Ausgabe 
15.11.1894
 
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Das liegt in Gottes Hand, meine liebe Frau Pastor."

o- "*»'* !« ui«yinu«.Die Atmo­

sphäre, in der ich lebte und athmete, war die des ruhigen Friedens und des Gebetes. Ich weiß wenig von der großen Welt, in der meine Tochter lebt, trotzdem ich zwei Winter bei ihr in London zubrachte. Kommt so etwas öfters vor?"

Auch ich habe nie in ihr gelebt," entgegnet dis Baronin sanft.Mein Leben ist ruhig auf dem Lande dahingeflossen, fern von dem Glanz und Geflimmer großer Städte. Ich habe niemals von einem ähnlichen Fall, wie von dem Ihrer Tochter, gehört."

Ich glaube nicht. Ich fürchte, nur der Tod kann sie trennen."

Die Pastorswittwe seufzt tief auf.

Nur der Tod! . . . Und wer muß sterben, meine Tochter oder er, der sie betrogen hat?"

XXVI.

Einige Wochen sind vergangen. . . .

Schon am Morgen nach der Begegnung der beiden

Was soll ich thun?" fragt Frau March zaghaft.

Ich glaube, es gibt nur ein Mittel: Geduld."

Ist denn meine Tochter wirklich und richtig verheirathet ? Ist da nicht irgend etwas, wodurch eine Scheidung herbei­zuführen wäre?"

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Deiner mütterlichen Sorgfalt erstarken, bis sie selbst über' ihr I MiwVVl hereingeschneite Fremde. Doch die Baronin zukünftiges Leben entscheiden kann!« ' 9 ft kam allen Fragen und Bermuthungen zuvor, indem

Wieder schweigt die Baronin eine Seit lana I c angab, ste sei gestern Abend zu einer kranken Nichte ge«

MeinSohn, ste hat Dein Leben vergiftet," sagt sie end- | funden""bab- in bedenklichem Zustand ge-

lich vorwurfsvoll.Warum willst Du die ganze Berantwor- m mitgebracht, um sie pflegen

tung ihrer schrecklichen Lage auf Dich nehmen?" kein Hehl aus dem Wesen der

Weil ich sie liebe, Mutter." S f richt gen Vermuthung, ein Nerven fieber halte

Lange blickt die alte Dame in die thränenfeuchten Augen L SI?' ???'

ihres Kindes. Dann sagt fie ernst:Nun wohl: ich sehe, Gerald hatte die beiden,Damen nach Hause begleitet und Deine Ruhe hängt davon ab. Ich werde der unglücklichen m6» bAn? nach London abgereist. Alle Tage erhielt er Frau beistehen, so weit es in meinen Kräften steht." Achricht von dem Befinden der theuren Patientin. Den

So nimm sie mit Dir in unser Schloß, Mutter!" Wunsch, sie zu sehen, hielt er zurück. Er wollte ste erst mehr

Verwundert blickt die Baronin auf. I erstarken lassen, ehe er sie durch seinen Anblick erregte und

In unser Schloß, Gerald? Hältst Du das für passend?" | an jenen fürchterlichen Tag gemahnte.

Ja, Mutter. Ich werde in London bleiben, wenn Du Lolas Krankheit war eine überausIgefährliche und bart- es für paffender hältst." näckige. Es gab Tage, wo das junge Leben an einem Fäd-

Sie darf Dich nicht aus der Heimath verbannen, mein I Z^n hing, an denen selbst die hoffnungsfreudige Baronin Sohn -" Hastings den Muth verlor. Doch gelang es endlich ihrer und

Ich würde so wie so nicht za Hause bleiben," fällt er Lffettes aufopfernder Pflege, das Schreckgespenst des Todes hastig ein.Ich habe mir geschworen, mich jenen beiden ö» verscheuchen.

