Ausgabe 
17.4.1894
 
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Ihre Zimmer führen taffe«, mein Herr? Man ruht doch gern nach der Reise ein wenig aus."

Sie klingelte und befahl dem mit der Lampe eintretenden Diener, den Gast nach der Fremdenstube zu führen und wandte sich dann lächelnd mit den Worten an Bellarino:^Wollen Sie uns dann wieder im Speifefaal auffuchen, wenn Sie sich im Schlöffe heimisch gemacht haben, Herr Bellarino? Inzwischen wird mein Bruder Albrecht wohl heimgekehrt sein; also auf Wiedersehen!"

Bellarino hatte mit geübtem Kennerblick sogleich bemerkt, wie bildschön die junge Dame sei, welche da vor ihm stand; jetzt neigte er sich über die ihm abermals gebotene Hand Theklas und berührte sie mit den Lippen.Ich werde nicht verfehlen, von Ihrer Gastfreundschaft Gebrauch zu machen," sagte er verbindlich,und danke schon jetzt für Ihre Gnade und Güte."

Sein heißer Blick streifte das erröthende Mädchen, dann folgte er dem Diener auf sein Zimmer und Thekla sank in den Fauteuil.

Weich' ein auffallend schöner Mann," murmelte sie er­regt,diese Haltung, dieser Blick und dieses Lächeln. Er kann meinem Herzen gefährlich werden, das fühle ich schon jetzt; aber es ist doch auch ganz amüsant, in dieser Einsamkeit eine Abwechslung zu haben."

Sie lachte leise und trat vor den Spiegel, um ihre äußere Erscheinung zu prüfen. Der Eindruck, den Thekla auf den Italiener gemacht, war ihr keineswegs entgangen. Da hörte sie unten im Hofe Husschläge und bald darauf trat ihr Bruder Albrecht von Laffow ein.

Guten Abend, Thekla," rief er heiter,ich höre, daß unser Gast schon da ist. Wie hat er Dir gefallen? Nicht wahr, ein charmanter Mann!"

Eigentlich habe ich ihn noch kaum gesehen," erwiderte die junge Dame lächelnd,denn ich empfing Herrn Bellarino im Dämmerlicht und ließ ihm dann sein Zimmer anweisen, von wo er noch nicht zurückkehrte. Es scheint ein sehr intereflan- ter, schöner Mann zu fein."

Aber spiele nicht mit dem Feuer, Kind! Du weißt, meine Ansichten in Bezug auf eine Heirath sind ganz streng; ich würde auch für Dich nie von denselben abweichen und zu Deiner Verheirathung mit einem Künstler niemals meine Ein­willigung geben."

Ich bin Dir sehr verbunden, lieber Bruder, für Deine Mahnung," antwortete Thekla ironisch,aber erstens bin ich seit einigen Wochen mündig und dann beabsichtige ich auch keineswegs, einen Künstler zu heirathen."

Na, na, nur nicht gleich so stolz und selbständig, Thekla, Du weißt, daß wir keine Eltern mehr besitzen, und da geziemt es sich, daß die jüngere Schwester auf den Rath des älteren Bruders hört- Ich habe doch Dein Wohl im Auge, Thekla!"

Ach, da kommt Herr Bellarino I" rief jetzt Fräulein von Laffow, und mit vollendeter Gewandtheit und Grazie trat der Italiener ein. Er begrüßte die Herrschaften freundlich, Albrecht von Laffow reichte ihm herzlich die Hand und bald war eine lebhafte Unterhaltung im Gange.

Als eine Viertelstunde später der Diener meldete, daß die Abendtafel gedeckt sei, bot der Gast dem Fräulein des Hauses den Arm und führte sie hinter dem voranschreitenden Bruder, nicht ohne abermals seine leuchtenden Blicke in diejenigen Theklas versenkt zu haben, nach dem Speisezimmer.

Sie kennen unsere Gegend wohl noch gar nicht, Herr Bellarino," begann Thekla, deren Hand leicht auf des Italieners Arm ruhte,Sie sollten uns daher längere Zeit Ihren Be­such schenken, damit wir Sie mit allen Schönheiten der Nach­barschaft bekannt machen können."

Gnädiges Fräulein, Sie sind sehr gütig, aber ich als Fremder kann doch unmöglich die Gastfreundschaft dieses Schlaffes so lange in Anspruch nehmen."

Darüber reden wir noch," lachte sie übermüthig,viel­leicht laffe ich mich auch von Ihnen in Ihrer Kunst unter­richten."

