Ausgabe 
14.7.1894
 
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er hütete sich sehr, dort der Angelegenheit Erwähnung zu thun, da er jetzt, nachdem man ihm die Ausforschung übertragen, von seinen College« beobachtet wurde. Und die sollten nicht ahnen, daß er bereits nahe daran sei, das Geheimniß zu ent« hüllen. Mit der vollendeten Thatsache wollte er seine Neider überraschen. Uebrigens hatte er die Absicht, den Mann, den er der That verdächtigte, ein wenig zu beunruhigen, um zu sehen, wie er sich benehmen werde. Denn es war noch nicht ausgeschlosien, daß er keinen Antheil an dem Verbrechen ge­habt. Wolski war vielleicht doch freiwillig aus dem Leben geschieden, wie einige ältere Polizeibeamte behauptet hatten. In der That war das bisherige Gebühren Jvanyis ein durch­aus unauffälliges; er schien sorglos umherzugehen und er mochte ein Lächeln haben für alle Welt, befonders für die Polizei, welche sich über die Unthat in der Liechtensteinstraße den hochweisen Kopf abmarterte.

Endlich hörte der Detectiv Stimmen im Vorgarten der Weber'schen Villa. Zuerst verabschiedeten sich mehrere Herren, darunter Doctor Mark und Roller; dann kam Jvanyi, seine Braut am Arme. Herr Weber schüttelte ihm die Hand und bat ihn, seinen Wagen zur Fahrt in die Stadt zu benützen, was der junge Mann jedoch ablehnte, während Margarethe ihn herzlich umarmte und küßte und ihm, als schon die Garten- thür geschloffen war, heiter nachrief:Vergiß nicht, Lieber morgen I"

Ihre Stimme klang hell und heiter wie das Zwitschern einer Lerche.

Desider Jvanyi stand eine Weile still, nahm den Hut ab und athmete tief auf.

Ein schöner Mann," murmelte Adamek,schade um ihn!" Der Beobachtete ging langsam weiter, indem er von Zelt zu Zeit stehen blieb, scheinbar versunken in die Herrlichkeit der Mainacht. Endlich zündete er eine Cigarette an und begann so rasch vorwärts zu gehen, daß der etwas beleibte Adamek Mühe hatte, ihm zu folgen. Der Detectiv blickte unausgesetzt auf die schlanke Gestalt Jvanyis und immer fester wurde seine Ueberzeugung von der Schuld des Mannes, dem er folgte. Trug er doch den hellen Ueberrock und den weichen Hut, den die beiden Fiaker als Kennzeichen angegeben hatten.

Wieder hatte Desider Jvanyi seinen Schritt gehemmt und der Detectiv war ihm so nahe gekommen, daß er ganz deutlich vernehmen konnte, was der Verfolgte vor sich hinsprach.

Armes Ding armes Ding!" kam es über die Lippen Jvanyis im Tone herzlichsten Mitleids. In diesem Augen­blicke hörte er Adameks Schritt hinter sich, wandte sich rasch um und sagte gereizt:Zum Kuckuck, weshalb laufen Sie mir denn die ganze Zeit über nach?"

Aha, er hat chemerkt, daß ich ihn beobachte," dachte Adamek erfreut.Ich laufe Ihnen nicht nach," sprach er laut.Ich glaube, die Straße ist frei und Jeder darf gehen, wo es ihm beliebt."

Jvanyi gab keine Antwort, sondern ging schnell weiter.

Er bekommt Angst," dachte der Detectiv. «Ein gutes Zeichen!"

Indessen befand sich Jvanyi in einer nichts weniger als behaglichen Stimmung.Der geht mir gewiß nach," dachte er,aber es soll ihm nicht gelingen, zu sehen, wo ich wohne.--Im Fiaker gctödtet. Ein ganzer Roman.

Nun, eines ist sicher; bei Weber wird Wolski mir nicht mehr unangenehm werden. Wenn meine Braut Alles wüßte, wäre zwar wenig Hoffnung für mich aber sie wird's nicht erfahren ebensowenig wie andere Leute. Aber ich möchte nur wissen, warum der Mensch dort mir noch nachläuft? Man weiß doch nicht, daß ich Wolski in jener Nacht gesehen habe. Ach ich bin ein Kind ein Nichts erschreckt mich ' es ist vielleicht nur ein harmloser Spaziergänger." Er sah sich um und da Adamek in diesem Augenblick im Schatten eines Hauses stand, glaubte er, den lästigen Beobachter los­geworden zu sein, und ging beruhigt bis an's Ende der Währingerstraße; dort blieb er stehen.