Männern gegenüberzustellen und die Angelegenheit zu regeln, | t. Lolas erste Bitte, nachdem sie wieder zu vollem Bewußt- entweder im Kampf oder im Frieden." I sein gelangt, war diejenige, ihre Mutter unverzüglich herbei-

Sein Auge leuchtet; seine Wangen glühen. Die alte I &urufetL

Dame fleht, jede Einwendung wäre fruchtlos. I , Vor etwa einer Stunde war sie angekommen, die schlichte

So führe mich zu ihr!" sagt sie leise und fährt, als fie | Es ahnende Pastorswittwe, welche wochenlang von dem

Gerald zögern sieht, mit einem schwachen Lächeln fort:Ach j Glück ihrer fürstlichen Tochter geträumt und sich nur gewun- so, ich vergaß sie ist krank. So rufe ihr Mädchen! Er I bert hatte, daß sie gar keine Nachricht erhielt.

soll mich zu seiner Herrin führen." Zuerst, als die Baronin Hastings ihr schonend das Un-

Dank, Dank, Mutter! Bei Dir ist sie geborgen. Nie- | glück ihrer Tochter mitgetheilt, hatte sie völlig verständnißlos mand wird sie in unferm Heim suchen. Weißt Du, die Men- | zugehört. Lord Rawdon, der Lola so ergeben schien sollte schen denkendste habe meinen Antrag zurückgewiesen und mich | sie so schändlich hintergangen haben! ... Und der Fürst dem dadurch zu ihrem Feind gemacht." - alle Welt gehuldigt, der ihr selbst wie ein Prinz aus dem

Lisette athmet erleichtert auf, als sie in die milden und | Märchenlands erschienen, sollte ein gemeiner Betrüger sein! doch festen Züge der Baronin Hastings blickt, deren Wesen so | Das geht über ihr Begriffsvermögen. Dann kommt ihr grundverschieden ist von dem der Pastorswittwe. Hier Un- I nach und nach zum Bewußtsein, welch' weltliche, unweiblicke entschloffenheit mit Härte gepaart, dort Milde, Freundlichkeit | Ansichten Lola häufig ausgesprochen, wie sie selbst die Tochter und feste Entschlossenheit. Sie fühlt, von ihr wird der ge- I wiederholt gewarnt und ihr Unglück prophezeit hatte uebten Herrin Ruhe werden. Ach, was hatte das treue Da ist es, das Unglück. Sie fängt an zu begreifen. Mädchen vorhin gelitten, als Baron Gerald die todtenbleiche, Schwerfällig erhebt sie sich von ihrem Stubl und iwfit ÖOr @ar?ÖbÄ iin 9efü9ttJ S; ^f die schmerzende Brust. Ihre Augen bilden wie

Als die Baronin Hastings Lolas Zimmer betritt noch I hilfesuchend auf die Baronin.

m!>«^i°r V^?b^rnd denn sie kann es nicht vergessen,Meine Tochter und ich, wir schienen niemals zu der- K i9krem: Sohne angethan, - erblickt sie auf selben Welt zu gehören," beginnt sie mühsam. " "

dem Sopha liegend eine schlanke Gestalt im grauen Reise- 1 r ' " - 1 " " -

«nzug mit lang herabwallendem kastanienbraunem Haar feine stolze, hochmüthige, schönheitsbewußte Dame, sondern ein gedrücktes, junges, unschuldiges Mädchen, das der rauhe Sturm des Lebens niedergeworfen.

Verwundert schlägt Lola die trübgeweinten großen Augen auf. Eine dunkle Röthe steigt in ihr bleiches Gesicht, als sie sich beschämt von der fremden Dame abwendet.

Einen Augenblick steht die Baronin Hastings sinnend vor dem jungen, lieblichen Geschöpf. Dann öffnet sie ihre Arme und sagt liebevoll:Ich bin Geralds Mutter."

Mit einem Schrei, in dem sich die ganze Qual des ge­folterten Herzens kund gibt, stürzt Lola in die geöffneten Arme.

Sanft drückt die alte Dame das goldigschimmernde Haupt an ihre Brust und küßt leise die weiße Stirn.

»Ich werde Ihnen beistehen, mein armes Kind," flüstert sie innig.