Wieder lacht Lola.

Ich bitte Dich, vorsichtig zu sein," fährt Jene zögernd fori.Du weißt, Du bist schön und klug und besitzest eine große Macht über die Männer."

Ein triumphirender Lächeln fliegt wie ein Blitz über das strahlende Antlitz Lolas. Dann sagt sie leichthin:Die Männer sind unsere natürlichen Feinde. Mögen sie sich in Acht nehmen, wenn ich ihnen gegenüberstehe I Für mich ist das Herz eines Mannes nur ein Spielzeug!"

Mißbilligend schüttelt die Mutter das Haupt.Glaubst Du, ein Mann kann weder fühlen noch leiden?"

Ich hab' noch nicht darüber nachgedacht, Mama. Hoffentlich können sie es. Doch wirst Du selbst wiffen, auf einen durch Liebe unglücklichen Mann kommen mindestens drei Dutzend Frauen."

Frau March hebt warnend die Hand.

Lola, Lola! Du spielst ein gefährliches Spiel. Nimm Dich in Acht!"

Keine Sorge, Mama!"

Und Lola nimmt einen französischen Roman zur Hand und vertift sich in denselben.

Ein lustiges Feuer flackert hinter dem silbernen Gitter des Kamins. Die bunten Lampen scheinen wie riesengroße Perlen und beleuchten matt eines der elegantesten und trau­lichsten Boudoirs von London Vorhänge und Portieren aus mattrothem Sammet mit zartgelben Spitzen, Möbel aus Rosenholz und blaßblauer Seide, einen weichen, persischen Teppich in den leuchtendsten Farben, einige werthvolle Ge­mälde und Marmorstatuetten. Das Ganze durchzogen von dem Duft unzähliger Blumen, die überall in Vasen, Etageren und zierlichen Körben stehen, hängen oder die matte Seiden­tapete emporklimmen.

Die beiden Frauen in diesem kosigen Raum bilden einen wunderbaren Gegensatz zu einander.

Frau March ist sehr groß, sehr mager, sehr steif und trägt sich stets schwarz eine Frau mit engem Gesichtskreis, aber festen Grundsätzen; eine Frau, deren ganzes Leben sich in vorgezeichneten Bahnen bewegte und die niemals straucheln konnte, weil sie nie einer Versuchung gegenüber gestanden; eine Frau, die sich ganz und gar nicht zur Erziehung ihrer lebhaften, eigenwilligen, glänzenden Tochter eignete, zu der sie mit einem gemischten Gefühl von Angst, Bewunderung und Ehrfurcht emporsah und deren Empfindungen sie durchaus nicht verstand.

Baronin Lolas glänzende Schönheit kommt durch die strenge Einfachheit im Aeußeren ihrer Mutter noch mehr zur Geltung. Kein Maler, kein Dichter hätte an dieser Gestalt etwas aussetzen, sie irgendwie idealistren können. Unübertreff­lich ist das herrliche Gleichmaß der Glieder, die zarte Fülle der Gestalt, die Reinheit der Gesichtsfarbe, der goldene Schein des vollen, kastanienbraunen Haares, die graziöse Haltung des zierlichen Kopfes, die Linie vom schlanken Hals bis zur sanft gerundeten Schulter. Was in dem lieblichen Antlitz am meisten auffält, sind die großen leuchtenden, tiefdunkelblauen, von langen, dichten Wimpern beschatteten Augen. Die Brauen find feingezeichnet, gerade und schwarz.

Wie sie so dasteht, hoch und schlank gewachsen, gleich einer jungen Palme, im bequemen Hauskleid aus duftigem, mattblauem indischen Mouffelin, ein golddurchwirkter, Spitzen- shawl nachlässig um die weißen Schultern geworfen, die kleinen Füße in orientalischen gold- und perlengestickten Pantöffelchen bietet sie einen Anblick, der jedes Männerherz höher schlagen lassen muß.

II.

Clifdale, wo Pastor March lange Jahre hindurch das Seelsorgeramt verwaltet hatte, ist eine ruhige, ernste Stadt, welche niemals vom Fortschritt auch nur gestreift worden war. Jede Fröhlichkeit, jedes moderne Leben sind ein für allemal daraus verbannt. Die Bewohner, fast lauter wohlhabende Leute, leben streng ihren Grundsätzen.

