Ausgabe 
17.5.1894
 
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Donnerstag, den 17. Mai.

1894.

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Untrvhaltungsblatt 511111 Siebener Anzeiger (Generalanzeiger)

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Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Vierter Kapitel.

Schultheiß Schösser, welcher ebenfalls einen Schlüffel zur Marterkammer besaß, hatte inzwischen den gestrengen Justiz- commissarius mit seinem Schreiber und den Henker mit seinen Knechten aus der unfreiwilligen Hast befreit.

Berichte Er, wie die ganze Sache gekommen ist," herrschte Caspari den Schreiber an;Er hat ja nichts davon getragen, hat Alles genau beobachten können und muß den Vorgang kennen."

Haltet zu Gnaden, gestrenger Herr Commiffariusl" be­gann der Schreiber ängstlich.Schon hatte ich mich erhoben, um auf den Schweinehirten loszustürzen, da vernahm ich in der Höhe ein unheimlich Brammen und Knorren als dasjenige einer großen Hummel. Ich schaute auf und sah deutlich, wie zu dem Zuglochs ein kleines, schwarzes Gethier, gleich einer winzigen Fledermaus, herein huschte und sich hinter dem Rücken des Schweinehirten verbargt Als hätte ich einen Schlag auf Haupt und Glieder bekommen, so ging es mir durch den ganzen Körper; ich wurde steif als ein Ochsenstecken, konnte mich nimmer regen und stürzte ganz todtenähnlich zu Boden. Erst nachdem der Schweinehirt mit dem unheimlichen Gethier auf dem Rücken verschwunden war, empfing ich meine Be­sinnung wieder und allsogleich machte ich Lärm und rief aus voller Kraft um Hülfe. Jedenfalls habe ich viel Härteres er­duldet, als Euer Gnaden."

Die Zuhörer schauderten; keiner zweifelte, daß der böse Feind in der Folterkammer gewesen und von dem Schreiber erblickt worden war.

Er hat sich beffer gehalten, als ich vermuthete," sprach Carpari.Run gilt ee, den bösen Feind von der Folter­kammer abzuhalten. Wände, Fußboden und Decke müssen mi Gruppen von je drei Kreuzen versehen werden und vor das Zugloch hänget allsogleich drei Kreuze, wir werden dann vor weiteren Einbrüchen des Satans verschont bleiben. Der Feld- scheer soll die Wunde des Schweinehirten verbinden, wir müssen ihm den Prozeß zu Ende bringen, bevor die Sonne untergeht."

Es geschah, wie der Hochmögende befahl. Des Nach­

mittags verhörte das Gericht den todtwunden jungen Menschen, er gestand Alles, was man von ihm verlangte und wurde zum Tode durch das Schwert verurtheilt. Am anderen Tage be­gann das Verhör mit den drei alten Frauen: der Printzin, ,er Schmack Anna und der Johann Waasen Frau, alle drei von Echzell. Kaum mehr als eine Stunde war für jede der drei Unglücklichen erforderlich, um ihnen mittelst der Folter ms Geständniß auszupressen: sie feien Hexen, hätten mit den beiden Schweinehirten an Hexentänzen, teuflischen Taufen und Abendmahlzeiten theilgenommen, hätten Mäuse, Kröten und Raupen gemacht und in's Feld gelassen und noch vieles An­dere- Dieweil sie nun Alles, zuletzt aus Verzweiflung in Güte, zugestanden, wurde ihnen die Gnade zu Theil, daß sie nicht lebendig verbrannt, sonder« zuerst enthauptet und ihre Körper dann erst zu Asche verbrannt werden sollten. Dre Todesurtheile wurden schon am folgenden Tage an den vier Gefangenen vollstreckt.

Aber immer noch gab sich kein Anhaltspunkt dafür, wer das Prinzlein des Landgrafen verzaubert und um's Leben ge­bracht hätte. Besonders verdächtig waren: die Trösters von Echzell, die Gersten Agnes von Echzell, Matthias Schützen Frauen von Gettenau und das Mägdlein von Geiß-Nidda, welches den alten Schweinehirten von Bisses auf seinem letzten Gange verhöhnt hatte. Sie wurden alle vier eingezogen, mittelst der Folter zum Geständnisse gebracht und zum Tode verurtheilt. Matthias Schützen Frauen von Gettenau wurde lewig" verbrannt.

Im Gefängniß saßen noch: Henrich Lobber Frauen von Echzell, Ferber Hüttgen von Echzell, Henrich Benders Frauen von Echzell.Seyndt im Gefängniß gestorben" steht in dem Verzeichnisse des Schultheißen Hans Görg Schösser. Hiermit waren die Greuel des Jahres 1652 aber noch nicht zu Ende; es folgte eine fünfte Parthie: Georg Mocken Frauen von Sch- zell, Hans Stefans. Frauen von Echzell, Henrich Stoll von Echzell.

Auch damit war es noch nicht genug, denn es folgte die secküe Vartbie und zwar der Haubenschneider von Echzell, des Laubenschneiders Weib, denen ein Begräbniß zugestanden wurde. Den Schluß bildete: Heintz Bicken Frauen von Bingen­heim, welche verbrannt wurde; wahrscheinlich war sie besonders "^^Dk grauenhaften Thaten des Hexenrichters Caspari werden am besten durch das Verzeichnis des Schultheißen Schösser veranschaulicht. Die Form dieses Verzeichnisses und die Orthographie desselben ist genau beibehalten und lautet folgendermaßen: