Lola lachte triumphirenb.
„Alles Andere wird mir gar bald zugeflogen kommen, Mama. In ganz kurzer Zeit schon werden die Leute sich ebenso um meine Einladung bemühen, wie um diejenige der Gräfin Colvyn. Die Gräfin ist meine Rivalin. Weißt Du Mama —, eine Rivalin muß man haben, will man Mode- Königin sein."
Frau March blickte erstaunt auf.
„Woher weißt Du das Alles?" fragte sie verwundert. ,.Jm Pfarrhaus hast Du das doch nicht gelernt?"
„Gewiß nicht, Mama. Dort lernt ich außer Bibel- sprüchen nur den Unterschied zwischen einem Pastor mit großem Einkommen und einem Pastor mit kleinen Einkommen."
„Aber Lola!"
Frau March war entsetzt.
„Es ist doch wahr," fuhr Lola harmlos fort. „Du hast mir selbst hundert Mal gesagt, ich solle niemals vor der Wahrheit zurückschrecken. Also!"
„Aber es giebt verschiedene Arten von Wahrheiten, mein Kind —"
„In Deinem System vielleicht, Mama — nicht in dem meinen."
Frau March schwieg. Sie hielt es für bsffer, das Feld zu räumen, so lange sie sich noch sicher fühlte.
Der Ruf von Lolas ungewöhnlicher Schönheit und ihrem bedeutenden Vermögen war ihr vorausgeeilt. Die tonangebende Gesellschaft hatte entschieden, daß eine schöne Frau — ohne Gatten, der sie controlliren, ohne Kind, das sie in Anspruch nehmen könne — eine wünschenswerthe Erwerbung sei. Zwar bemerkten die Damen, es wäre vielleicht bester, wenn sie nicht gar so schön wäre; aber das ließe sich nun einmal nicht ändern.
Die Gräfin Colvyn war einigermaßen in Sorge um ihre Ballkönigin-Würde. Sie hatte während zweier Jahre ohne Rivalin regiert. Doch besaß die Gräfin nicht nur einen Gatten, sondern dieses Jahr sogar einen kleinen neuen Weltbürger daheim in der Wiege. Ihre Chancen verringerten sich bedeutend.
Am nächsten Dienstag sollte die Saison feierlichst durch eine Hoffestlichkeit eröffnet werden. Eine entfernte Verwandte des verstorbenen Baron Medfort, die Marquise von Rosedale, hatte sich erboten, Lola bei Hofe vorzustellen und sie so in die Gesellschaft einzuftthren.
Frau March ängstigte sich ein wenig vor diesem Debüt ihres Lieblings; doch die junge Schönheit lachte siegesbewußt.
III.
Ein vollständiger Erfolg! . . .
Er ist bereits entschieden, als Lola die Reihe neugieriger Blicke entlang durch den Saal schreitet.
Sie schreckt nicht zurück vor diesen bewundernden Blicken. Sie betrachtet sie als etwas Selbstverständliches und lächelt nur ein wenig — ein Lächeln, so süß und bestrickend.
Lola kennt die Vortheile ihrer Stellung und rechnet mit ihnen. Ihre Wittwenschaft sichert ihr eine gewiffe Unabhängigkeit. Sie kann Manches sagen und thun, was für ein Mädchen unschicklich wäre. Ruhig und mit vollkommener Ueber- legerheit überblickt sie das Kampffeld. Als sie Ihrer Majestät vorgestellt wird und deren Hand küßt, fragt sie sich, ob sie vielleicht gar einen königlichen Prinzen zu ihren Füßen sehen würde.
Die Marquise von Rosedale ist äußerst zufrieden. Sie führt selten junge Debütantinnen in die Höchsts Gesellschaft ein. Es ist zu unsicher, ob sie gefallen. Lolas außergewöhnliche Schönheit hatte sie eine Ausnahme machen lassen und sie bereut es nicht.
„Sie erscheinen doch heute Abend zu meinem Ball, liebe Baronin?" fragt sie eindringlich beim Abschied. „Die elegantesten Cavaliere werden anwesend sein."
Und Lola sagte zu.
