VI.
In dem einzigen Gasthause Schwengaus, im „Adler"' wohnte seit mehreren Tagen ein reicher Engländer, Mr. Shel- lock, der das Geld mit vollen Händen ausstreute. Er hatte Joseph als Führer gedungen und für heute eine Bergfahrt befohlen, auf welcher er die Sennwirthschast kennen lernen wollte. Dir dachte Joseph an die Loni und beschloß, ihr den ersehnten Besuch abzustatten.
Früh ging es also vorwärts, bis man gegen zehn Uhr die Almmatten und die Sennhütte zu Gesicht bekam. Seit jener Stunde, wo Joseph von Loni Abschied genommen, waren nun vierzehn Tage vergangen und die erkrankte Vroni war so weit genesen, daß sie vor der Sennhütte sitzen konnte.
Auf der weiten Matte grasten gegen sechzig scheckige, wohlgenährte, kräftige Kühe, die sich das duftige Gras und die wohlriechenden Kräuter der Berge wohlschmecken ließen. Auf einem Hügel lag malerisch die Sennhütte von Holz mit drei Gemächern und einem Heuboden, das Dach mit Schindeln bedeckt und mit Felsstücken beschwert.
Vroni begrüßte die Ankommenden.
„Wo ist Loni?" fragte Joseph.
„Es haben sich ein paar Kühe verlaufen, die holt sie zurück!" erwiderte die Sennerin.
Der Engländer untersuchte unterdessen die Hütte.
„Das Haus is ßähr unbequem!" meinte er, sehr schlecht deutsch sprechend, „kein Platz ßu ßlafen; kein Sopha und kein Stuhl!"
„Freilich," lachte Joseph, „hier gibt es nur harte Holzbänke; dafür haben wir aber duftiges Heu. Davon kann man sich ein Lager machen!"
„Was, Heu, getrocknet' Gras?" stotterte der Engländer.
Joseph nickte.
„Packen Sie aus, ick bin hungrig!" würgte der Mann aus England dann hervor.
Joseph gehorchte.
Für die arme Vroni war es ein Hochgenuß, als Mr. Shellock sie galant zur Theilnahme am Frühstück einlud, das aus Schinken, Rauchfleisch, Wurst, Butter, Eiern, Weißbrod und Rothwein bestand, denn auf der Alm gab es nichts als Milch, Käse und Schwarzbrot» nebst etwas Butter.
Der Engländer und Vroni aßen also, jener mit dem Appetit eines Bergsteigers, diese mit der Lust einer Genesenden. Joseph saß traurig dabei, denn ihm fehlte die Eine, an die er Tag und Nacht denken mußte. Wein und Speisen standen unangerührt vor ihm, sein Auge aber schweifte in die Ferne, von woher in uralter Herrlichkeit die Schneegipfel der Berge glänzten. Er gedachte auch der Zeit, in welcher er zu Straßburg int Lazareth gelegen.
„Wollen Sie nicht essen, Mister Joseph?" fragte jetzt Mr. Shellock verwundert. „Denken Sie vielleicht an Ihre Liebe?"
Joseph war verlegen und langte zu, aber es wollte ihm nicht recht schmecken-
„Trinken Sie Wein, Mister Joseph," meinte Mr. Shellock gutmüthig, „er stillt alle Sorgen; trinken Sie Wein."
Joseph trank, aber seine Sorgen schwanden doch nicht. Da legten sich plötzlich ein paar weiche Arme um seinen Hals und zarte Hände hielten ihm die Augen zu.
„Loni!" lief der junge Mann freudig.
„Joseph!" erklang es von dem Munde des hübschen Mädchens schelmisch zurück und sie setzte sich neben ihn.
Mr. Shellock hatte mit Verwunderung Messer und Gabel bei Seite gelegt und fragte erstaunt: „Wenn Sie sich lieben, warum thun Sie nicht heirathen?"
„Der Vater will es nicht, lieber Herr!" antwortete Loni kleinlaut.
„Was? — Warum nicht?"
„Weil der Joseph nur ein Knecht ist und kein Bauer!"
„Nun, wenn es an Geld fehlt, so will ick geben etwas Geld dazu, daß Joseph ßich kann kaufen eine Farm!"
„Sie sind sehr gütig, lieber Herr, aber der Vater sagt doch nein!" erwiderte Loni wehmüthig.
„Dann ist er ein — Steinkopf!" schalt der Engländer.
Joseph und Loni lachten über das seltsame Wort der Engländers.
