Mit Hülfe von Axt und Stemmeisen sprengte er die morsche Thüre der kleinen Wohnung.
„Geht hinauf, weckt den Kerkermeister und seine buckelige Tochter, sie sollen sofort vor mir erscheinen," rief der Hoch» mögende.
Widerwillig gehorchten die Mägde. Nach einigen Minuten kamen sie zurück und berichteten mit bleichen Gesichtern: „Der Kerkermeister und seine Tochter liegen halbtodt in ihren Betten; sie athmen noch, aber das Wecken und Rütteln hat nichts geholfen."
„Das geht nicht mit rechten Dingen zu!" knurrte der Hexenrichter.
„Hab' ich's Euch nicht schon vorhin gesagt, gestrenger Herr!" fiel die erste Dienstmagd ein. „Die greulichen Unthiere in der Wachtstube haben das ganze Schloß verhext, wie könnten sonst die wachsamsten Menschen todtähnlich und erstarrt umher liegen."
„Nehme Jede eine Waffe und laßt uns zu den Thürmen gehen," befahl der Richter, dem es immer unheimlicher wurde. Ein beklemmender Anblick bot sich den Herankommenden dar. Wächter und Spürhund lagen vor der Thurmthüre, ohne ein Lebenszeichen von sich zu geben. Scheu wichen die Muthigen zurück. Am großen südlichen Thurme zeigte sich dasselbe Bild.
Unterdesien war es auf der Wache lebendig geworden. Die scharfe Winterluft drang durch das zertrümmerte Fenster und weckte zuerst den Feldweibel. Mühsam arbeitete er sich empor, die Glieder waren ihm wie zerschlagen; er empfand eine solche Schwere im Körper, daß er kaum einen Fuß vor den anderen heben konnte.
„Auf, Ihr verdammten Holzböcke!" schrie er. „Löst die Posten ab, Gefreiter; es scheint, wir haben verschlafen." Mit der Säbelscheide schlug er derb auf die Schläfer los. Einer nach dem Anderen kam zum Bewußtsein.
Carpari hörte das Fluchen und Schreien im Wachthause. Sein Muth, der vorher auf den Nullpunkt gesunken, kehrte zurück, als er merkte, daß die Soldaten noch am Leben waren.
Mit seiner Axt donnerte er gegen die Fensterbekleidung und schrie hinein: „Nichtswürdige Bande! Pflichtvergeffene Söldlinge! Heraus an'S Tageslicht!"
Mit schlotternden Knieen erschienen die Helden.
„Was habt Ihr während der ganzen Nacht getrieben, feiges Gesindel!" schrie der Commiffarius, deffn eigene Feigheit sich in Wuth verwandelte.
Es ersolgte keine Antwort.
„Bier Mann treten an, um die Wachen an den Thürmen abzulösen, die ich bereits revidirt habe. Zwei Mann bringen den Kerkermeister hierher. Ich halte sofort Gericht und muß hören, was Ihr in der Nacht geschafft habt."
Entsetzt wichen die Soldaten zurück, als sie die Bluthunde und ihre Kameraden vor den Thurmthüren fanden; sie wurden in das Wachtlocal gebracht.
Inzwischen langte auch der Kerkermeister an. Die Soldaten berichteten: Wir konnten ihn nur schwer zur Besinnung bringen. Das Schlüffelbund lag unter seinem Kopfkiffen. Justine, die buckelige Tochter, liegt wie tobt in ihrem Bette.
Unter dem Schutze der Wachmannschaft visitirte der Hexenrichter die Thürme. Spurlos waren die Gefangenen verschwunden; nirgends konnte die Anwendung von Gewalt entdeckt werden.
„Das können keine Menschen geschafft haben; Hexen, Zauberer und Teufel wirkten zusammen, um solch' ein Werk zu verrichten," stieß Caspari hervor.
„Wir waren sehr vergnügt bei dem Weine," berichtete der Feldweibel, „tranken die Gesundheit des Durchleuchtigen Herrn sehr mäßig und besetzten die Posten. Das war um zehn Uhr und das Faß noch halb voll. Also war unser Trinken bescheiden und mäßig. Das Fäßchen steht oben in der Wachtstube und ist ganz ausgetrocknet. Wie kann das bei einem noch halb vollen Fasse geschehen! Trunken können wir von dem Wenigen nicht worden sein, da drei Mann des Faffes Inhalt hätten zu bezwingen vermögen. Die Hälfte vertheilte
sich auf dreizehn. Ist nicht anders zu schließen, als daß der böse Feind hier im Spiele gewesen."