Das Aufsehen, welches die junge Frau Vormittags bei Hofe erregt, verdoppelt sich am Abend. Es gibt Leute, die
heute nur aus dem Grunde den Ball der Marquise besuchen, um die berühmte Schönheit zu sehen. Das Gerücht war verbreitet, die Gräfin Colvyn sei geisterbleich geworden, als die Baronin Medfort eingetreten, und Fräulein von Hamilton — bis dahin die einzige „Kastanienbraune" — habe vor Erregung mehrere Minuten lang nicht sprechen können.
Lola ist mit anscheinender Einfachheit gekleidet. Ein silbergesticktes weißes Atlaskleid mit langer Schleppe fließt in schlichten Falten an den herrlichen Formen herab. Die kost- barsten Brüsseler Spitzen verdecken zum Thsil Nacken und Büste, während Schultern und Arme in vollster SSönheit prangen.
Alls Augen folgten der blendenden Erscheinung- Der Goldschein ihres Haares, das Feuer ihrer Diamanten, das leuchtende Weiß ihres Gewandes scheinen die Blicks magnetisch an sich zu ziehen.
Die Männer sind in Extase, während die Frauen ihr bittere Feindschaft schwören.
Zwei Herren stehen etwas abseits. Der eine, soeben erst angekommen, lehnt nachlässig an dem Sockel, welcher die lebensgroße Venus von Milo trägt. Baron Gerald Hastings ist groß und kräftig gebaut. Starkes dunkelblondes Haar lockt sich über einer hohen, weißen Stirn. Der Mund ist weich und von einem kurzen Vollbart umgeben. Die großen, lachenden blauen Augen blicken frei und offen.
Sein Freund, Lord Arno Rawdon, ist ein wenig kleiner und schlanker.^ Er hat etwas von der Schönheit der spanischen Könige an sich. Dunkles, welliges Haar, nachtschwarze melancholische Augen, eine schwach gebogene Rase, darüber fast zusammengewachsene, dichte Brauen, ein energisch geschlossener Mund mit langem, schwarzem Schnurrbart und eine nachlässige Vornehmheit in Sprache und Haltung machen ihn zu der interessantesten Erscheinung im ganzen Saal.
„Hast Du schon die junge Baronin Medfort, von der alle Welt spricht, gesehen?' fragt Baron Gerald.
Lord Rawdon nickt schweigend.
„Ist sie wirklich so schön?"
„Vollendet."
„Was für einen Eindruck machte sie? Den einer trauernden Wittwe?"
„Nichts dergleichen."
„Nun, wie ist sie denn?"
Lord Rawdon blickt auf. Seine dunklen Augen flammen.
„Wie sie ist?" ruft er feurig. „Wie eine Königin, eine Zauberin, eine Hexe! ... Sie ist Alles, was ein Weib sein soll und auch wieder nicht sein soll. Ha, Gerald, frage mich, was die Wellen rauschen, was die Vögel singen — ich könnte Dir eher darauf antworten, als auf die Frage: Wie ist Lola Medfort!"
„Sie scheint Dich ja ganz poetisch gemacht zu haben," neckte Baron Gerald.
„Du willst sagen „verrückt". Nein das gelingt keinem Weibe. Auch bin ich ihr noch gar nicht vorgestellt. Die Sache war so: Sie ging an Fürst Lartnski's Arm bei mir vorüber. Gerade neben mir löste sich aus ihrem Strauß eine weiße Hyacinthe. Ich hob sie auf und reichte sie ihr mit einer Verbeugung. Sie blickte mich an mit einem Lächeln. — einem Lächeln, welches meine Pupillen festbannte. Viele Frauen haben mich angesehen, viele haben mir zugelächett — aber so etwas habe ich noch nie empfunden. Ich bin ein anderer Mensch seitdem."
Baron Gerald lacht.
„Du bist verliebt, mein Freund."
„Ich bin nicht verliebt," erwidert Lord Rawdon mit einer ungeduldigen Bewegung des Kopfes. „Ich denke nicht daran. Du weißt, ich bin ein Feind der Ehe. Ich habe zu viel unglückliche Ehen gesehen-"
„Nun denn?"
„Ich weiß nicht, was die Frau mir mit ihren Augen angethan hat."
„Ich noch weniger," lacht Baron Gerald.
Auf Lord Rawdons Zügen ruht tiefer Ernst.
Ä-