Sie kommen gerade recht, Herr Bellarino," unterbrach

Albrecht etwas deutlich die Plänkeleien der Schwester,um ein kleines Fest mit uns zu feiern. Meiner Schwester Geburts­tag ist morgen und wir werden einige Gäste hier haben."

Unwillkürlich fühlte sich jetzt Laffow, ohne es sich eigent­lich eingestehen zu wollen, durch die warnenden Worte der Gräfin Bergen doch beeinflußt; er beobachtete verstohlen Bella­rino, der nach kaum halbstündiger Bekanntschaft bereits völlig vertraut mit Thekla zu sein schien und fand denselben in der That gefährlich.Wie, wenn auch Gräfin Lucie von dem fremden Künstler gefeffelt und bezaubert werden würde. Da hätte ich ja einen bösen Schwabenstreich mit der Einladung des Künstlers begangen," dachte Laffow.

Nach dem Effen begannen Thekla und Bellarino zu must- ciren, während sich der Schloßherr ziemlich einsilbig hinter seine Zeitungen verschanzte, dabei aber den Italiener scharf in den Augen behielt und beim Schlage zehn aufstand, um das Ende der kleinen Abendgesellschaft anzudeuten.

Etwas schmollend erhob sich auch Thekla vom Clavier; sie hatte den Gast begleitet, welcher auf seiner Geige eine Liedervariation mit meisterhafter Fertigkeit vorgetragen hatte.

Morgen ist auch noch ein Tag, liebe Schwester," meinte Albrecht auf ihre halb scherzende Bemerkung über das rasche Ende des geselligen Abends hin,und Du weißt, daß ich sehr zeitig wieder auf das Vorwerk hinaus muß."

Bellarino verabschiedete sich mit größter Liebenswürdig­keit von Thekla, der fein heißer Blick von Neuem das Blut in die Wangen jagte. Dann schüttelte auch Bellarino dem jungen Hausherrn die Hand und verließ den Salon. Sehr befriedigt schritt er den langen Corridor entlang auf sein Zim­mer.Zwei schöne Mädchen auf einmal und augenscheinlich beide für mich eingenommen! Hm, ich habe wohl noch nicht so recht Lust, die Rosenfeffeln der Ehe anzulegen, aber eine reiche Mitgift könnte mich doch vielleicht umstimmen. Fräulein Thekla ist ganz allerliebst!" dachte der berechnende Italiener.

Thekla," begann Albrecht, als er mit der Schwester allein war und unruhig im Zimmer auf und ab schritt,ich muß Dir sagen, daß mir Bellarinos Benehmen sehr mißfällt. For­dere ihn daher nicht länger zum Bleiben auf; es war ein Mißgriff von mir, ihn überhaupt auf Schloß Schwarzendorf einzuladen."

Ich verstehe Dich nicht, Albrecht- Herr Bellarino ist ein hochbegabter, geistvoller Künstler und muß etwas anders als gewöhnliche Menschen werden. Mir gefällt er gerade," er­klärte Thekla übermüthig,es ist doch einmal etwas anderes, man lacht und unterhält sich."

Aber Bellarino ist zudringlich und vielleicht gar abgefeimt- Nimm Dich in Acht, Thekla. Zudem wünsche ich in Deinem Interesse nicht, daß er fortfährt, Dir so stark wie heute Abend den Hof zu machen. Es könnte Dein Unglück werden."

Fräulein von Lassow wurde sehr verlegen über die letzten Worte des strengen Bruders und die Geschwister schieden mit kurzem Gruße voneinander-

*

Am folgenden Morgen, als Lucie erwachte, stand ein Strauß frischer Vergißmeinnichtblümchen auf ihrem Nachttisch; sie ward dunkelroth, stürmisch pochte ihr das Herz, und als das Kammermädchen kam, frug sie hastig:Woher sind diese Blumen, Nanny?"

Ein kleiner Knabe aus Schwarzendorf hat sie abgegeben; er meinte, ein Herr habe ihm eine ganze Mark geschenkt, da­mit er sie hier im Schloß für Comteß abgebe."

Schon gut," erwiderte die junge Gräfin. Aber eigent­lich war es doch nicht gut, denn sie wußte sehr genau, daß Albrecht von Lassow nie auf solche Art ihr huldigen würde, und gerade die Vergißmeinnicht nannten ja ganz unverhohlen den schönen Geber. Sie wußte, daß es Leo sei, den sie heute in Schwarzendorf sehen werde.

Rasch kleidete sie sich an und eilte dann hinab zur Groß­mutter, frisch und lieblich wie der Maimorgen, der über der Erde lag.

Guten Morgen, Lucie," sagte die alte Dame zärtlich und