gab. Schließlich kam man wieder auf die Reisepläne zurück und faßte den Beschluß, im Sommer zusammen eine Rheinreise zu machen und dann jenen kleinen Badeort im Schwarzwald aufzusuchen, wo, wie Salden dem Freund versicherte, ihm jedenfalls wieder neue Lebenslust und Freude aufgehen solle.
Es war im Hochsommer, als Born und Salden an einem drückend heißen Tage die Residenz verließen, um die geplante Reise auszuführen. Born hatte seit jenem oben geschilderten Abend keine Anspielung wieder auf die Vergangenheit gemacht und Salden glaubte ihn so ziemlich geheilt von seinen Schrullen. Eine andere Bezeichnung für derartige, in seinen Augen unendlich thörichte Gemüthsstimmungen kannte Salden nämlich nicht.
Die beiden Freunde fuhren in der heitersten Stimmung den Rhein entlang, machten in verschiedenen schönen Orten kurzes Quartier und begaben sich schließlich auf die Fußwande- rung, da sie das Menschengewühl auf den Dampfschiffen und Bahnzügen satt hatten. Rach einigen Tagen gemächlichen Wan- deins hatten sie ihr Ziel im Schwarzwald erreicht, wo sie einige Wochen zu bleiben gedachten.
In derselben Zeit waren wunderbarer Weise auch bei Dora Schmidt plötzlich Reisegelüste erwacht. Die sonst so sehr geliebte Heimath hatte schon bei der Gemüthsstimmung, in der sich Dora jetzt befand, längst allen Reiz für sie verloren. Sie fand die Haide, deren Schönheit sie einst so gepriesen, öde und trostlos, den kleinen, anmuthigen Fluß nannte sie ein trübseliges Gemässer und das Stückchen Wald erschien ihr als eine reine Ironie gegenüber den herrlichen Gebirgswäldern, deren unvergleichliche Schönheit Dora so oft hatte rühmen hören.
Doras Tante hatte zwar seit jener Fahrt nach Berlin einen wahren Schreck vor einer neuen Reise mit Dora, gab aber schließlich doch ihren Bitten nach, nur behielt sich die Tante vor, das Reiseziel selbst zu bestimmen. Dora erhob keinen Widerspruch dagegen, ihr war es gleich, wohin die Reise ging. Sie schmachtete nur danach, andere Menschen und Ge- genden zu sehen, einen Athemzug in einer anderen Welt zu thun, als in der Kleinstadt, in welcher sie leben und athmen mußte.
Frau Schmidt war wenig gereist in ihrem Leben, ihre schönste und fast einzige Reise-Erinnerung war ihre Hochzeitsreise, auf welcher damals ihr junger Gemahl sie nach dem Rhein geführt hatte. Den Rheinstrom wünschte die alte Dame nun noch einmal zu sehen und so bestimmte sie zunächst Heidel- berg als Reiseziel.
Dora war auf der Reise diesmal eine sehr liebenswürdige Gesellschafterin und voller Aufmerksamkeiten für die Tante.
In Heidelberg jedoch änderte sich plötzlich Doras Stimmung auffallend; sie erschien wieder ebenso unruhig und aufgeregt, wie damals in Berlin. Der Name des Assessors Born, den sie im Fremdenbuch der Hotels, in welchem sie logtrten, gefunden, hatte diese Wandlung hervorgerufen. Der Oberkellner, den sie ausforschte, konnte ihr ziemlich genau die Reise- route Borns und Salbens angeben, da die Herren gerade bei ihm sich nach mehreren schönen Gegenden, die sie auszusuchen gedachten, erkundigt und als das Ziel ihrer Reise erfuhr Dora jenen kleinen Badeort im Schwarzwald, welchen die junge Dame , sofort auch zu ihrem Reiseziel machte.
Der Tante schilderte sie denselben, trotzdem sie ihn nicht kannte und nie vorher etwas von ihm gehört hatte, als ein wahres kleines Paradies, wo man jedenfalls längeren Aufenthalt nehmen müsse. Und so begann dann Dora, begleitet von der treuherzigen Tante, ihre unbesonnene Verfolgung Borns wieder. Aber im größeren Styl wie damals in Berlin geschah es diesmal, nicht zu Fuß, sondern mit allen nur cxistirenden Fahrgelegenheiten, bald per Dampfschiff und bald per Bahn, bis sie dann endlich mit einem Lohnfuhrwerk an einem schönen Sommerabend dem ersehnten Ziel entgegenfuhren.