Der Kerkermeister berichtete: „Um zehn Uhr wurde das Faß abgeholt; ich hörte die Hammerschläge von der Wachtstube her, als der Hahn eingeschlagen wurde. Darauf ging ich zur Ruhe, bevor ich das Schlüffelbund unter'm Kopfkiffen verbarg. Keinen Laut vernahm ich in der Nacht- Meine Tochter schläft noch einen tiefen Schlaf."
Der Gefreite sagte aus: „Kaum ein halber Schoppen des guten Weines kam auf mein Theil. Er erwärmte mich. Ich führte die Posten vor die Thürme und kettete die Hunde fest. Darnach legte ich mich auf die Pritsche, um erst jetzt wieder zu erwachen. Nach Mitternacht deuchte mir, als öffne sich die Wachtstubenthüre und eine häßliche Gestalt gleich einer eckigen Kugel würfe etwas herein, konnte aber nichts unterscheiden."
Die Soldaten logen, was sie vermochten; besonders stimmten sie darin überein, daß sie nur wenig Wein bekommen und durchaus nicht trunken oder unwiß geworden. Caspari mußte zugeben, daß dreizehn Krieger durch zwanzig Maß Wein nicht sinnlos betrunken werden konnten. Das Faß war richtig verspundet im Wachtlocale angekommen und voll bis obenan-
Die wichtigste Aussage machte der Wächter am südlichen Thurme; die Wärme im Wachtzimmer, das Rütteln und Stoßen der Kameraden brachte den fast völlig Erstarrten wieder zur Besinnung.
Caspari kam mit den Soldaten und dem Kerkermeister von den Thürmen zurück in's Wachthaus.
Der Thurmwächter berichtete: „Eine Stunde lang war ich auf dem Posten, da vernahm ich ein sonderbar Sausen und Singen um mich. Mir war, als ob mich Jemand sanft niederlege; deutlich hörte ich noch einige Glockenschläge. Plötzlich erschien eine kleine, dreieckige Gestalt, die hüpfte herum, streckte die Finger aus, der Thurm that sich auseinander, der Unhold verschwand und ich verlor gänzlich die Besinnung. Auch der Hund zu meinen Füßen rührete sich nicht. Vermeine ich also, daß die Gestalt des bösen Feindes Großmutter gewesen sein muffe, so greulich und erschrecklich sah sie aus."
Es bestand kein Zweifel, daß der Gottseibeiuns die Gefangenen befreit habe. Die Fledermäuse hatte nicht blo» der Hexenrtchter selbst, sondern auch die Magd deutlich gesehen. Der Gefreite konnte als Zeuge dafür gelten, daß ein Unhold die Thiere, welche ohne Zweifel böse Geister waren, um Mitternacht in das Wachthaus gesetzt habe.
Die Zugbrücke wurde niedergelassen und der Verkehr in's Schloß erlaubt. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht von dem Verschwinden der Gefangenen. Die Freude darüber war allgemein; nur Alwine und Malwine knirschten heimlich vor Wuth, als sie das Nähere erfuhren. Ein Hoch« genuß wäre es für Beide gewesen, den Rentmeister und seine „Dirne" brennen zu sehen. , ,
„Denke Dir, Malwinchen," sagte die große Alwme zu der kleinen, dicken Freundin, „neulich hat der Herr Hosprediger aus alten Chroniken und Urkunden herausgebracht, daß diese Beilsteins aus einem vornehmen Geschlechte Derer von Bilstein abstammen sollen. Im Vogelsberge gäbe es einen hohen Berg, der hieße Bilstein; dort hätten die Voreltern ihre Stammburg gehabt."
„Die alte Beilstein hatte immer etwas Absonderliches an sich und auch ihre Töchter," erwiderte Malwine. „So ein gewisser Stolz guckte überall herfür; ist ja gut, daß das Gezüchte nunmehro von dannen floh."
Um Mittag erwachte Justine aus ihrer Betäubung-
„Der Deihenker mag wiffen," sprach der Alte zur Tochter, „wie der Rentmeister und sein Schatz entkamen-'
„Was sagt Ihr, Vater!" rief Justine mit gut gespieltem Erstaunen.
„Na ja! Hast die Wundermähr verschlafen und verduselt. Heute Nacht war Alles verdreht und verhext, die Menschen und die Hunde, da ist das Paar glücklich entkommen."
„Warum hat man ihnen aber nicht nachgeschickt und sie wieder eingeholt?" t -
„Einfältige Dunzel! Wohin denn? Der Eine sagt, sie


