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jneiii des Guten zu viel that, war hierorts keine Schande, da« thate» die meiste« Männer in Czenstochau- Und ihre Mutter? Sie war lange tobt und zeitlebens eine brave, rechtschaffene Frau gewesen; mit den heiligen Sterbesacramenten versehen- war sie selig in ihrem Bette entschlafen und nicht hinter dem Zaun, wie ein schlechtes Weibsbild. — Ja gewiß, die Leute logen alle, sie konnten unmöglich die Wahrheit gesprochen haben- — Aber der fromme Priester — er log gewiß nicht. Allmächtiger Gott, dann war sie wirklich ein Findelkind, eines jener unglücklichen Wesen, welche von den eigenen Eltern verstoßen, fremden Leuten zur unwillkommenen Last werden- Diese Vorstellung raubte ihr alle Kraft und erfüllte ihre Seele mit einem ungeheuren Schmerz.
Sie brach in die Kniee zusammen, wie vernichtet sank sie zu Boden- Wie ein fortgeworfenes Bündel lag sie auf den Fliesen des Klosterhofes, ohne sich rühren zu können. Sie blieb regungslos, trotzdem rings um sie herum noch immer der Menschenstrom wogte und fluthete. Ihr Ohr vernahm den Lobgesang der Pilger, das Glockengeläuts und die brausenden Posaunentöne, sowie den tausendfachen Lärm, aber sie hörte Alles wie im Traum. Matt und kraftlos lehnte sie ihr bleicher Haupt gegen den Baumstamm und strich sich mit der Hand mechanisch die Stirn, als gäbe es dort etwas fortzuwischen. Denn wie eine Vision war urplötzlich ihre ganze Vergangenheit in leuchtenden Farben vor ihre Seele getreten in erschreckender Deutlichkeit. Schon als Kind in der Schule hatte man sie zuweilen „Nienka" oder „Zyganka" genannt. Sie hatte zornige Thränen darüber vergaffen, ohne recht zu wissen, warum. Auch im Herrenhause von Lygotta war mitunter ein Wort gefallen, dessen Sinn sie nicht zu deuten vermochte, von dem sie aber unwillkürlich verletzt worden war. Jetzt entsann sie sich auch, daß die frommen Klosterschwestern in Krakau, bei denen sie erst in Pflege war, oft so seltsam tröstende Anspielungen gemacht hatten, die sie damals auf ihre Armuth bezog. Nun wurde ihr plötzlich Alles klar — Alles, Alles. — Es war nicht mehr ein fürchterlicher Wahn, der sie ängstigte, sondern Wahrheit, grausame Wahrheit, und die Leute hatten Recht. Eisiger Schauer durchrieselte sie, aber immer weiter, immer weiter flogen ihre Gedanken und richteten sich dann auf einen Punkt: Roman. Jetzt begriff sie Alles. Nun verstand sie die Bedeutung seiner gestrigen Worte, sie waren ihr kein dunkles Räthsel mehr, denn nun wußte sie, warum er sie niemals als sein Weib an's Herz nehmen durfte, warum eine Verbindung mit ihr ihm zur Schmach gereichte. Sie war ja ausgestoßen von den Uebrigen, das Wahrzeichen ihrer Abkunft hing ihr an. Und ein polnischer Edelmann vom reinsten ältesten Adel konnte, durste sich nicht darüber Hinwegsetzen, ohne seine Ehre zu verletzen- Diese letzte schreckliche Vorstellung überwog alle erlittene Qual und Demüthigung. Nun war jede Hoffnung für sie vorbei, jeder Wunsch eine Vermessenheit; eine himmelhohe Schranke lag zwischen ihr und ihm, bis in alle Ewigkeit waren sie von einander geschieden.
Jadwiga stieß einen Jammerlaut aus, der unheimlich über den jetzt gänzlich verödeten Klosterhof hinüberschallte. Dann raffte sie sich gewaltsam vom Boden auf und stürzte, wie von Dämonen gehetzt, in wildester Hast davon. Bald laufend, bald springend und stolpernd flog sie den Jasnagora hinab bis auf das weite, kahle Feld, über dem die Sonnenstrahlen eine Glühhitze entwickelten, daß die Luft rings umher zitterte und flimmerte.
Es trieb sie fort ohne Ruh und Rast, irgend wohin, in die weite Ferne, wo kein Mensch sie kannte, wo Niemand wußte, daß sie ein armes, verachtetes Findelkind war, welches Jeder nach Belieben schimpfen, verspotten und mißhandeln konnte.
