie mußten hergestellt werden, weil die Auflagen stets in kürzester Zeit vergriffen waren, einmal eine solche von 80,000 Stück in nicht ganz drei Tagen. Die Marken waren meist mit 1 Cent überdruckt, da die Billigkeit den Absatz er­höhte, ohne den Werth in Europa zu beeinträchtigen. Dr. Bäßler erzählt von einem Angestellten eines dortigen Geschäftshauses, der privatim den Auftrag hatte, von jeder neu erscheinenden

Marke umgehend 4000 Stück nach Deutschland zu senden. Leute, die sich durchaus nicht in günstigen Verhältnissen be- fanden, konnte man für 100 Dollars Briefmarken am Schalter kaufen sehen, mit denen sie speculirten, wie andere Leute in Kaffee. So erschienen stets andere Marken mit 1 Cent über- druckt, heute eine 8 Cents-Marke, einige Tage später eine 2 Cents- oder 5 Cents-Marke und so fort.

Die Höhe der dadurch gewonnenen Einnahmen erregte in den Nachbarreichen begreiflichen Neid. Der Sultan von Johor setzte es durch, eigene Marken drucken zu dürfen. Statt der früheren mitJohor" quer überdruckten Marken der Straits Settlements führt er jetzt solche, die sein Bildniß zieren. Allerdings gelten sie nur für die Strecke Johor-Singapore, eine Entfernung von ungefähr 14 englischen Meilen, während alle über Singapore hinausgehenden Briefe die Marken der Straits Settlements tragen müssen, und zwar in derselben Höhe des Betrags, als ob die Johor-Marke nicht vorhanden wäre. Deßhalb bestand deren Satz nur aus drei oder vier Marken im Werth von wenigen Cents. Da aber hierbei der Sultan kaum auf seine Kosten gekommen wäre, und es ihm nicht gerade Nebenzweck war, außer dem Ruhm: sein Bildniß aus den Marken prangen zu sehen, auch einen Ueberschuß zu erzielen, so verfiel er auf den Gedanken, noch eine Dollar- Marke Herstellen zu lassen. Das Postamt in Johor wird kaum jemals in die Lage gekommen fein, diese Marke ihrem Werthe nach benutzt zu sehen; der Sultan aber verkaufte an Sammler oder vielmehr an Händler int ersten Jahre davon 30,000 Stück.

Das Unglaublichste gewahrte Dr. Bäßler in Apia. Dort verkauft unmittelbar neben dem Haus der deutschen Postagentur ein englischer Photographsamoanische" Briefmarken. Wie er dazu kommt, weiß Niemand; vielleicht hat er die Erlaubniß dazu einmal von irgend einem samoanischenKönig" erhalten. Diese Marken gelten auf Briefen nach Tonga, Neuseeland und Australien, soweit sie von englischen Colonialdampfern befördert werden, während sonstige Postschiffe die samoanischen Privatmarken niemals anerkannten. Dr. Bäßler, welcher einigeSets" für Freunde erwarb, fügt für die Verhältnisse bezeichnend genug hinzu, daß er den ganzen Posten für die Hälfte des eigentlichen Werthes erhalten habe, nachdem er erklärt hatte, daß er die Marken nur als Sammler erstände und bereit sei, die Hälfte abgestempelt zu übernehmen.

Bei dieser Gelegenheit sei noch erwähnt, daß die Pariser Polizei kürzlich mehrere Personen in Haft genommen hat, die in großem Maßstab seltene Briefmarken nachgemacht und einen gewinnbringenden Handel damit getrieben haben. Einer von ihnen, angeblich ein Württemberger Namens Menke, hat französische Colonialmarken hergestellt und mit Ueberdrucken versehen, während ein Händler Beauzemont u. A. Marken angefertigt hat, wie solche 1870 bis 1871 von Deutschland in den besetzten französischen Gebieten in Verkehr gebracht wurden.

Gegenüber dem Unfug, der im Briefmarkenhandel Platz gegriffen hat, verdient das zeitgemäße Vorgehen des Vicekönigs von Indien vollste Anerkennung.

(Archiv für Post und Telegraphie.)

Vermischtes.

DerHerrfcher vonX., dessenRegierungsgefchäfte die Minister besorgten, lustwandelte vor den Thoren der Residenz. Da fallen ihm mehrere arme Leute zu Füßen und bitten ihn mit thränenden Augen, ihnen Arbeit zu verschaffen.Ja," sagte der Herrscher gerührt,darin kann ich Euch nicht helfen, ich habe selber nichts zu thuni"

Gemeindediener:Bürgermeister, der Gemeindestier ist auskumma!" Bürgermeister:Kruzitürken! Nit amal im Wirthshaus hat ma> Ruh vor seine Gemeindeglieder!"

Redaktion: A° Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.