1894.

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Donnerstag, den 15. März.

(Fortsetzung.)

Der folgende Morgen brach goldig und klar aus den grauen Schleiern der Nacht hervor und kaum hatten die ersten Sonnenstrahlen die thaufeuchte Erde geküßt, als es auch schon in allen Straßen und Gäßchen von Czenstochau lebendig wurde. Unabsehbare Schaaren hülfsbedürftiger Pilger zogen durch die Stadt, ließen ihre Fähnlein im Winde flattern und wanderten, meist unter Anführung eines Geistlichen, zu dem berühmten Wallfahrtsorte auf dem Jasnagora. Schon vor Tagesanbruch hatten die Glocken der verschiedenen Kirchen im harmonischen Zusammenklange bis zu den entferntesten Ortschaften die frohe Kunde hingetragen, daß der heutige Tag der gnadespendenden Jungfrau geweiht sei. So hatten sich denn Tausende und Abertausende von Menschen auf den Weg gemacht, um die schwarze Madonna von Czenstochau anzubeten, ihr alle Seelen» noth und die mancherlei Gebrechen des Leibes anzuvertrauen und von der wunderthätigen Heiligen Hülfe und Heilung da­für zu erbitten.

Hoch oben auf dem Gipfel des Berges ragt eine Anzahl hundertjähriger Eichen ihre reich belaubten Wipfel gen Him­mel, und in ihrem Schatten liegt friedlich das alte Kloster mit seinem weltberühmten Heiligthum. Aber heute war im Vorhose desselben ein ungeheures Menschengedränge. Fast Jedermann hatte eine geweihte, brennende Wachskerze in der Hand und fang mit glühender Begeisterung das Lob Marias, der Himmelskönigin. Denn an diesem Tage steigerte sich ihr Cultus zu einer vollständigen Glorie; und wer am lautesten sang, betete, seufzte und schluchzte, dem mußte die Madonna die meiste Gnade erweisen Und es wurden tausenderlei Dinge von ihr erbeten und erfleht: Gesundheit, Reichthum, Ehre und Herzensfrieden, eine gute Ernte, Erlösung armer Seelen aus dem Fegefeuer, Liebesglück und eine schmerzlose Todesstunde. Alles, Alles, was nur das Menschenherz bewegen und bedrängen kann, wurde an diesem heiligen Orte der Mächtigen mit leiden­schaftlicher Inbrunst geklagt. Unter Weinen und Schluchzen, unter Fluchen von Tgränen beteten die Gläubigen um Er» hörung und um Erlösung von ihren vielfachen Gebrechen. Viele wußten gar nicht, in welcher Weise sie ihre Liebe und Verehrung für die Himmlische ausdrücken sollten. Stunden lang lagen Manche mit in Kreuzesform ausgebreiteten Armen platt auf dem Erdboden, während ihre Lippen heiße Gebete murmelten. Andere halten sich auf die Kniee geworfen, rauften

Die Wallfahrt nach Czenstochau.

Roman von Johanna Berger.

ihr Haar und zerschlugen sich, wie wahnsinnig, die Brust. Keiner achtete der Gefahr, von den immer neu zuströmenden Pilgerschaaren zertreten und gequetscht zu werden, den» die Begeisterung war so groß, daß es für ein Martyrium galt, am Irdischen Schaden zu leiden, wenn nur die Seele Erlösung fand. Unzählige Kranke und Hülslose, welche allein nicht mehr gehen konnten, wurden zu dem berühmten Gnadenaltar getragen. Wenn sie nur recht beten und bitten konnten, dann waren sie der Hülfe Marias gewiß. Darum strömte Alles dem Gottes­hause zu, und Viele suchten sich mit rücksichtsloser Gewalt durch das dichte Gewühl Bahn zu machen.

Die Klosterkirche auf dem Jasnagora ist im Jahre 1332 von Wladislaw Opolczik in gothrscher Art erbaut und unter- scheidet sich wesentlich von dem später im Renaiflancestrl et# richteten Kloster. Sie erhebt sich grau und massiv, wie ein steinerner Hochwald, aber in den edelsten Linien und Formen über die Stadt empor. Wie ein göttliches Wahrzeichen steigt das mächtige Gebäude in die Luft, die bohen Taürme versinn­bildlichen den himmelwärtsstrebenden Geist. Reiche Ornamente, phantastische Gestalten und Symbole zieren die Mauern, die Pfeiler und Portale- Riesige, mit werthvollen Glasmal teien versehene Fenster verbreiteten ein wunderbar farbiges Licht in die weiten, hohen Kirchenräume, aus denen alles Weltliche ver­bannt ist- In der mit rothem Seidendamast ausgeschlagenen und mit kostbaren Bildniffen um> Wappenschildern reich ver­zierten Capelle befiuoet sich das büchst- Kleinod des Klosters, das Bild der schwarzen Madonna Es ist gewöhnlich mit einem Vorhänge von Goldbrokat verdeckt, welchen der Priester mäh­rend der Messe emporheben darf Echte Perlen, Saphire, Smaragde, Rubinen und andere edle Steine zieren den Rah­men des Bildes. Das Haupt der Himmelskönigin' und das des Jesuskindes auf ihrem Arme ist mit einer goldenen, reich mit Diamanten besetzten Krone geschmückt. Den aus Ebenholz geschnitzten Gnadenaltar umgeben acht massiv silberne Statuen. In verschwenderischer Pracht sind überall die größten Kostbar­keiten, Edelmetalle und merkwürdige Reliquien angebracht und außerdem ist er noch mit zahllosen, der Jungfrau Marrn ge­weihten Opfergaben behängt- Es sind größtentheils golvene oder silberne Abbildungen menschlicher Körpertheile, unter denen große und kleine Herzen am meisten vertreten st-td-

c*n bgj Kirche war heute auch nicht annähernd Raum für alle Besucher, darum hatte sich ein großerTheil derselben vor dem Portal gelagert, bis auch sie an die Reihe kam. Die Altäre und Beichtstühle waren dicht umgeben von den Wall- sabrern, welche ihre Sünden beichteten, die Communion empfingen und zu Ehren der Gottesmutter Buße thaten. Starke Weih­rauchdüfte erfüllten die schwüle, asketische Lust, zahllose Kerzen-