Die Wallfahrer waren meist polnische Bauern in ihren langen weißen Schafpelzen, den bunten, breiten Gürteln um den Leib, der dunklen, viereckigen Tuchmütze auf den, Kopfe und dem Schnappsack mit Lebensmitteln über dem Rücken. Ihre Frauen und Töchter trugen heute die malerisch<Landes- tracht, den runden, scharlachrothen Mantel, den bis an die Knöchel reichenden Rock und das reich mit Gold und Perlen gestickte runde Häubchen. Doch sah man auch elegante Damen in seidenen Kleidern und Schleierhüten, sowie Männer im feinen Rationalcostüm und unzählige Bettler in widerliche Lumpen gehüllt. Alles wogte durcheinander ohne Ansehen des Ranges und Standes. Mit dem Rosenkranz in den Händen sangen sie größtentheils mit Andacht und Begeisterung, aber uncorrect und in allen Tonarten, die zum Theil recht melodisch klingenden Pilgerlieder ab, wobei ein Jeder den Anderen zu überschreien suchte, denn auch bei der Procession galt die Regel, recht laut zu singen und zu beten, um der Himmelskönigin dadurch wohlgefällig zu sein.
Auch Jadwfga hatte, ihrem Vorsatze getreu, dem heutigen Gottesdienste beigewohnt. Die fest zusammengefalteten Hände auf die Altarstufen gestützt, lag sie vor dem Muttergottesbilde auf den Knieen und hob die thränenfeuchten Augen in stummer Bitte zu demselben empor. Sie hatte ein schwarzes Kleid an» gelegt, die blonden Flechten hingen schwer über den weißen Hals herab, den eine einfache Bernsteinkette zierte- Das farbige Licht, welches die bunten Glasmalereien der Fenster in der Capelle verbreiteten, wob einen Glorienschein um das bleiche, ganz in seinen Schmerz versunkene Mädchen, auf dessen klarer Stirn eine schmale, rothe Narbe bemerkbar war. — Bebend vor Scham hatte sie der Madonna ein stilles Geständ- niß gemacht und ihr Gebet mit einer Opfergabe in Gestalt eines kleinen goldenen Herzchens bekräftigt- Eine lange Zeit lag sie so auf ihren Knieen, ihr trüber Blick flog angstvoll zu der Heiligen hinüber, bis sie ihr verweintes Gesicht in ihrem Gebetbuche vergrub. — Doch nun stießen ein paar schel- tende Weiber, die schon eine Weile gewartet hatten, das leise schluchzende Mädchen von den Altarstufen hinweg, um selbst an die Reihe zu kommen. Jadwiga drückte sich scheu in eine Mauernische hinein, denn die gestern mit ihrem Vater gehabte furchtbare Scene hatte sie vollständig ntedergebeugt. Sie preßte beide Hände vor das verstörte, todtblaffe Gesicht und jammerte schmerzvoll in sich hinein: „O, süße Maria, erbarme Dich mein, o, hehre Madonna, verlaß mich nicht."
Kaum hatte aber der Bischof vor dem Hochaltäre das letzte Vaterunser gesprochen, als auch Jadwiga sich schon bemühte, aus dem Menschengewühl zu entkommen. Sie flüchtete rasch durch ein Seitenpförtchen der Kirche in's Freie- Dann blickte sie noch einmal zurück. Aus dem großen Portal drängten sich die Andächtigen in dichten Schaaren hervor, unter ihnen der junge Eoelmann von Lygotta, der mit ungewohnt düsterem Gesichte vorwärts fchritt. Dem Mädchen war es einen Moment, als hätte sein finsterer Blick ihre Gestalt getroffen und nun wurzelten ihre Füße am Boden, als könnten sie nicht weiter, und ihr Athem stockte. Voller Scham und Verwirrung, unfähig, sich sofort zu fassen, strebte sie aus's Gerathewohl fort, um ihm ansznweichen, doch in ihrer Beklommenheit und Herzensangst verfehlte sie das rechte Ziel und anstatt zu entrinnen, kam sie immer tiefer in das Gedränge hinein. Ueberall hin und her gestoßen und geschoben und von der ungeheuren Menschenfluth fortgerissen, verlor sie die Ktast, sich zu befreien, und plötzlich befand sie sich inmitten des Pco- cessionszuges und zwar zwischen den auserwählten Martenmädchen unter dem rothen Baldachin. Sofort machte sich eine große Bestürzung und Aufregung unter diesen bemerkbar. Die sanften, andächtigen Mienen in ihren Gesichtern waren im Nu verschwunden und die rosigen Mädchenlippen, auf denen noch die letzten Töne eines frommen Gesanges schwebten, stießen plötzlich sehr profane Worte der Entrüstung und des Aer- gers aus.
„Gebenedeite Maria, was will dieses Mädchen hier unter dem Bethimmel? — Solche Frechheit ist wirklich unerhörtI — Wie kann sie sich unterstehen, sich unter die auserwählten Jung-
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rauen zu mischen?" — Dergleichen Aeußerungen, von zornigen Blicken begleitet, trafen da» junge Mädchen und übertönten die Strophen der Litanei, welche die rings umherstehenden Kinder fangen.