Dann ging das Frühstück, an welchem auch Loni theil- nehmen mußte, heiter von statten.
Als nach demselben Joseph von Loni eben Abschied nehmen wollte, stieg gerade der Rosenbauer den Berg herauf.
Kaum sah er das Paar, so schwoll die von feinen Leuten mit Recht so sehr gefürchtete Zornesader au seiner Stirn so hoch auf, wie fast noch nie, und zornig schrie er: „Loni! Was treibst Du hier?"
Voll Schreck fuhr das Mädchen zurück und auch Joseph geberdete sich wie ein ertappter Sünder.
„Das sage ich Dir, Mädel," begann darauf der Bauer etwas ruhiger, „dieses ist das letzte Mal, daß ich Dich in Güte warne. Ich verbiete Dir ein für alle Mal die Zusammenkünfte mit dem Joseph hinter meinem Rücken! — Und Dir," wandte er sich zu Joseph, „hätte ich etwas Anderes zugetraut, als daß Du Dich gegen meinen Willen an meine Tochter machst! — Meinst Du vielleicht, weil Du mir neulich behilflich warst, den Grünröcken zu entkommen, Du könntest mir jetzt trotzen? Glaube das nicht! Lieber will ich gerichtliche Strafe tragen, als daß ich mein Kind einem Knechte gebe! Was ich geschworen habe, will und muß ich halten! — Mein Kind bekommt nur ein Bauer und damit ein für alle Mal abgemacht!"
Joseph schüttelte nur mit dem Kopfe, entgegnete kein Wort, sondern ging still bei Seite.
„Was schreien Sie denn so, Sir?" fragte Mr. Shellock, mit dem Kneifer auf der Nase den Bauern scharf fixirend, sehr phlegmatisch. „Was wollen Sie von meinem Führer, wenn ich will sehen die Alm und die Milchkühe?"
„Ach, gehen Sie, Sie buntscheckiger Engländer!" erwiderte aber der Rosenbauer im ärgerlichen Tone. „Hier stehen Sie auf meinem Grund und Boden, und haben gar nix drein zu reden, wenn ich etwas befehle. Machen Sie, daß Sie fort» kommen, sonst zeig' ich Ihnen, wer hier der Herr ist?"
„Mister Joseph, ist dieser Land hier Eigenthum von dieser großen Gentleman?" frug der die deutsche Sprache nur mühselig radebrechende Engländer in einem Anfluge von Humor.
Als Joseph bejahend nickte, fuhr Mr. Shellock fort: „So laßt uns gehen fort, weiter, wo die Leute sind höflicher!"
Loni winkte hinter dem Rücken des Vaters Joseph Ab- schiedsgrüße zu, während dieser eiligst seine Hucke packte. Darauf rief Mr. Shellock mit komischer Geberde: „Adieu, Miß Vroni! Adieu, Miß Loni! Leben Sie wohl!','
Er schwenkte den Strohhut und verschwand, von Joseph gefolgt, hinter dem nächsten Vorspmng.
Der Engländer ließ sich heute nach Fissen geleiten, wo er beim Wirth im „Schwarzen Bären" einige Tage bleiben und Joseph, der ihm die nächsten Ausflüge zeigen sollte, bei sich behalten wollte.
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Der Rosenbauer ging Abend« oerftinimt von der Alm wieder heim, nachdem er noch heftig mit Loni gezankt und sie auch wiederholt mit schweren Strafen bedroht hatte, sofern sie noch einmal mit Joseph zusammenkäme.
In der Nähe von Schwengau traf der Rosenbauer, tief in Gedanken versunken, mit dem Dornbauer zusammen. Der Hof desselben, von hohen Dornhecken umgeben, war der schönste im ganzen Orte, schöner noch als der Rosenhof. Dennoch kam er dem armen Manne jetzt verödet vor, denn der schönste Schatz, den die Dornhecke umschlossen, seine junge Frau, die er sich aus der Nähe der Königsstadt geholt, hatte dem Dornbauer der unerbittliche Tod sammt dem neugeborenen Kinde geraubt. Voll Gram, sich immer wieder an sein Leid erinnernd, hatte der Dornbauer nun beschlossen, seinen Hof zu verkaufen, um den Ort seines Unglückes verlassen zu können. Ernstlich sah er sich deshalb nach einem Käufer um.
Kopfschüttelnd hörte ihm nun der Rosenbauer zu und er* Härte dem verzweifelten Manne: „Ihr habt halt einen jämmer-


