Ausgabe 
15.9.1894
 
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welches bekanntlich die Amerikanerinnen und Engländerinnen so eifrig pflegen und das auch von unseren Damen aus allen Gesellschaftskreisen cultivirt wird, ist nach der Hofetikette nicht statthaft. Die Hoflieferanten mit und ohne Titel, welche die ständige Kundschaft der hohen Damen haben, machen Mit­theilung, wenn neue Muster und Modells eingetroffen sind, und dann erscheint in dem Geschäft die Oberhofmeisterin oder eine der Hofdamen, welche natürlich über den Geschmack der betreffenden Prinzessin ganz besonders gut unterrichtet sein muß und trifft unter den neu angekommenen Stoffen eine Auswahl. Diese Auswahl wird nach dem Schloß oder Palais geschickt, und dort sucht die Regentin oder Prinzessin mit den Hofdamen zusammen die Stoffe aus, die sie behalten will. Selten ist bei dieser Auswahl der Lieferant oder einer seiner Angestellten anwesend.

Wie mit den Kleiderstoffen, geschieht es auch mit den Mänteln, mit den Joquetis, Copes u. s. w- Nur hat hier der Lieferant noch die Verpflichtung, bei jedem einzelnen Stück anzugeben, ob es bereits an eine andere Fürstlichkeit verkauft worden ist, oder ob ein ähnliches Modell bereits an irgend eine Dame vom Hofe abgegeben wurde. Es würde dem be- treffenden Lieferanten die Kundschaft kosten, wenn er durch Versehen seiner hohen Kundin irgend etwas verkaufte, was nicht durch und durch Original wäre. Wenn auf derselben größeren Festlichkeit zwei Damen mit demselben Mangel oder demselben Kleid erschienen, so würde das von den Kundinnen sehr unangenehm bemerkt werden.

Was die Preise anbelangt, welche für die Kleiderstoffe oder für einzelne Toilettenstücke bezahlt werden so richten sich diese einmal nach der Qualität der Stoffe un,d dann nach dem persönlichen Geschmack und den Eigenthümli chkeiten der Käuferin- Die verstorbene Kaiserin Augusta hatte eine Vor­liebe für besonders schwere und gute Stoffe, und öfter hat sie Seiden« oder Atlasstoffe angekauft, von denen der einfach liegende Meter mit 150 Mark bezahlt wurde.

Sind die Stoffe für die Kleider befchafft, fo beginnen die Conferenzen der Oberhofmeisterin und Garderobiere mit der Hofschneiderin. Die Modelle und die Farbenzusammenstellungen, für die man sich entschieden hat, werden dann zur Genehmigung der betreffenden Fürstlichkeit vorgelegt, und dann erfolgt die definitive Bestellung. Bei Galatoiletten liquidirt die Hof­schneiderin 150 bis 200 Mark nur sür Fasan. Sie scheut aber, wenn es sein muß, auch eine Reise nach Paris nicht, um dort das Neueste von Zuthaten zu einer Toilette einzu­kaufen. DieseStaatsangelegenheiten" werden mit einem dichten Geheimniß umgeben. Selbst die in den Ateliers einer Hofschneiderin beschäftigten älteren und jüngeren Damen sind auf das Amtsgeheimnißeingeschworen".

Eine Hosschneiderin hat gewöhnlich außer der betreffenden Prinzessin noch einige andere Damen bei Hofe als Kundinnen, kann aber höchstens im Jahre drei bis vier Kundinnen be­dienen, denn der Verbrauch an Toiletten ist, wie schon an­gegeben, naturgemäß ein sehr großer.

Aus Sparsamkeitsgründen, dann aber auch, weil die An­fertigung und Instandhaltung der Sachen für die kaiserlichen Kinder sehr viel Arbeit erfordert, hat sich die regierende Kaiserin ein eigenes Schneiderinnenatelier eingerichtet, in dem sie ständig arbeiten läßt. Die größeren Hofschnetderinnen werden nur dann zur Aushülfe in Anspruch genommen, wenn das Atelier der Kaiserin nicht im Stande ist, innerhalb einer gewiffen Frist genügend Toiletten zu beschaffen. Dieses Atelier der Kaiserin, in dem zwölf, zeitweise aber auch vierzig Arbeiterinnen beschäftigt sind, steht unter der Aufsicht einer Hofdame und unter der speciellen Leitung einer Kammerfrau, welche gleichzeitig Garderobiere ist. Auch nach Abazzia hat die Kaiserin eine Anzahl der Arbeiterinnen aus dem Atelier mitgenommen, um dort die Instandhaltung der Sachen zu besorgen.

