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läuten ttttb hierauf die schrille Stimme der Haushälterin, die Jemandem den Eintritt in das Zimmer verbot. Zugleich wurde die Thüre aufgeriffen und Herr Adamek trat in Begleitung eines zweiten Herrn ein.
Jvanyi war aufgesprungen- Sein Gesicht schien in diesem Augenblicke aschfahl. Mit einer heftigen Bewegung trat er vor Adamek und fragte mit vor Erregung heiserer Stimme: „Was wünschen die Herren?"
Adamek knöpfte seinen Rock auf, so daß man sein Abzeichen sah, und legte seine Hand auf die Schulter Jvanyis.
„Desider Jvanyi, ich verhafte Sie! — Im Namen des Gesetzes!"
Jetzt sprang auch Margarethe auf; ihren Lippen entfuhr ein Schreckensschrei.
Nur Weber blieb am Tische sitzen.
„Westen beschuldigt man mich?" fragte Jvanyi fest.
„Des Mordes an Ottokar Wolski," antwortete Adamek.
„Gut," sagte Jvanyi und wendete sich, um dem Detectiv zu folgen. Dann ging er noch einmal zurück und sagte zu Margarethe, die wie erstarrt und mit weit geöffneten Augen dastand: „Margarethe — man führt mich in's Gefängniß, aber ich schwöre Dir bei Allem, was mir heilig: Ich bin unschuldig an diesem Verbrechen!"
Als hätte sich der Bann gelöst, der das schöne Mädchen gefangen hielt, warf sich dieses jetzt an Jvanyis Hals und rief unter Schluchzen: „Geliebter, ich glaube Dir!"
Desider umarmte sie noch einmal innig, küßte sie auf die Stirn und wandte sich zum Gehen. Als er das Zimmer ver- lasten hatte, fiel Margarethe ohnmächtig zu Boden.
X;
Herr Wendelin Adamek erlebte die Genugthuung, daß die Zeitungen sich in außerordentlich wohlwollender Weise mit ihm beschäftigten. Es wurde an dem Tage, an welchem er Jvanyi verhaftet, beinahe so viel von seiner Geschicklichkeit gesprochen, wie von dem angeblichen Thäter, an besten Schuld zu glauben alle Welt geneigt war. Ein Mann aus so vornehmen Gesellschaftskreisen, der Bräutigam eines der schönsten und reichsten Mädchen der Stadt — ein gemeiner Verbrecher! Die Reporter, ohnedies mit einer Phantasie begabt, der es ein Leichtes ist, das geringste Vorkommniß zu einer Sensationsaffaire aufzubauschen, dichteten auf Grund der ihnen durch die vertraulichen Mittheilungen Adameks bekannt gewordenen Einzelheiten einen Roman, der an Spannung nichts zu wünschen übrig ließ und in welchem sie das Schicksal der schönen Margarethe Weber in den rührendsten Worten schilderten; natürlich war die junge Dame nach diesen Darstellungen in Ottokar Wolski verliebt gewesen, denselben, der nun von dem nach den Millionen Webers lüsternen Jvanyi getödtet worden; das sensationrbedürfttge Publikum war vollauf befriedigt-
Anton Weber hatte noch an demselben Abend, an welchem er bei seinem zukünftigen Schwiegersöhne den Kaffee hätte trinken sollen, mit seiner unglücklichen Tochter eine lange Unterredung, in welcher er den Wunsch aussprach, daß sie Wien auf einige Zeit verlasse, um nicht der Gegenstand der öffentlichen Neugierde zu sein- Aber Margarethe widersprach in so heftiger und leidenschaftlicher Weise, daß Weber, der für die Gesundheit seiner Tochter fürchtete, nicht nur nachgeben, sondern auch versprechen mußte, Alles, was in seiner Macht stand, zu thun, um die Unschuld Jvanyis an den Tag zu bringen.
„Mein liebes Kind," sagte Weber, „ich habe Doctor Mark gebeten, sich seiner anzunehmen, und wenn Beredtsamkeit und Klugheit ihn zu retten vermögen, so kannst Du ruhig sein."
„Aber glaubst Du an seine Schuld?" unterbrach ihn Margarethe mit thränenerstickter Stimme.
„Ich halte ihn weder für schuldig, noch für unschuldig," meinte der Millionär kalt-
„Ich aber," rief das Mädchen, während ihre Wangen sich wieder rötheten, „ich glaube Desider mehr als irgend Jemandem auf der Welt — und er hat mir geschworen, an dem Morde unschuldig zu sein!"
