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Ihr Herz krampst sich zusammen, wenn sie sich vergegenwärtigt, was aus ihrem heiteren, frischen Gerald geworden ist. Wie ost hat sie Thränen in den sonst lachenden blauen Augen aufquellen sehen, wie ost halb unterdrückte Seufzer gehört, die dem freundlichen Mund sonst fremd gewesen!
Und das Alles um eines Weibes willen, um einer Koketten, die das edle, zärtliche Herz ihres Lieblings als Spielball ihrer Laune benutzte!
Die feinen Brauen der alten Dame ziehen sich finster zusammen; ihre weichen Züge erhalten einen harten Ausdruck. Wer ihren Sohn beleidigt, muß schlecht, grundschlecht sein, nicht werth, daß man auch nur einen Gedanken daran vergeudet, viel weniger ein ganzes Leben.
Zuerst war die Baronin nicht damit einverstanden, daß Gerald Lolas Hochzeit beiwohnen wollte. Dann stimmte sie ihm bei. Vielleicht, daß die Kur eine heilsame, wenn auch schmerzhafte sein würde! Vielleicht, wenn er sie glücklich ver- heirathet wüßte, daß er einsehen würde, wie hoffnungslos und thöricht seine Liebe zu ihr ist!
So wär sie am Morgen zeitig aufgestanden, hatte den Thee bereitet und liebevoll zu ihm gesprochen, bi» er aufbrach, um „das Grab seiner Liebe mit eigenen Augen zu sehen," wie er sich wehmuthsvoll ausdrückte.
Die alte Dame sitzt still da und grübelt. Jetzt muß er bald zurückkommsn, der geliebte Sohn. Schon beginnt die Sonne zu sinken; die Nachtigallen draußen in den Büschen stimmen bereits ihre süßen Lieder an. Die Baronin athmet erleichtert auf; ihre Züge erhellen sich.
„Die Hochzeit ist vorbei," murmelt sie. „Sie ist für ihn verloren. Jetzt wird er einsehen, daß die Mutterliebe die edelste, treueste, uneigennützigste ist. Er wird zurückkehren mit einem Schimmer der alten Fröhlichkeit in seinen lieben Augen und bald wieder der zufriedene, sonnigheitere Jüngling von ehedem sein!"
Hufschläge wecken sie aus ihren Träumereien. Sollte Gerald schon zurück sein? Hastig tritt sie an's Fenster und steht einen Telegraphenboten in den Hof sprengen. Mne Unglücksbotschaft? Ihr Herzschlag scheint zu stocken. O, warum hat ste ihn auch fortgelaffen, den geliebten Sohn, fort, um die Wunde durch einen Gewaltschnitt zu heilen! Wenn die Operation mißlang? Wenn er daran verblutete?
„Gott schütze meinen Sohn!" flüstern die bleichen Lippen der würdigen Matrone, indeß ihre Hände sich zu inbrünstigem Gebet falten.
Als sie kurze Zeit darnach das Telegramm in den Händen hält, zittert ste so heftig, daß sie es kaum zu öffnen vermag. Endlich entziffert sie die Unterschrift: „Dein Gerald."
„Gott sei Dank, er lebt!"
Dann liest sie die Depesche von Anfang an.
„Folkestone . ° .
Liebe Mutter!
Ich beschwöre Dich, noch heute Abend hierher in das Eisenbahn-Hotel zu kommen, wenn möglich mit dem nächsten Zug. Hab' keine Angst um mich. Ich bin gesund.
Dein Gerald."
Die Baronin Hastings liest die Worte mehrere Mal. Dann faltet sie das Papier kopfschüttelnd zusammen. Wie kommt Gerald nach Folkestone? Wozu ist ihre Anwesenheit nöthig? . . .
Doch ihre Verwunderung dauert nicht lange. Noch niemals ist es ihr in den Sinn gekommen, an dem Sohne zu zweifeln oder ihm einen dringenden Wunsch zu versagen. Ste nimmt den Fahrplan zur Hand und steht, daß bereits in einer Stunde ein Zug nach Folkestone abgeht. Die Reisetasche ist schnell gepackt. Schon eine Viertelstunde nach Ankunft der Depesche sttzt die energische alte Dame in ihrem Wagen und rollt dem Bahnhof entgegen — allein, denn eine leise Ahnung sagt ihr, daß ihrem Sohn die Anwesenheit dritter Personen nicht lieb sein würde.