„Laßt das Mädchen mit uns gehen und haltet den Zug nicht auf," bat Comtesse Spiridia. „Jadwiga ist ebenso fromm und unbescholten wie wir, ich bitte Euch, haltet Frieden."
«Nein, Comtesse, das geht nicht an," schrie die Tochter des Bürgermeister», indem sie mit rollenden Augen um sich blickte. „Die Jadwiga gehört nicht zu uns, denn sie ist ein Findelkind. Ihre Mutter war eine Russalka oder Zyganka oder Gott weiß was, die hinter dem Zaune gestorben ist. Wir önnen unmöglich dulden, daß solche Ketzerkinder mit uns Marienmädchen gehen I — Das wäre eine Schande unser Lebmlang!"
„Ja, die Wanda hat Recht, Comtesse, und wir wissen'» Alle, daß sie die Wahrheit redet," riefen jetzt noch ein paar Fräulein, während sie mit höhnischem und geringschätzendem Lächeln das halb ohnmächtige Mädchen musterten-
Comtesse Spiridia war heftig erschrocken. Bei ihrer angeborenen Schüchternheit wagte sie es nicht mehr, ein gutes, beschwichtigendes Wort für die Arme einzulegen, sie begnügte sich damit, derselben mitleidige Blicke zuzuwersen.
Der Processtonszug war durch diesen unverhofften Vorgang in's Stocken gerathen, denn auch die singenden Schulkinder hatten ihr Lied jäh abgebrochen, sprangen jetzt wild um Jadwiga herum, rissen sie an den langen Zöpfen und schrieen au» Leibeskräften: „Hexenmädchen! Taternblnt! Schwabenprinzessin!" u- s. w- Männer und Weiber blieben stehen und starrten neugierig das an allen Gliedern zitternde Mädchen an. Ein gelbes, zerlumptes Bettelweib hob drohend die Faust und zeterte ihr das „Psia-krew-niemcza“ (deutsches Hundeblut) gerade in das Gesicht. Und immer mehr schoben und drängten sich die Menschen heran. Frauen kreischten und Kinder weinten, Flüche und Scheltworte wurden laut. Viele suchten sich gewaltsam Bahn zu brechen. Wenn es so weiter fort ging, mußte sicher ein Unglück entstehen- Da sprang plötzlich ein junger Priester unter den Baldachin, faßte das in starrer Betäubung dastehende Mädchen am Arm und riß es schnell aus den Reihen der auserwählten Jungsrauen hinweg, welche nun endlich beruhigt, ihren Gesang wieder anstimmten und sich langsam vorwärts bewegten. Die Menge folgte nach und so kam der unterbrochene Processionszug allmälig wieder in Gang.
Jadwiga war an einen seitwärts stehenden Baum getaumelt, an dem sie sich festhielt, denn es schwindelte ihr. Sie starrte wie irrsinnig mit leeren, unheimlichen Augen den Priester an, der jetzt mit drohender Geberde vor ihr stand.
„Was fällt Dir ein, wie kannst Du es wagen, die heilige Handlung zu stören und ein öffentliches Aergerniß herbeizu- führen! Es hat Dir von jeher an Demuth gefehlt, doch folche Ueberhebung, wie Du heute bewiesen, habe ich Dir doch nicht zugetraut. Darf ein Findelkind, das zu Grunde gegangen wäre, wenn man es nicht barmherzig unter die gläubigen Christen aufgenommen hätte, dessen Mutter ohne Absolution hinter dem Zaun gestorben ist, sich unter die frömmsten, vornehmsten Jungfrauen Czenstochaus drängen? — Darf es bas, frage ich Dich? Ich sage Dir, Thörin, die Hoffahrt ist eine der sieben Todsünden. Darum gehe in Dich und bete. Ja, geh' in Dein Kämmerlein, kniee nieder vor dem Höchsten und bete sechs Vaterunser und drei Ave-Maria, damit Gott Dir vergeben kann!" Er machte noch das Zeichen des Kreuzes über fie und schloß sich wieder dem Zuge an.
Wie ein Blitzschlag aus heiterem Himmel war all' das Furchtbare auf Jadwiga herabgefahren. Es war ihr gerade, als wäre sie plötzlich in einen grausigen Abgrund gestürzt, aus dem sie nicht wieder einporklimmen konnte. Sie griff krampfhaft nach ihrem Kopfe, nach ihrer Stirn, war sie denn wahnsinnig oder waren es die Menschen, welche sie verhöhnt, beschimpft und mißhandelt hatten? Einen Findling, ein Ketzerkind hatte man sie genannt. Das war eine offenbare Lüge- Sie besaß ja einen Vater, der ein rechtgläubiger Katholik war und kein Ketzer- Daß er arm war und sich täglich in Bräunt-


