Ausgabe 
14.8.1894
 
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seiner Mutter, deren Antlitz die starre Ruhe verlor, als sie mit lautem Schrei den schönen bärtigen Sohn an ihr Herz schloß; war er doch ihr Einziger, ihr Stolz und ihre Freude-

Er sollte aber noch mehr werden! Er sollte auch ihr Rächer sein l Aber da hatte sie sich verrechnet!

Ehe es noch gänz Lauterthal wußte, daß Erdmann Redde wieder da sei, machte der junge Mann die Runde um das Städtchen. Er ging nicht durch die Hauptstraßen, wo die Stadt ihr bestes Gesicht zeigt, er wanderte um die Hinter« gebäude herum, weil er wohl wußte, daß man auf den Höfen das wahre Gesicht des Stadtgetriebes zu sehen bekommt. Ach, in Lautertha! war noch Alles beim Alten, war noch Alles so einfach und fo ärmlich wie sonst, und besonders für ihn, der Florenz, Rom und Neapel gesehen hatte! Aber nein, es war seine Vaterstadt, seine liebe Heimath, und er wollte nicht spotten! Da schnitt noch Schulzen Johann Häcksel wie einst, dort tränkte Hans die Kühe wie ehedem, knarrte noch des Nach­bars Thorflügel wie vormals, als hätte er in den Jahren der Abwesenheit vergeblich nach Einfettung der Angeln geschrieen! So kam er bis an die Höhe, auf der im Abendsonnenstrahl auf dem Stein unter der Eiche eine weibliche Gestalt saß. Wer war es? Noch ein paar Schritte und sein Herz schlug lauter: es war Jutta, Jutta, die zur herrlichsten Jungfrau emporgeblüht war! O, er brauchte nicht mehr zu fragen, welch' sonderbares Gefühl sich jetzt im Herzen regte, er wußte, daß er sie liebte, daß er sie ewig lieben mußte trotz des Familien­haffes, daß er sie nie vergessen konnte; hatte er sie doch schon als Knabe geliebt! Rasch kletterte er die Stufen hinauf, wäh­rend sie mit einem leisen Schrei aufgesprungen war.

Jutta!"

Erdmann!"

Es klang wie ein einziger Jubellaut aus beider Mund und dann lagen sie Brust an Brust und die Lippen berührten sich im ersten feurigen Kuß.

Darauf zog sie ihn schamhaft hinter die Eiche und flüsterte: Ach, Erdmann, wenn uns Jemand belauscht hätte!"

Was macht'-, Jutta? Laß es die ganze Welt erfahren, daß wir uns lieben, daß wir uns schon als Kinder geliebt!"

Er hielt ihre Hand fest und preßte sie an fein klopfender Herz.

Aber der Haß unserer Eltern I" bemerkte sie dann bebend.

Ja," sagte er darauf finster,ich hatte es im Jubelsturm meines Herzens vergeffen! Komm' weiter mit hinauf, Jutta, nach dem Eichkamp, da können wir uns aussprechen!"

Er zog sie, ihren schlanken Leib halb umfaffend, mit sich fort. Der Kamp war ein Complex von Land, das ungefähr sechzig alte Etchstämme umfaßte. Es sollte dort der Rest eines alten Opferhaines sein, zu dem auch die andere Eiche dort ge­hört hätte, die man verschont, als die anderen ausgerodet wur­den, dem Pfluge Platz zu schaffen.

Ach ja!" flüsterte er ihr zu.Die Eltern wollen da Haß und Rache, wo wir Liebe empfinden. Ich fand meine Mutter fast schlimmer wieder! Sie sinnt nur auf Rache, Rache! O, es ist fürchterlich!"

Und mein Vater ist ebenso wild! O, Du glaubst nicht, was ich oft zu leiden habe!" erwiderte Jutta.

O, ich glaub's! Aber Geduld! Es soll, es muß anders werden! Ich werde sie wieder versöhnen!"

Wenn es Dir nur gelingt!"

Und wenn nicht, ließest Du dann von mir, Jutta?" In aller Ewigkeit nicht!"

Er umfaßte sie und küßte sie wieder und wieder.

Und ich verlaffe auch Dich nicht, Herzliebste! Wie habe ich nach Dir gesucht, als Du fortkamst! Wo warst Du denn?"

Bei Tante Urfchel in Wahrenfelde."

Da sollte ich wohl suchen! Die erste Kunde von Dir und daß Du mich nicht vergessen, siehe, das ist diese!"

Er zeigte ihr Eberts Brief und umfaßte sie wieder.