Er ist spät, als der Zug in den Bahnhof von Folkestone
einläust. Gerald steht auf dem Perron. Er ist in größter Angst, ob seine Mutter dem Rufe Folge leisten wird.
Ein Freudenschrei springt von seinen Lippen, al« er die vornehmen, sanften Züge hinter dem Coupöefenster erblickt. Mit einem Sprung ist er dort.
„O, meine Mutter," sagt er innig, als er ihr beim Aussteigen hilft, „wie lieb von Dir, daß Du sogleich gekommen bist. Und allein — ohne Mädchen! Ach, Mutter, ich bin in großer Angst. Ich mußte Dich da haben zu ihrem Schutz."
„Zu weffen Schutz, mein Sohn?"
„Zu ihrem — zu Lola Medforts Schutz, Mutter!"
Die alte Dame tritt einen Schritt zurück. Ihre Züge verfinstern sich.-'
„Sprichst Du im Ernst, Gerald? Ich vermuthe, die Fürstin Orlowsky ist bei ihrem Gatten. Ste sollte wenigstens -dort, fein!"
Q Wehmuthsvoll blickt er in die ersten Züge der Mutter. kZ „Schenke mir zehn Minuten und Du sollst Alles erfahren, Mutter. Doch erst im Hotel. Hier kann ich es Dir nicht erzählen. Auch mußt Du Dich erst stärken. Ach, Mutter, wie glücklich bin ich, daß Du da bist!"
Voll inniger Zärtlichkeit drückt er den Arm, der sich auf den seinen stützt, an sich.
Im Hotel bestellt sich die Baronin eine Tafle Thee auf ihr Zimmer und sagt dann hastig: „Wir sind allein. Nun sprich, warum ist die Fürstin Orlowsky nicht bei ihrem Gatten?"
„Sie ist nicht Fürstin Orlowsky, Mutter!"
„So hat die Trauung gar nicht stattgefunden?"
„Doch, Mutter!"
„Nun also —"
Die Baronin blickt sehr ernst und fast etwa» streng.
In kurzen Worten erzählt Gerald da» ganze erbärmliche Complot.
Die alte Dame ist empört.
„Das Gericht müßte Lord Rawdon bestrafen!" ruft sie entrüstet.
„Er handelte in einer Art von Wahnsinn," erwidert Gerald leise.
Doch die Baronin läßt keine Entschuldigung gelten.
„Wie konnte er eine Kreatur finden, die seine Pläne zur Ausführung brachte!" murmelt sie. „Und Du, Gerald, wie kannst Du solch' ein Verbrechen vertheidigen?"
„Ich vertheidige es nicht, Mutter. Ich weiß nur, daß Lord Rawdon ein edler, vornehmer Charakter war und daß die Leidenschaft ihn wahnsinnig gemacht haben muß."
„Ich verabscheue alles Falsche, Unnatürliche," bemerkt die Baronin kopfschüttelnd. „Doch diese Strafe ist zu hart."
„So wirst Du ihr betflehen, Mutter?"
„Ich ihr beistehen?" Die alte Dame erinnert sich jetzt erst wieder des Zwecks ihres Kommens.
„Ja, Mutter, ich bitte Dich darum."
Sie zögert. Dann fragt sie ernst: „Der Frau, die Dich so unglücklich gemacht hat, Gerald?"
„Ja, Mutter. Steh' ihr bei, als sei ste Dein eigenes Kind!"
„Aber ihre Mutter, mein Sohn? Du sagst, ste habe eine Mutter. Sie gehört hierher."
„Frau March ist so energielos, Mutter. Sie würde in diesem Fall mehr Schaden anrichten, al» nützen. Ach, liebe, theuerste Mutter, Du warst stets meine treueste Freundin. Das Weib, das ich liebe, das ich bis an das Ende meines Lebens lieben werde, ist der Verzweiflung nahe. Der Schmerz hat ste aus's Krankenlager geworfen. Um meinetwillen steh' ihr bei! Du liebst mich, Mutter; hilf ihr das harte Geschick ertragen! Ich liebe sie fo grenzenlos, daß ich mein Leben für sie lassen würde. Und jetzt, wo sie sich in Gefahr befindet, vielleicht schon dem Tode nahe steht — jetzt kann ich nichts für fie thun. Ach, Mutter, es ist zu hart!"
Der starke Mann schluchzt wie ein Kind. Sein ganzer Körper erzittert im Uebermaß de« Schmerzes.


