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Dienstag, den 16. Januar.

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Bekehrt.

Novelle von F. S t ö ck e r t.

(Fortsetzung.)

Es lag auch wirklich wie eine neue Lebenshoffnung auf Doras Antlitz, als sie an einem sonnigen Tage im April mit ihrer Tante in der Residenz angelangt war und in einer Droschke durch die schönsten Straßen der Hauptstadt fuhr. Die Caroflen und Reiter, die geputzten Menschen, die eleganten Schausenster, Alles in Frühlingssonnenschein getaucht, bot ein so lebensfrisches Bild, daß die Blicke beider Damen mit Ent­zücken darauf ruhten.

Und hier weilt er," sagte sich Dora.Wird unter diesem gewaltigen Menschenstrom diese eine ersehnte Gestalt auftauchen, werden wir uns sehen und sprechen? Hier, wo das kleinstädtische Leben nicht mehr mein Denken und Empfinden beengt, däucht es mir viel leichter, ihm Alles das zu sagen, was ich an jenem Abend nicht über die Lippen brachte."

Am Abend war Dora mit ihrer Tante in der Oper und am anderen Morgen nahmen die beiden Damen verschiedene Sehenswürdigkeiten in Augenschein. Frau Schmidt beobachtete dabei mit innerer Befriedigung, wie munter und angeregt Dora war, fast wie in früheren Zetten. Rach einigen Tagen jedoch ließ diese frohe Aufregung bei Dora schon bedenklich nach und ein herber Zug flog öfters wieder über das Antlitz des jungen Mädchens. Dabei aber war sie unermüdlich im Umherstreifen und schleppte die etwas corpulente Tante erbarmungslos in Bildergallerien, Schlösser und Kunsthandlungen, bis diese end­lich erklärte, sie halte diese Strapazen nicht mehr aus und da­rauf bestand, heimzukehren. Sie könne das Wagengerassel nicht mehr hören und die vielen Menschen nicht mehr sehen, sie sei ganz erschöpft.

Bleib' nur noch ein paar Tage, Tantchen," bat Dora. Der Ankauf des Flügels ist ja noch nicht einmal entschieden, und morgen wirdTannhäuser" gegeben."

Ich will aber nichts mehr hören, nichts mehr sehen, ich bin übersättigt, Kind!" sagte Frau Schmidt, und blieb tief ausathmend auf der breiten StraßeUnter den Linden" stehen, wo sie soeben den Laden einer Kunsthandlung verlassen hatten. Ihre gutmüthigen blauen Augen blickten dabei fast zornig auf Dora.

Wir wollen eine Droschke nehmen, Tantchen," erwiderte Dora,die Dich wieder nach unserem Hotel fahren soll; ich kann ja auch allein gehen," meinte dann Dora und richtete ihre Augen mit wachsender Aufmerksamkeit auf einen sie offenbar

sehr interesfirenden Gegenstand auf der anderen Seite der Straße.

Allein gehen!" rief die Tante entsetzt.Um Gottes willen, ich würde mich tobt ängstigen, Dich allein in diesem Menschengewühl hier zu wissen. Ich bin ganz erschöpft und wir müssen zu Hause."

Dora jedoch vernahm diese letzten energischen Worte nicht mehr. Ihre Augen, die fortwährend suchend umherflogen, hatten plötzlich drüben auf der anderen Seite der Linden ein bekanntes Gesicht entdeckt, den Assessor Born, und ohne nur einen Moment sich zu besinnen, war sie hinüber auf die andere Seite der Straße gelaufen. Das Schicksal schien sich noch in der letzten Stunde ihrer erbarmen und ihr heißes Sehnen und Wünschen endlich sich erfüllen zu sollen.

Dora! Kind! Wo willst Du hin?" rief die Tante außer sich und folgte der unbesonnenen Richte, so schnell sie es ver­mochte. Aber Frau Schmidt war nicht im Stande, das davon­eilende junge Mädchen einzuholen, da ihr bei dem Laufen der Athem gänzlich ausgegangen war. RurDora! Dora!" stöhnte sie von Zeit zu Zeit.

Dora bog soeben in eine Seitenstraße ein, in welcher Born ahnungslos, daß ihm Dora nachgeeilt war, vorangeschritten war. Doch als Dora sich hier suchend nach ihm umschaute, war Born verschwunden; er mußte in irgend eins der nächsten Häuser gegangen sein.

Als Dora nun rathlos stehen blieb, tönte der Tante keu­chender Ruf an ihr Ohr; Dora wandte sich um und wenn ihre Stimmung nicht eine halb verzweifelte gewesen wäre, hätte sie wohl hell aufgelacht, als die alte Dame hochroth und keuchend, gefolgt von einer Anzahl neugieriger Straßenjungen, herbei- gestürzt kam. Jetzt war die Tante wirklich ganz erschöpft, sie konnte kein Wort über die Lippen bringen, nur ihr vorwurfs­voller Blick ruhte vernichtend auf Dora.

Ich wollte ja nur eine Droschke besorgen, Tantchen," sagte diese, sich keck mit einer kleinen Rothlüge entschuldigend, und wollte einer leeren Droschke nachlaufen."

Es halten ja aber doch genug leere Droschksn," hauchte die Tante- .

Die gefiel mir aber gerade," erwiderte Dora etwas klein­laut und sehr verlegen.

Vorübergehende Herren, die dieser Auseinandersetzung zwischen Tante und Richte mit größter Spannung gefolgt, brachen jetzt in ein schallendes Gelächter aus. Ein junger Mann rief eine Droschke heran.

Hoffentlich gefällt Ihnen diese auch, mein gnädiges Fräu­lein," sagte er, indem sein Blick belustigt auf Dora ruhte.