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ließ es zu, daß er ihre Hand ergriff und ungestüm an Herz und Mund preßte. Als Albrecht von Laffow dann mit der Gräfin Lucie eintrat, eilte Thekla jedoch lächelnd und völlig ruhig der Freundin entgegen, denn sie verstand, sich zu beherrschen-
„Mein liebes Herz! Wie freue ich mich, Dich zu sehen!" ries Fräulein von Laffow der Freundin entgegen.
Nachdem die beiden jungen Damen sich umarmt und Lucie ihr Geschenk übergeben hatte, trat Albrecht vor, um seinen Gast der jungen Gräfin vorzustellen.
„Herr Leo Bellarino — Gräfin Bergen!" erklang Albrechts sonore Stimme ceremoniell.
Sie verneigten sich beide scheinbar völlig ruhig und verbindlich, aber das junge Mädchen ward doch roth und hob das Auge nicht, während der Italiener sogleich mit einigen gewand. ten Worten die Unterhaltung einleitete. Sein Blick leuchtete auf, als er an der Comteß Brust die Vergißmeinnicht erblickte, welche er heute Morgen nach Schloß Bergenhöhe gesandt- Die Ankunft anderer Gäste bewirkte, daß das Geschwisterpaar von Laffow zu denselben hineilen und Bellarino und Gräfin Lucie für Augenblicke sich selbst überlaffen mußte. Der gewandte und berechnende Bellarino benutzte sogleich diese Gelegenheit, um sich bei der jungen Comteß einzuschmeicheln.
„Wie soll ich mein Glück und meine Freude der holden Waldfee über dies Wiedersehen ausdrücken? Und noch dazu diese Huld und Gnade, meine bescheidene Huldigungsgabe so zu Ehren zu bringen!" rief er halblaut mit seiner wohlklingenden, seltsamen Stimme. „ _ „ ,
„Sie haben mir die Vergißmeinnicht gesandt?" frug Lucie fast verlegen. „Dies geschah ja beinahe, ohne mich zu kennen!"
„Nicht doch, gnädigste Gräfin, denn wer einmal in Ihre Augen geschaut, kann sie nie wieder vergessen. Zudem trage ich die Blümlein, welche mir gestern ein Wiedersehen verhießen, auf der Brust als Talisman. Ein fahrender Künstler wie ich muß das Glück festhalten, vielleicht entflieht es ihm wieder, ehe er es recht geahnt."
Allmälig schwand Luciens Befangenheit und sie wurde sehr heiter, denn Bellarino war sehr schön und verstand entzückend zu plaudern. Die blauen Augen der Comteß strahlten, ihr silbernes Lachen erklang häufig und Albrecht von Lassow, der viel in Luciens Nähe war, schaute gedankenvoll in das liebliche Gesichtchen der Comteß, während ein gewisses Gefühl von Bitterkeit und Bangen in seinem Herzen aufstteg. Wes- halb konnte nicht dies Lachen und Plaudern der Comteß ihm gelten? Sollte seine große, treue Liebe denn niemals Wiederklang finden in ihrem Herzen? —
Die Gesellschaft setzte sich an den Kaffeetisch. Thekla strahlte vor Lebenslust; sie trug ein dunkelrothseidenes Kleid, dazu eine gelbe Role aus dem Treibhaus im Haar, und wenn sie bei Bellarino vorüberglitt, tauschte sie kokett lächelnde Blicke mit ihm. Albrecht von Lassow allein von all' den Gästen beobachtete Bellarino, Thekla und Lucie. Heimlich zähneknirschend glaubte Lassow zu entdecken, daß Bellarino gleichzeitig beiden jungen Damen den Hof machte. Lassow nahm sich daher fest vor, Thekla noch am heutigen Abend zur Rede zu stellen; sie durfte sich nicht mit diesem fremden Manne compromittiren. Für Lucie war wohl keine wirkliche Gefahr vorhanden, dachte Laffow. Verstohlen glitt sein Blick zu Lucie hinüber, welche gesenkten Auges dasaß. Doch woher kam dies glückselige Lächeln um ihre rosigen Lippen? Bisher hatte er es nie an ihr bemerkt. Ein eifersüchtiges Weh erwachte plötzlich in seiner
'„Herr Bellarino will so gütig sein, uns ein Lied aus seiner Heimath vorzutragen," sagte jetzt Thekla, „rch werde sehr gern die Begleitung übernehmen."
Und sie schritt zum Flügel, öffnete denselben und nahm Platz, während der Künstler seine Geige und Noten holte. Als sie sich, Bellarino und Thekla, dann über die Noten beugten, murmelte der erstere leidenschaftlich, doch für die Umgebung unhörbar: „Das ist meine Geburtstagsserenade an die schöne Königin des heutigen Tages! Wir sind ein heißherzige» Völklein
bot der Enkelin die Wange zum Kuß, „ah, so zeitig schon mit Blumen geschmückt. Ich vergaß, daß Herr von Lassow mir gestern auch einen Strauß brachte."
