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1894
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Nntephaltungsblatt znnr Giehenev Anzeiger (General-Anzeiger)
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Dienstag, den 17. April.
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Vergißmeinnicht.
Novelle von H. v. Ziegler.
(Fortsetzung.)
Großmama, welche bald darauf am Theetisch erschien, war heute sehr still und ernst. Nach dem Abendbrod holte sie ein gelehrtes Werk über französische Literatur hervor und gab es Lucie zum Vorlesen: Wie lange erschien dieser dabei der Abend, und wie froh athmete sie auf, als die Gräfin endlich das Strickzeug zusammenlegte.
„Wir wollen schlafen gehen, Kind," sagte die Großmutter gepreßt, „aber vorher möchte ich Dir noch etwas sagen. Du kommst in die Jahre, wo junge Mädchen anfangen, umworben zu werden. Du bist hübsch und als meine Erbin reich; alles Eigenschaften, die in den Augen berechnender Männer gefährlich für Dich werden können, und deshalb würde ich sehr glücklich sein, wenn Du Dir einst einen edlen, uneigennützigen Gatten wählen würdest, wenn meine innersten Herzenswünsche eines Tages durch Dich, mein Herzenskind, so recht erfüllt werden möchten. Albrecht von Lassow hat Dich sehr lieb, Lucie, er ist ein edler, treuer Mann, wennschon vielleicht äußerlich von der Natur nicht so begünstigt, wie mancher Andere. Verkenne aber deshalb Laffows große Vorzüge nicht, Lucie!"
Das Herz des jungen Mädchens pochte heftig, als sie diese unerwarteten Worte der Großmutter hörte.
„Großmama, was meinst Du damit?" erwiderte sie stotternd. „Ich — ich verstehe Dich nicht."
„Nun, Liebling, ich denke, daß der Tag kommen wird, an dem Lassow Dich von mir zu seiner Gemahlin begehrt, und was würdest Du ihm dann wohl antworten?"
„O, Großmama," und jetzt brach Lucie in bittere Thrä- nen aus, „heirathen, dazu muß man sich doch von ganzem Herzen lieben, und — und — ich mag Albrecht von Lassow ja ganz gut leiden, er ist ein so braver, guter Mensch, aber —"
„Lassen wir dieses Herzenrthema heute, Kind," entgegnete die Gräfin, welche einsah, daß sie in der delicaten Angelegenheit übereilt und unvorsichtig vorgegangen war- Dann erhob fie sich, küßte die Enkelin auf die Stirn und sagte: „Geh' zu Bett, mein Kind, und bitte Gott, daß er Dich vor all' dem Leid und Weh' bewahre, das Deine arme Mutter durchringen mußte, ehe sie aus dieser Welt schied. Gute Nacht, Lucie!"
Es war zum ersten Male, daß die alte Dame die Mutter des jungen Mädchens in dieser Weise erwähnte, und Lucie sah ganz erstaunt zu der Großmama auf, aber sie wagte kein
weiteres Wort, sondern ging in ihr Zimmer. Das vorhin noch so fröhliche Herz war ihr plötzlich so schwer geworden und eine Thräne rann über ihre rosige Wange. Das, was die Großmama von Albrecht von Lassows Vorhaben gesagt hatte, ängstigte und quälte Lucie furchtbar.
* *
•
Als der vornehme Fremdling, der Lucie am Bache getroffen hatte und der Niemand anders war, als der italienische Geigenvirtuos Bellarino, wieder im Dorfe bei der Schmiede angelangt war, fand er seinen Wagen fertig und konnte seine Reise fortsetzen.
„Nach Schwarzendorf in'» Schloß zu Herrn von Lassow," wiederholte er dem Kutscher und dieser nickte diensteifrig.
Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor Schloß Schwarzendorf.
Ein Diener empfing den Herrn an der Freitreppe und antwortete auf die Frage nach dem gnädigen Herrn, derselbe sei ausgeritten und nur das gnädige Fräulein zu Hause.
„So geben Sie ihr diese Karte," befahl der fremde Herr nachlässig und lehnte sich wartend in die Kiffen de» Wagens zurück.
„Wird wohl irgend eine alte Jungfer von Tante oder Schwester sein, die hier Haus hält," dachte er bei sich, „hm, man muß eben gute Miene zum bösen Spiel machen. Morgen suche ich mir wieder die liebe Kleine mit denVergißmeinnicht- augen auf."
„Das gnädige Fräulein läßt bitten," meldete der wohlgeschulte Diener zurückkommend und der schöne Fremdling verließ den Wagen, um dem voranschreitenden Diener nach dem Salon zu folgen. Es dämmerte bereits stark, als der Italiener eintrat, doch vermochte er trotzdem die hohe, schlanke Gestalt und das schöne, von dunklem Haar eingerahmte Profil der Dame zu unterscheiden.
„Seien Sie uns herzlich willkommen, Herr Bellarino," ertönte eine klangvolle Stimme und eine kleine weiße Hand streckte sich ihm entgegen, „mein Bruder ist von einem Ausfluge noch nicht zurück und so muß ich Ihnen in seinem Namen den ersten Willkommensgruß bieten."
„Könnte ich wohl ein größeres Glück erwarten, als solch' gütigen Empfang von schönen Damenlippen! Meine Gnädigste, ich bin überrascht, entzückt, denn ich ahnte nicht die Anwesenheit einer Dame im Schlosse Ihres Bruders, der mir in der Residenz immer nur von der Einsamkeit seines Junggesellenlebens erzählte."
„Ich führe meinem unverheiratheten Bruder das Haus," lächelte Thekla freundlich, „doch darf ich Sie wohl erst auf