Ah," murmelte Adamek überrascht.Das ist stark. Er will sich den Platz, wo damals der Fiaker hielt, noch ein­

mal ansehen. Ein sonderbarer Mensch, denkt er denn ganz und gar nicht an eine Entdeckung?"

Nach kurzem Aufenthalt setzte Jvanyi seinen Weg fort, bis er zu einem Fiakerstandplatz kam. Hier nahm er einen Wagen.Das kann ich auch," murmelte der Detectiv,ich bin so klug wie Du." Kurz entschlossen stieg er in den nächsten und befahl dem Kutscher, dem ersten so lange nachzufahren, bis er halten werde.

Indessen war Jvanyis Wagen nach der kurzen Tour über den Schottenring in die Wipplingerstraße eingebogen, um dann durch endlose Straßen und Gäßchen zu fahren. Endlich hielt der Fiaker an der Ecke der Schwarzenbergstraße. Jvanyi stieg aus, begann aber eine rastlose Wanderung durch eine Menge kleiner Gassen, bis er vor einem Hause in der Allee- gaffe stehen blieb. Adamek war dem jungen Manne gefolgt; als dieser im Hausthore verschwand, nicht ohne sich noch ein­mal nach seinem Verfolger umgesehen zu haben allerdings zur großen Freude Adameks vergeblich, athmete der De- tectiv erleichtert auf, besah das Haus aufmerksam und notirte die Nummer desselben.

Das Nächste, was ihm nun zu thun oblag, war, die Be­wohner des Hauses auszuforschen, wann Jvanyi in der Nacht vom 27. zum 28. Mai nach Hause gekommen sei.

Wenn ich herausbringe," brummte er auf dem Heimweg in sich hinein,um welche Stunde er damals nach Hause ge- kommen ist, und wenn diese Zeit mit jener überetnstimmt, welche der Fiaker angegeben dieser hatte bestimmt erklärt, daß es von der Karlskirche zwei Uhr geschlagen hätte, als sie über die Elisabethbrücke fuhren, dann verhafte ich ihn ohne Bedenken."

Dabei rieb er sich die Hände vor Vergnügen und dachte an seine Beförderung.

VIII.

Desider Jvanyi hatte sehr schlecht geschlafen. Der Ge­danke an den Mann, welcher ihn den Abend vorher so un­ermüdlich verfolgt, wollte ihn nicht verlassen, und er mußte auch jetzt an diesen Menschen denken, während er in seinem Zimmer ruhelos auf- und abging. Er fühlte sich müde, ab­gespannt und wie zerschlagen.

Wollte Gott, ich hätte diesen Wolski nie gesehen," seufzte er auf und wiederholte, immer an seine liebreizende Braut denkend, deren Bild auf seinem Schreibtische stand, im Tone des herzlichsten Mitleids:Armes Ding armes Ding."

Das Frühstück, welches die Haushälterin, Frau Kroll, vor einer Stunde gebracht, stand noch da. Mehrere Male schon hatte er versucht, ein Stück mürben Gebäcks zu sich zu nehmen; aber der Bissen blieb ihm in der Kehle stecken. Es duldete i*n nicht auf demselben Platze. Nach einigen Secun- den begann er die Wanderung durch die Räumlichkeiten, welche er bewohnte, von Neuem, unermüdlich Cigarretten rauchend, die er gleich nach dem Anzünden unwillig von sich warf.

Armes Ding armes Ding," murmelte er, vor dem Porträt Margarethens stehen bleibend, deren große Augen ihn treuherzig anzublicken schienen.

Als die Haushälterin wieder eintrat, um den Frühstücks­tisch abzudecken, nahm er rasch Platz und vertiefte sich schein­bar in die Seetüre seines Morgenblattes. Aber Frau Kroll, welche gewohnt war, ihren Herrn allmorgendlich nach seinem Befinden zu fragen und nach seinen Wünschen für den Tag, rief bei seinem Anblick bestürzt:Mein Gott, Herr von Jvanyi, was fehlt Ihnen denn? Sie sehen ja sehr schlecht aus!"

Ich habe nicht gut geschlafen, Frau Kroll," erwiderte er kurz.

Das kommt vom Blut," versetzte sie wichtig.Wer zu wenig Blut hat, kann nicht schlafen."

Frau Kroll hatte sehr eigenthümliche Ansichten über solche Dinge, Ansi tten, die sie im Laufe der Jahre innerhalb ihrer eigenen Familie gesammelt, deren einzelne Mitglieder sie jedes­mal zu Zeugen ihrer merkwürdigen Behauptungen anzurufen pflegte und zwar in einer Weise, die den gutmüthigen und geduldigen Jvanyi mehr als einmal erheitert hatte. So sagte sie auch jetzt:Meines Vaters Bruder also mein leib-