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Untevhattrrnssblatt zuin kfcener Anzcigev (Gen-val-Anz-rg-v)
Samstag, den 17. März.
(Fortsetzung.)
Die Gräfin wurde bleich, sie biß zornig die Zähne aufeinander. Eine lange, peinliche Pause entstand. Endlich rief sie heftig aus: „Wirklich, Castmira, auf eine so kindische Auf- faffung von Ihrer Seite war ich nicht gefaßt! Nehmen Sie es mir nicht übel, aber zuweilen sind Sie schrecklich schwer von Begriffen l Glücklicherweise wird Roman, wie ich ihn kenne, andere Ansichten von der Sache haben und vor Allem daran denken, daß sein ganzes Lebensglück dabei in Frage kommt. Er ist hoffentlich verständig genug, um einzusehen, daß eine Verbindung mit der Tochter aus einem der vornehmstm Häuser großen Einfluß auf seine zukünftige Stellung in der Welt hat, abgesehen davon, daß seine kritischen pecumären Verhältnisse mit einem Schlage geändert werden. Ein armer, verschuldeter Edelmann wird sich gewiß nicht lange besinnen, wenn ihm solche brillante Aussichten gestellt werden, dre ihm ein Paradies auf Erden eröffnen! Und sollte es dennoch der Fall sein, sollte er so wahnsinnige Scrupel besitzen, wie ich kaum glauben kann, dann - nun, dann müssen Sie für rhn vernünftig sein, Cast- mira, und die ganze Autorität der Mutter gegen ihn geltend machen. Stellen Sie ihm nur alle Vortherle in das rechte Licht und dann wird er sich schon hüten, Nein zu sagen.
Die Edelfrau machte noch einen schwachen Versuch, einige Bedenken über Romans Willfährigkeit zu äußern, es gelang ihr aber nicht, die Gräfin davon zu überzeugen, und nun agte sie endlich im ganz weinerlichen Ton: „Ach Gott, Sie haben Energie und Courage, um solche delicaten Angelegenheiten mit Erfolg durchzuführen. Sie haben auch keine schwachen Nerven wie ich, ober denken Sie nur, wenn ich dieser Sachen wegen mit Roman vielleicht Aerger, Aufregung und larmoyante Scenen baden sollte, das würde meine zarte Constitution nicht er- tra0en«(6 svrechen Sie nicht immer von Nerven und zarter Constitution Das ist pure Einbildung unb Sie würden gar nichts davon wiffen, wenn Sie sich mehr Bewegung machten Sie sollten nur an meiner Stelle sein, dann dächten Sie gar nicht mehr an Ihre Nerven! Ich muß nicht allein sämmtliche Familienverhältniffe regeln und in Ordnung halten, sondern mich auch um das Gedeihen unserer Güter bekümmern und eine Menge von Leuten controliren. — Seien Sie klug, Casi- mir« iA cvfinen biete ist wohl eines kleinen Kampfes «L d°ß 4 ieberjeit auf Rach unb
Hülfe von meiner Seite rechnen können. Wie ein Paar treue Kameraden wollen wir unser Ziel verfolgen, was uns hoffent- lich zum Glück und Segen verhelfen wird. Al o Vertrauen und gute Freundschaft auch ferner! — Und letzt glaube ich, wird es wohl Zeit für uns sein, die Procession anzusehen!
Die Gräfin deutete mit der Hand nach der Richtung de» Klosters, von welchem es wie ein dumpfes Brausen durch die Lüfte klang. Dann stand sie hastig auf und winkte Pavel $eib<%öu von Bielinska lächelte verlegen, sie war es aber schon feit Jahren gewohnt, von der Freundin unangenehme Wahrheiten anhören zu müssen. Sie erhob sich laMam, musterte mit kläglicher Miene den Himme, an dem die Sonne höher gestiegen war, und dann den staubigen Weg, der bergan führte. Mit einem leisen Aufseufzen nahm sie ihre Schleppe über den Arm und trippelte verdrießlich hinter der Gräfin her, welche mit ihrer männlichen Energie und Thatkraft den vollkommensten Gegensatz zu ihrem eigenen kindischen, unselbst- flanb$ Glockenstimmen, welche während des feierlichen Hochamts geschwiegen, ertönten jetzt von Neuem und verkündeten den Beginn der Procession, welche sich vom Berge herab durch die festlich geschmückten Straßen der Stadt bewegen sollte. — Noch erbrauste die Schlußcadenz der Orgel, als durch das weit geöffnete Kirchenportal eine Anzahl von Priestern in ihren rothen und schwarzen Ornaten heraustraten. Jn chrer Mitte be and sich der Bischof, der im langsamen Weiterschreiten mit lauten Segenssprüchen seine Hände über die zu beiden Seiten des Weges knieenden Wallfahrer erhob. Dann kamen Meßner mit den Kirchenfahnen, welche lustig im Winde flatterten, und dahinter ein Trupp Spielleute und Posaunenbläser, die einen Choral bliesen. An diese schlossen sich Mönche mit wehenden Heiligenbildern und zwei Chorknaben an, von we chen der eine im Schweiße seines Angesicht« ein großes Crucifix trug und der andere von Zeit zu Zeit das ^auchfaß in der Luft schwenkte. Um eine große Fahne mit bemi ßontertei. e fAmarien Madonna hatte sich eine Schaar Kinder gesammelt, ^"trugen brennende Wachslichte auf buntbebä^ und ianaen mit frischen Stimmen ein frommes Lied. Inmitten hipfj Kinderschaar schritten unter einem rothsammetnen, mit Flittergold verzierten Baldachin zwölf wMgekleidete Jungfrauen0 daher. j@ie trugen zum Zeichen ihrer Unschuld und Sittsamkeit weiße Rosenkränze auf den tief herabgesenkten Kövfen Es waren dies die Marienmädchen, die angesehensten und vornehmsten Edelfräulein der Umgegend, und unter diesen befand sich auch die Comtesse Spiridia Hinter Wen folgte ein unabsehbarer Menschenstrom im langsamen Procession,schritt.
Die Wallfahrt nach Czenstochan.
Roman von Johanna Berger.