Je näher sie demselben kamen, je nachdenklicher und stiller wurde Dora; träumerisch blickte sie vor sich hin und hatte kein
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j Auge für die liebliche Gesnerie, die sich vor ihnen in der Abendbeleuchtung aufthat.
„Es ist ganz nett hier," begann endlich die Tante die Unterhaltung wieder, nachdem eine Weile beide Damen stumm nebeneinander gesessen. „Nach Deiner Beschreibung aber muß ich gestehen, hätte ich es mir doch viel großartiger hier gedacht."
Dora blickte auf. Eine ächte Schwarzwaldlandschaft mit Tannendunkel und Hellem, saftigem Wiesengrün lag vor ihnen durch ein liebliches Thal schlängelte sich ein kleiner Bach, freunb» uche Häuser standen inmitten wohlgepflegter Blumengärten und die Abendsonne spiegelte sich in den Hellen Fenstern.
„Es ist schön hier," sagte Dora, „ein Hauch des Friedens liegt über Allem, wie malerisch dort die graziösen Birken sich in dem klaren Gewässer spiegeln, das Wiesengrün leuchtet hier förmlich und dazu die dunkel bewaldeten Berge, die das Ganze einschließen, als wollten sie diese Stätte des Friedens schützen, damit kein Ton der Welt hier herein bringt."
„Wer weiß, ob es eine solche Friedensstätte ist," erwiderte die Tante, „Menschen sind auch hier und schwerlich lauter friedliebende."
Der Wagen hielt jetzt vor dem Hotel und Menscheustimmen, Lachen und Jauchzen von Kindern, die auf den Rasenplätzen im Garten spielten, schallten zu ihnen heraus. Der schöne Abend hatte alle Bewohner des Hotels in's Freie gelockt und mit neugierigen Blicken musterte man jetzt die neu Ankommenden.
Auch Doras Augen flogen erwartungsvoll umher. Es war ja möglich, daß — Born hier war und in einer der kleinen lauschigen Lauben verborgen saß. Aber Dora entdeckte überall nur Damen und Kinder und einige ältere Herren, die unter einer Veranda saßen und sich eifrig dem Kartenspiel hingegeben hatten.
Der diensteifrige Oberkellner, der jetzt herbeigeeilt war, wies den Damen auf Frau Schmidts Frage nach einigen Zimmern sogleich ein sehr elegantes Logis an mit einem zierlichen Balkon, der eine entzückende Aussicht in die Berge bot.
Als die Tante schon längst zur Ruhe gegangen, stand Dora noch lange auf dem Balkon und blickte träumerisch hinunter auf die mondbeschienene Landschaft.
Unter ihr in einem hell erleuchteten Zimmer wurde ntufi« zirt. Eine helle Frauenstimme sang die „Frühlingsnacht" von Schumann und jubelnd klang es zu ihr herauf:
„Und der Mond, die Sterne sagen's, Und im Traume rauscht's der Hain, Und die Nachtigallen schlagen's: Sie ist Deine — sie ist Dein!" —
Dora war es, als sie dieser jubelnden Stimme lauschte, als ginge durch das Weltall ein harmonischer Klang von Liebe und unendlichen Glücks. Sie hörte ihn durch das Murmeln des Baches und durch das Rauschen der Wälder. Auch die Blumen überall schienen leise davon zu flüstern und der linde Abendwind trug es zu ihr herauf.
* ♦ *
Der Assessor Born wohnte nicht in dem Hotel, das hatte Dora sehr bald ausgekundschaftet. Jedenfalls hatte, er es vorgezogen, eine Privatwohnung zu nehmen. Eine Begegnung mit ihm war ja aber trotzdem täglich möglich, tröstete sich Dora, wenn Born überhaupt hier verweilte und seine Reiseroute nicht geändert hatte. Eine tiefe Trostlosigkeit bemächtigte sich des jungen Mädchens bei dem Gedanken, daß Born vielleicht doch nicht hier verweile und all' ihr Hoffen ein vergebliches gewesen sei.
Als mehrere Tage vergangen waren und Dora trotz allem Umhersteisens keine Spur von ihm entdeckt hatte, gewann dieser Gedanke sehr an Wahrscheinlichkeit, und die gehobene Stimmung, in welcher sie die ersten Tage hier in dem reizenden Badeorte verlebt, mußte bald einer sehr trübseligen, restgnirten weichen.
Frau Schmidt hingegen fühlte sich von Tag zu Tag be- haglicher, sie hatte sich einigen älteren Damen angeschloffen, mit denen sie ihre Stunden auf die gemüihlichste Weise ver-


