Ausgabe 
14.8.1894
 
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Dienstag, den 14. August.

Gottes Finger.

Erzählung von E. von Falkenberg.

(Fortsetzung.)

Neue, gewaltige Eindrücke bestürmten die Seele des jungen Bildhauers in Italien. Die Alpen entzückten ihn, das Klima, die Kunstschätze des schönen Florenz versetzten ihn in großen Enthusiasmus.

Meister Giuseppe Bortruchi nahm den deutschen sinnigen und geschickten Gehilfen mit Freuden auf, besonders als er den warmen Empfehlungsbrief feines Landsmannes Luchesini gelesen. Er bereute es nicht und Erdmann fand hier Gelegen­heit, sich merklich zu bilden. Der geschickte Meister vertraute ihm schwierige Arbeiten an, die seine anderen Leute nicht aus­führen konnten, und zeichnete den jungen Deutschen besonders aus. Ein Jahr verflog Erdmann wie im Traum und als er eines Tages die Copie eines antiken Fechters in Marmor vollendet hatte, fiel ihm der Italiener um den Hals und sagte in seinem gebrochenen Deutsch:Sie find ein guter Künstler, lieber Redde, Sie wüsten aber weiter reisen nach Rom, um sich dort vollkommen auszubilden."

Mit Empfehlungen seines Meisters ging darauf Erdmann nach der Siebenhügelstadt in das Atelier des berühmten Bild­hauers Guido Strazzi ein.

Die Briefe, welche er in dieser ganzen Zeit von Rector Wollin erhalten, waren rein geschäftlich; die Mutter schrieb stets sehr zärtlich, aber sehr überspannt, daß ihn das Alles nicht erwärmen konnte; dennoch erwachte nach und nach in ihm die Sehnsucht nach der Heimath.

Es ist ein Land, das heißt Italia, Blüh'n Orangen und Citronen;

Singe, singe!" sprach die Römerin, Und ich sang zum Norden hin: Nur nach Deutschland, nur nach Deutschland, Da that mein Herz verlangen I"

Es war sein Lieblingslied, welches er so im Atelier bei der Arbeit mit glockenheller Stimme sang. Meister Guido Strazzi sah und hörte ihm dann mit Lust zu und als er eines Tages eine Copie von dem berühmtenspringenden Hengste des Capitols" in Lebensgröße aus carrarischem Marmor voll­endet, da klopfte ihm der Herr auf die Schulter und sagte: Ihr werdet einmal von Euch reden machen, Signor!"

Erdmann war ein schöner Jüngling geworden und manche schöne Römerin sah nach dem jungen, blonden Deutschen mit den Veilchenaugen glühenden Blickes aus, denn das Blut rinnt

hier den Menschen so heiß in den Adern, wie der Saft in den Trauben des Weinstockes, aber der junge Künstler blieb unberührt, rein und fromm, denn in seinem Herzen hütete er einen Schatz, ein Palladium, und das war das Bild Juttas. O, er hätte sie malen können, wie er sie zuletzt gesehen mit den langen, dunklen Zöpfchen und den tiefen, fragenden Augen!

Ein Brief aus der Heimath gab ihm den Impuls zu einem raschen Entschluste- Der Brief war von Ebert und lautete:

Lauterthal, den 17. Juli 1863. Mein lieber, lieber Erdmann!

Eine Krankheit meines Vaters, die aber Gott sei Dank jetzt gehoben, riß mich mitten aus meinen letzten Studien. Ich werde in den nächsten Tagen mein Examen machen und als Lehrer an irgend einer Schule Anstellung nehmen. In der Heimath fand ich zum Glück Deine Adresse unter des Vaters Papieren und mache mich nun sogleich daran, Dir einige Zeilen zu senden. Seit Deinem letzten Auftrage sind viele Monate vergangen. Ich sah Jutta van der Bult schon vor zwei Jahren wieder und hatte erst gestern das Vergnügen, mit ihr zu reden. Sie ist ein hübsches Fräu­lein geworden, für mich armen zukünftigen Schullehrer eine unerreichbare Blume. Uebrigens hat sie auch einen alten Schulfreund in ihr Herz geschlossen, einen gewissen Erdmann Redde, der jetzt mit den edlen Römerinnen schön thun soll! Jndeß trug sie mir doch Grüße auf, als ich die Absicht be­kundete, an den Landstreicher schreiben zu wollen. Du meißelst wohl jetzt ein Liebesgöttchen mit Pfeil und Bogen? Nimm Dich vor dem Schelm in Acht und behalte lieb

Deinen alten Freund Ebert Wollin."

Da stand Erdmanns Entschluß fest.Auf, nach Deutsch­land!" rief es in seinem Herzen und schnell war Alles ge­ordnet.

Meister Strazzi wollte freilich den geschickten Gehilfen nicht ziehen lassen, aber Erdmann war nicht zu halten.

Zunächst eilte unser Erdmann von dort nach Neapel, den Vesuv, den Golf Ischia mußte er sehen, und dann ging's zu Schiff nach Marseille und nun per Bahn nach Deutschland.

O Land der deutschen Eichen, der braunen Haide, der grünen Wälder, der schwarzen Moore und des ost ärmlichen Sandbodens, du Land der Flüffe und blühenden Menschen, du Land der Treue und Einfalt, wer könnte dich je vergeffen, wenn er deine Luft einmal geathmet hat?

So betrat Erdmann den deutschen Boden wieder.

Eines Abends im September stand Erdmann plötzlich vor