Hart am Rande der Wartha stand ein alter, weitästiger Lindenbaum. Dort brach sie endlich in äußerster Erschöpfung zusammen, die Füße trugen sie nicht weiter. Mit unsicheren müden Blicken schaute sie in die flimmernde, dunstige Luft, in das gleißende Sonnenlicht und dann starrte ste wieder in die Tiefe, in das rauschende, grünliche Wasser. Aber ein Gefühl dumpfer Apathie lähmte ihr alle« Denken, die furchtbare An
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spannung ihrer Nerven ließ nach und allmälig fielen ihr die Lider über die Augen, ihr Haupt sank langsam auf die Brust herab, sie schlief. Sie konnte endlich ausruhen von den vielfachen Erregungen, welche seit gestern ihr junges Herz erschüttert hatten bis in die tiefste Tiefe hinein.
Und rings herum wisperten die Gräser, dufteten die Blumen, sangen die Vögel in der heißen Sommerluft. Wie goldglänzende Schuppen legten sich die Wellen des Flusses übereinander, um gleich darauf wieder zu zerfließen. Sie wogten auf und nieder, wie wonnetrunken von dem goldenen Sonnenschein. Und in dem alten Lindenbaum rauschten leise die Blätter, sie säuselten und flüsterten und raunten sich eine Geschichte zu — eine Geschichte von Menschenlust und Menschenleid — eine tieftraurige Mär.---
Der Lieutenant Wytek hatte erst gegen Mittag seinen schweren Rausch ausgeschlafen. Er erwachte in einem unbeschreiblich elenden Zustande. Sein Körper wie sein Geist waren gelähmt und er kämpfte vergebens gegen diese Schwäche, die ihn physisch ganz hinfällig machte. Als er sich von seinem Bette erhob, versagten ihm alle Glieder den Dienst. Er konnte nur mühsam seinen Lehnsessel erreichen, in den er matt hineinsank. Wohl über eine Stunde saß er hier mit tief gesenktem Haupte, um über seinen Zustand zu brüten und sich die bittersten Vorwürfe über das in der Nacht Geschehene zu machen. Doch die innere Unruhe trieb ihn wieder empor. Er knöpfte den alten Soldatenmantel fester um den hageren Leib und begann dann mit schlotternden Knieen im Zimmer umherzuwandern. Zuweilen blieb er stehen, schlug dröhnend mit der Faust auf den Tisch und fluchte in verschiedenen Sprachen: Polnisch, Russisch und Deutsch, um gleich darauf so kläglich zu meinen und zu schluchzen wie ein kleines Kind, das mit der Ruthe gestraft wird.
Nach einiger Zeit kam Mascha, die Aufwärterin, mit dem Mittagbrode des Lieutenants in die Stube. Sie stellte eine Schüssel mit Zrazy und Kraut und einen Teller mit dampfender Polifka auf den Tisch, stemmte dann beide Arme auf die runden Hüften und sagte mürrisch: „Was machen Sie denn wieder für greulichen Lärm. Ich höre das Geplärr und das wilde Fluchen nun schon eine ganze Weile lang in der Küche mit an. Sind Sie verrückt geworden, Pan Wytek?"
„Wo ist Jadwiga?" schrie zornig der Alte, indem er drohend die Faust erhob. „Ich will wissen, wo Jadwiga steckt. Hörst Du nicht, alte Hexe, wo ist Jadwiga?"
„Fort!" entgegnete Mascha kurz. „Oder denken Sie vielleicht, sie wird hier bleiben und darauf warten, daß Sie ihr noch einmal den Kopf zerschlagen?"
Der Lieutenant sprang wüthend auf die Frau los, ergriff sie an der Schulter und schüttelte sie so heftig, daß die schmutzige Haube auf ihrem Kopfe sich verschob und das graue, ungekämmte Haar zum Vorschein kam, dann sank er wieder kraftlos in seinen Sessel zurück. Er wurde ganz fahl und die Zähne klapperten ihm wie im Fieberfrost. „Jesus Maria," winselte er, „ärgere mich nicht, Mascha, ich thue sonst etwas, was Dir nicht lieb ist, — besser, sage mir, wo das Mädchen ist?" Er rutschte unruhig im Sessel hin und her. „Ist es schlimm gewesen, Mascha, — hat es geblutet? Es wird ihr doch nicht an's Leben gehen? — O je, o je, der verdammte Rausch! Ich bin noch ganz wirr in meinem alten Kopf. Aber sprich doch, Mascha, zum Donnerwetter, wirst Du mir endlich sagen, was es mit dem Mädchen ist?"
„Na, es ist schlimm genug, Sie haben die Jadwiga schön zugerichtet," entgegnete grimmig die alte Frau. „Schämen Sie sich — solch' ein gutes, braves Kind, es ist eine wahre Sünde und Schande. Als ich heute früh zur Arbeit kam, da lag sie ohne Bewußtsein auf den Dielen, — ja, beinahe wie tobt, Sie — Sie Rabenvater, Sie! — Als sie sich bann ein Bischen erholt hatte, kleidete sie sich um und ging fort. Wohin, weiß ich nicht, aber ich thäte es ihr arg verdenken, wenn sie wiederkäme!"
(Fortsetzung folgt.)
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