Da hast Du meiner wohl oft gedacht, Erdmann?" fragte sie nach dem Lesen des Schreibens.

Immer dachte ich an Dich, Du Holde, Einzige!" ver­sicherte er.Und Du, Schatz?"

Mir ging es ebenso!" gestand sie erröthend.Immer stand mir Dein Bild vor der Seels und jetzt eben, als ich unter der Eiche saß, dachte ich an Dich!"

Das selige Paar verabredete dann, daß es Nachrichten in ein Loch der Eiche legen wolle, sobald eins dem andern etwas mitzutheilen habe. Erdmann sollte aber bald mit Juttas Vater sprechen und das Weitere überließen die Beiden dem lieben Gott.

Bald wußte es nun auch ganz Lauterthal, daß der Erd­mann wieder da sei und sich als Kunstbildhauer und Steinmetz- meister im Orte niederlassen wolle.

Dieses Mal hatte das Gerücht nicht gelogen. Erdmann beabsichtigte dies in der That, da es an den Baarmitteln dazu nicht fehlte. Frau Gertrud und Rector Wollin bewilligten Alles. Im Hinterhause ward die Werkstatt sür gröbere Ar­beit, im Garten ein Atelier sür feinere Arbeiten eingerichtet. Sich selbst ließ Erdmann eine hübsche kleine Werkstatt daneben bauen. Dann fuhr er nach der Residenz, wo er sogleich Meister Lucheflni einen Besuch abstattete. Derselbe empfing den jungen Kunstgenossen mit Freuden.

Als der alte Herr hörte, daß sich Erdmann in Lauter­thal als selbständiger Meister niederlaflen wollte, billigte er es sehr und meinte:Ich werde Ihnen zuweisen viele Arbeiten, die ich nicht mehr machen kann."

Erdmann dankte ihm, bestellte dann in der Residenz Leute und Material und wollte dann heim. Er verfehlte nicht, erst noch Signor Luchesini Lebewohl zu sagen. Er traf ihn dieses Mal im Atelier und bemerkte dort einen carrarischen Marmor- block, welchen er bat, ihm als Eigenthum überlassen zu wollen.

Meister Luchesini lachte und meinte:Nehmen Sie ihn als Geschenk, junger Freund."

So schieden sie und Erdmann machte sich auf den Heim­weg. Unterwegs besuchte er in Malendorf unfern Ebert, der dort als Schulmeister wirkte.

Sie hatten sich viel zu erzählen, aber Ebert konnte fast das Necken mit Jutta nicht unterlassen.

Nun höre damit aber auf!" gebot Erdmann zuletzt strenge. Die Sache ist ernst! Wir lieben uns!"

Haha! Was habe ich stets gesagt?"

Ja, Du hast's getroffen. Aber nun? Du kennst diesen tödtlichen Familienhaß, der uns Alle unglücklich macht!"

"Wenn der Vater nun Nein sagt?"

So heirathest Du sie gegen seinen Willen."

Nie, Ebert I" entgegnete Erdmann ernst,denn die Hei- rath gegen den Willen der Eltern brächte uns gewiß keinen Segen. Ich weiß auch keinen Ausweg. Nun überlassen wir Alles Gott!"

Er nahm Abschied von Ebert und wanderte nach Hause.

Sie sollten sich aber früher Wiedersehen, als sie geahnt hatten, denn kurze Zeit darauf erkrankte Rector Wollin schwer und stand nicht wieder von dem Lager auf. Als der erste Schnee kam, betteten sie ihn in die kühle Erde.

Beim Leichengefolge war es zum ersten Male, baß sich Erdmann und Jan van der Bult Auge in Auge gegenüber­standen. Erdmann zog den Hut tief, Bult erwiderte den Gruß jedoch nicht, sondern that, als ob er ein Stück Luft vor sich habe.

Erdmann bebte vor Zorn und sagte dicht an ihn hinan­tretend:Was soll der unsinnige Haß, Herr van der Bult? Jst's noch nicht genug? Wollen Sie mit mir, den Sie oft auf den Kniesn geschaukelt, nicht Frieden schließen?"

Aber Gottes Finger hatte dieses starre Herz noch nicht berührt; Jan van der Bult kehrte sich von Erdmann ab und ging davon, ohne ein Wort zu sagen, ohne mit der Wimper zu zucken.

Erdmann stampfte zornig den Boden, aber Ebert nahm ihn bei Seite und flüsterte:Ich habe viel verloren. Aber hoffnungsloser bist Du. Komm'!"

Erdmann folgte ihm fast willenlos, sein Muth war bei-