Als der Pastoreine Verbindung schloß" wie die

Damen von Clifdale sich mit Vorliebe ausdrückten, fiel feine Wahl auf die Tochter eines benachbarten Dorspfarrers, ein gesundes, wohlerzogenes, häusliches Mädchen. Dort in dem düstern Pfarrhaus, unter dichten, alten Weidenbäumen, lebten die Beiden acht Jahre zufrieden und in ihrer Art glück­lich, wenn auch äußerst zurückgezogen. Dann wurde ihnen eine Tochter geboren. Die lebhafte Kleine brachte Sonnenschein in die düsteren Räume.

Weder der Pastor noch seine würdige Gattin hatten sich jemals durch äußere Vorzüge ausgezeichnet. Die wunderbare Schönheit des kleinen Mädchens erschien Jedermann wie ein Räthsel.

Die Pastorin that ihr Bestes, die kleine, eigenwillige Lola zu erziehen. Sie lehrte sie die verschiedensten Gebete, den Katechismus, die biblische Geschichte; sie führte sie dreimal jeden Sonntag in die Kirche aber das Kind war eine ge­borene kleine Kokette.

Jeder junge Chorsänger im Kirchenchor, jeder Primaner des alten, düstern Gymnasiums auf dem Hügel dort oben, jeder schüchterne Candidat, welcher einmal ihres Vaters Kanzel betreten, schwärmte für sie. Ein Blick jener wunderbaren dunkelblauen Augen, ein eigenthümlicher, theils verschleierter, theils auffordernder Blick und es war um die Ruhe des armen Jünglings geschehen.

Der Pastor kannte die Gefallsucht seiner Tochter wohl. Nach Kräften bemühte er sich, dieselbe zu unterdrücken. Be­vor er irgend einen Erfolg erzielt hatte, starb er.

Da die Wittwe das Pfarrhaus verlassen mußte, zog sie mit ihrer Tochter zu Verwandten nach London. Hier lernte die siebzehniährige Lola den reichen Baron George Medfort kennen. Nach wenig Monaten schon heirathete sie ihn. Daß er alt war, kümmerte sie wenig besaß er doch große Reichthümer.

Als der Baron ihr zum ersten Mal seine Hand ange­boten, hatte sie dieselbe ausgeschlagen mit der lachenden Be­merkung:Nein, Sie sind mir zu alt!"

Doch er war wahnsinnig in das reizende Mädchen ver­liebt. Er versprach ihr, daß sie die einzige Erbin seines be­deutenden Vermögens sein solle. Außerdem besaß er ein großes Haus in London. Ein paar Freundinnen deuteten zart an, daß der alte Mann nicht mehr allzulange leben könne.

Lola gab den stürmischen Bitten nach und wurde Baronin Medfort.

Sogleich nach der Hochzeit führte der Baron seine schöne Gemahlin nach dem Continent. Er freute sich nicht lange seines jungen Glückes. Nach einem halben Jahre schon starb er in Rom am Fieber. Lolas Herz wurde wenig durch den Tod ihres Gatten berührt. Auf ihren Wunsch eilte Frau March sofort herbei. Der Baron erhielt ein prunkvolles Leichenbegängniß und einen kostbaren Marmorstein. Dann begaben die beiden Frauen sich nach Venedig.

Lola trug die schwärzesten Cropeschleier und die kleid­samsten Wittwenhauben, in denen manch' hilfloses Opfer sich verfing. Während des Trauerjahres lebte ste auffallend zurück­gezogen und wahrte durchaus das Decorum. Ein oder zwei venetianische Fürsten, eine Anzahl einfacher Edelleute, ein italienischer Oberst und einMylord" auf Reisen fühlten sich allerdings kurze Zeit ihretwegen sehr unglücklich. Doch das bedeutete nichts. Dergleichen kleine Vorfälle begegnen weit weniger schönen Frauen als Lola Medfort.

Frau March hatte während der kurzen Ehe ihrer Tochter in einer hübschen Villa in Clifdale gelebt. Jetzt zog ste ganz zu ihr. Das Haus, welches Baron Medfort seiner Gattin hinterlassen, war eines der vornehmsten und geräumigsten von London. Hier hielt nun Lola mit ihrer Mutter Einzug. Als sie die prunkvollen Räume, die aufgehäuften Kostbarkeiten sah, kam ihr ein neuer Gedanke.

Wir haben die schönsten Ballsäle der Welt!" rief sie und klatschte vor Freude in die Hände.Ich werde glänzende Feste geben und bald zur Königin der Saison avanciren!"

Zu einer glänzenden Festlichkeit gehört mehr als ein i Ballsaal, mein Kind," wandte Frau March ein.