Silber- und Goldstickereien, Stickereien in Seide werden in besonderen Ateliers auf Bestellung angefertigt, und die

Kaiserin Friedrich mit ihren Töchtern züg bei solchen Gelegen­heiten in höchst dankenswerther Weise die Schulen fürKunst-- gewerbe und Kunststickerei mit heran. Der Preis einer ge­steckten Schleppe sür große Hoffestlichkeiten stellt sich auf zwanzig- bis vierzigtaufend Mark.

Beim Anprobiren von Mänteln oder Kleidern ist niemals die Hosschneiderin oder Lieferantin oder eine ihrer Angestellten anwesend. Die Schneiderinnen oder Lieferanten für Mäntel oder Jaquetts geben sich die erdenklichste Mühe, um so genau zu arbeiten, daß Aenderungen überhaupt nicht mehr noth- wendig sind. Das Maßnehmen und kleine Aenderungen an den Toiletten erfolgen durch die Kammerfrau und Garderobiere und nach dem Muster der Kaiserin Augusta haben die Prin­zessinnen in den Geschäften, in denen sie ständig arbeiten lassen, Büsten anfertigen lassen, auf denen die Taillen und Jaquetts genau abgesteckt und anprobirt werden. Die ab­gelieferten Arbeiten werden auch von den Kaiserinnen und Prinzessinnen sehr genau geprüft und die Prinzeß Friedrich Karl steht in dem Rufe, dabei äußerst penibel zu verfahren und jeden verunglückten Stich zu rügen, den sie bet der ge­nauen Revision der abgelieferten Sachen unfehlbar herausfindet.

Was mit den Toiletten, die in so umständlicher Weise componirt und hergestellt worden sind, nach der Benutzung geschieht, ist nur wenigen Eingeweihten bekannt. Die Kaiserinnen und Prinzesstnnen tragen gewöhnlich die kostbaren Toiletten nur einmal, höchstens zweimal, und auch das zweite Mal nicht ohne Aenderung.

Nachdem die Toilette benützt ist, wird sie auseinander genommen- Es werden Brillanten, Perlen, kostbare Spitzen und andere Decorationsstücke abgetrennt und zur anderweitigen Verwendung aufbewahrt. Ebenso verwahrt man die Stickereien auf Sammt, die Stickereien in Gold, Silber, Seide; und wie lange solche kostbaren Toilettenstücke sich erhalten, geht wohl allein daraus hervor, daß jüngst auf einer Hoffestlichkeit in England die Gräfin Pembroke ein weißes Kleid mit Silber« stickeret und pfirsichblüthenfarbener Schleppe trug, deren Stickerei aus der Garderobe der Königin Elisabeth von Eng­land (die Königin starb 1603) stammte.

Es bleiben dann von dem Kleide nur die Stoffe übrig und auch die kostbaren Stücke von Sammt-, Gold- und Silber« brokat, Atlas u. s. w. werden vielfach noch zu neuen Toiletten verwendet und umgearbeitet.

In manchen Fällen macht die Kaiserin oder eine Prin­zessin mit diesen kostbaren Einzelstücken einer Toilette Ge« ä schenke an ihre Hosdamen, welche Gelegenheit haben, diese f Stücke, die immer einen Werth von mehreren hundert, oft ; auch tausend Mark besitzen, wieder für ihre Toiletten zu k verwenden.

Die drei- bis viermal benutzten Promenaden- und fo« t genannten Gesellschaftskleider kommen nach dem Gebrauch an | die Garderobe fr au, deren Eigenthum sie werden. Es ist ja auch bei Damen, die nicht der Hofgesellschaft angehören, f üblich, die benützten Kleider der Kammerzofe zu schenken. In > manchen Häusern wird dieses Recht auf die abgelegten Toiletten den Kammermädchen sogar contractlich garanttrt.

Die Garderobe- und Kammerfrauen entnehmen aus den t abgelegten Toiletten der Kaiserin und Prinzesstnnen zunächst l den eigenen Bedarf. Was sie nicht selbst behalten wollen, j verkaufen sie. Es gibt in Berlin einige Specialgeschäfte, - von denen sich das größte in der Oranienstraße befindet, \ welche sich nur damit beschäftigen, derartige abgelegte Toiletten der Kaiserin, Prinzessinnen, Fürstinnen u. s. w. anzukausen und sie vollständig neu umzuarbeiten, um sie dann zu ver- hältnißmäßig billigen Preisen an eine feste Kundschaft zu verkaufen, welche in diesen Toiletten noch Aufsehen macht.

Zuweilen kommt es auch vor, daß eine der hohen Damen einzelne Stücke ihrer Garderobe an verarmte Waisen aus den - besseren Kreisen, die der Dame bekannt sind, oder ihr empfohlen ' werden, verschenkt. Doch bildet dieser Fall die Ausnahme und nicht die Regel.

Redaktion: A. Scheyd». Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Lhr. Pietsch) in Gießen.