Während dieser Zeit schritt der Mann, mit dem sich alle Welt beschäftigte, in seiner Zelle auf und ab und überlegte. Er wußte sehr gut, was ihn hätte befreien können. Aber gerade von diesem einzigen entlastenden Beweise wollte er keinen Gebrauch machen. Er dachte an Margarethe, und immer fester wurde sein Vorsatz, nichts zu seiner Rettung zu thun.
„Sie würde es nicht ertragen," murmelte er traurig, „und es ist bester, daß der letzte Jvanyi in Schmach zu Grunde gehe, als daß das arme, bedauernswerthe Mädchen, mein süßer Liebling, die volle, schreckliche Wahrheit erfahre."
Er verbrachte eine schlaflose Nacht.
Am nächsten Morgen öffnete sich die Zelle, und Doctor Philipp Mark trat in den kleinen, düsteren Raum. Seine hohe Gestalt erschien noch schlanker in der niedrigen Thür.
„Wie gut von Ihnen," rief Jvanyi freudig überrascht, „daß Sie mich aufsuchen. In solchen Zeiten lernt man seine wahren Freunde kennen."
„Nun ja," entgegnete der Advocat etwas zögernd. „Ich komme übrigens im Auftrage des Herrn Anton Weber, der mich ersuchte, Ihre Vertheidigung zu übernehmen."
„Glaubt er an meine Unschuld?" fragte Jvanyi.
Doctor Mark gab eine ausweichende Antwort.
„Und Margarethe?" forschte der Häftling gespannt.
„Fräulein Weber hält Sie für unschuldig und erlaubt Niemand, Uebles über Sie zu sprechen," erwiderte der Advocat etwas wärmer.
„Gott sei Dank," rief Jvanyi aufathmend. „Sie ist ein echtes Weib! Ich kann mir denken," setzte er erbittert hinzu, „wie ich hergenommen werde."
„Man spricht von nichts Anderem, in der That," meinte ruhig Doctor Mark. „Alle anderen Ereigniste sind in den Hintergrund getreten. Ihre Verhaftung bildet den ausschließlichen Gesprächsstoff. Aber," — der Advocat hatte bemerkt, daß Jvanyi vor Zorn zu zittern begann, — „das ist lauter Geschwätz. Ich hoffe, Sie nehmen meine Vertheidigung an."
„Es ist umsonst," murmelte Jvanyi düster, auf die feuchte Wand des Gefängnisses starrend.
„Unsinn," brummte der Advocat gezwungen. „Uebrigens, Sie mögen wollen oder nicht, ich werde Sie vertheidigen. Ich glaube an Ihre Unschuld und muß diese um jeden Preis an's Licht bringen und geschehe das auch nur um des edlen Mädchens willen, von dem Sie in solcher Weise geliebt werden."
Desider war gerührt und reichte ihm die Hand.
„Ich habe aber kein Material für die Vertheidigung," sagte er.
„Wie?" rief Mark überrascht aus. „Sie werden doch nicht zugeben . . ."
„Nein," antwortete Jvanyi zornig. „Aber gewiste Verhältnisse zwingen mich, die Beweise meiner Unschuld Niemandem anzuvertrauen."
„Ah," sagte der Advocat und blickte seinen Clienten erstaunt an; „es gibt keine Verhältniffe, die Jemanden zwingen könnten, sein Leben preiszugeben. Im Uebrigen wollen Sie mir einige Fragen beantworten?"
„Ich kann das nicht versprechen."
„Wir werden sehen." Mark nahm sein Notizbuch zur Hand. „Wo waren Sie Donnerstag Nachts?"
„Das kann ich nicht beantworten."
„O ja, das können Sie, lieber Freund. Sie gingen gegen elf Uhr von Weber fort-"
„Ja, zwanzig Minuten nach elf Uhr."
Doctor Mark lächelte befriedigt, als er dies notirte. „Nur diplomatisch," dachte er und fuhr in seiner Fragestellung fort.
„Und wohin gingen Sie?"
„Ich begegnete Roller; wir nahmen zusammen einen Wagen und fuhren in meinen Club."
„Der Junge Herren-Club?"
„Ja-"
„So."
„Roller suchte seine Wohnung auf, ich begab mich in's Spielzimmer und spielte etwas Billard." (Forts, folgt.)