„Es sind meine Lieblinge, Großmama," sagte Lucie lächelnd, und blickte auf die blauen Blüthen, die so geheimnißvoll zu ihr gelangt waren; „aber vergib, daß ich Dich so lange warten ließ! Ich will Dir gleich die Chocolade eingießen."
Der Vormittag schien der jungen Gräfin endlos, die Zeitung, welche sie vorlesen mußte, grausam langweilig, und sie athmete erleichtert auf, als die Großmutter endlich sagte: „Nun laß Dich frtsiren, Kind, und zieh' Dich an, damit Du gleich nach dem Essen nach Schloß Schwarzendorf fahren kannst."
Lucie flog eilig davon, ihr Gesicht strahlte, als sie sich ankleiden ließ; so glücklich hatte sie sich noch nie gefühlt und daran waren allein die Vergißmeinnicht schuld!
„Gnädige Comteß können die Blumen wohl nicht gut zum neuen Kleid mit dem Rokokkodessin tragen," meinte die Jungfer bedenklich, „es gehört dazu etwa eine rothe Sammtschleife in's Haar und auf das Kleid nur eine goldene Brache."
„Nun, dann ziehe ich das weiße Cachemirkleid mit dem Goldgürtel an, damit ich die Blumen nicht abzulegen brauche," entgegnete Lucie hastig, so daß die Jungfer ein leises Lächeln nicht zu unterdrücken vermochte, denn die Leute im Schlosse wußten ja alle, weshalb der Herr aus Schwarzendorf so oft herüber kam. Von ihm mußten ja auch zweifellos die Blumen herrühren. „
„Nun, so geh' mit Gott, Lucie," rief die alte Gräfin dann zärtlich, als das junge Mädchen abschiednehmend ihre Hand küßte, „den Wagen schicke zurück, ich hole Dich Abends selbst ab."
„Wie lieblich sie aussieht," murmelte sie dann, der Davoneilenden nachblickend, „o, wenn nur nicht diese Unglücksahnung auf meiner Seele lastete! Wenn ich wüßte — daß jener Fremde nichts zu thun hat mit dem Unseligen, welcher einst meines Kindes Glück und Leben vergiftete! Ich muß ihn sehen, ich kenne noch genau die brennenden Blicke, das verführerische Lächeln Nicols, — aber vielleicht ist's dann schon zu spät! Herrgott, hils mir, ich allein bin zu schwach."
Glückselig fuhr Lucie indeß davon, all' ihre Gedanken concertrirten sich auf das Wiedersehen mit dem fremden Manne, sie mußte die Hand auf das Herz pressen, weil es gar so stürmisch pochte. Wie würde er sich dabei benehmen, würde er sich fremd verneigen oder sie als Bekannte vom Waldesrand begrüßen? — Da tauchten fchon die Bäume von Schwarzendorf auf, erst noch wie mit zartem, lichtgrünem Schleier behangen, da bog der Wagen um die Ecke und hielt vor der Freitreppe des Schlosses. Herr von Laffow mochte ihn wohl schon kommen gehört haben, denn er stand bereits am Schlage, Lchelnd und herzlich wie ein alter Freund, und bot Lucie die Hand zum Aussteigen.
„Willkommen, Comteß! Welche Freude, Sie hier zu haben! Sie sind kein häufiger Gast in Schwarzendorf."
„Thekla verwöhnt mich," gab das junge Mädchen fröhlich zur Antwort, „denn ste kommt beinahe täglich nach Bergenhöhe. Welch' schönes Wetter das Geburtstagskind doch hat!"
Drinnen im Salon lehnte Bellarino über dem Fauteuil Theklas und sagte halblaut: „Nun werden die Gäste bald da sein und ich könnte denselben grollen, denn mein ausschließliches Anrecht an die holde Dame des Hauses geht nun verloren — ich könnte zürnen über jeden Blick, jedes Wort von Ihnen, gnädiges Fräulein, welches mir nicht gilt."
„So neidisch können Sie sein, Herr Bellarino?" frug Thekla scherzend. „Es find doch Alle meine Gäste und ich darf nicht wagen, mich einem Bevorzugten allein zu widmen, das würde schon mein Bruder nicht dulden."
„Mein Blut ist aber heißer und ungestümer als das der kaltblütigen Nordländer, und wenn mein Blick, meine Bewunderung Sie heute meiden muß, so werde ich dann in Melodien sprechen — werden Sie es verstehen, Fräulein Thekla, wenn meine Geige anfängt zu jauchzen und zu klagen?!"
Sie fing seinen glühenden Blick auf und erhob sich hastig, fast erschrocken vor der Leidenschaft des Italieners, doch sie


