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Dora Federn blickte verlegen zu Boden und antwortete nicht. Als sie später wieder aufsah, traf Roller ein dankbarer und begeisterter Blick.
Gerade, als sich eine zweite Dame an's Clavier begab, um ein Lied vorzutragen, meldete ein Diener Webers, ‘bafc Jemand Herrn Roller am Telephon zu sprechen wünsche. Er nannte den Namen einer Zeitung.
Felix Roller nahm eine wichtige Miene an und folgte dem Diener.
Nach einer Weile kehrte er in den Salon zurück. Er war aufgeregt und blieb schon an der Schwelle stehen-
„Wissen Sie, wer der Todte im Fiaker ist?" fragte er athemlos. „Es klingt fast unglaublich, aber meine Quelle ist zuverlässig. Sie kennen ihn Alle. Niemand Anderer als Wolski - unser Wolski, Ottokar Wolski!"
„Nicht möglichI — Undenkbar!" rief es durcheinander. Die Dame, welche soeben das Lied gesungen, ließ das Notenblatt fallen und starrte den Sprecher entsetzt an. Die anderen Frauen schrieen auf.
„Ein Detectiv hat es herausgebracht," fuhr Roller fort, indem er näher trat. „Es kann kein Zweifel sein — es ist Wolski."
Der Rest des Abends wurde ausschließlich mit Gesprächen über Wolski und das an ihm begangene Verbrechen ausgesüllt. Die Damen, welche zu Besuch gewesen, waren nach Hause gefahren, Margarethe aber saß an der Seite ihres Bräutigams, der an der Unterhaltung nicht theilnahm, sondern in düsteres Nachdenken versunken vor sich hinstarrte.
Sie dachte an ihren Verlobungsabend. Auch damals hatte man von solchen Dingen gesprochen. Es wurde ihr traurig zu Muthe und sie seufzte.
„Ich verstehe nur nicht," sagte Roller, „daß man so lange Zeit zu dieser Entdeckung gebraucht hat."
„Das finde ich erklärlich," meinte Weber, „da Wolski ein Fremder und in Wien wenig gekannt war."
„Bedenken Sie, Roller," bemerkte Doctor Mark, „es ist schwer, einen Menschen zu agnosciren, den man tobt im Wagen finbet. Er trug keine Papiere bei sich und seine Wäsche war nicht gezeichnet. Im Gegentheil, ich finde es sehr lobenswerth, daß die Polizei so schnell darauf gekommen ist. Uebrigens bleibt ihr noch die schwerere Aufgabe zu bewältigen, denn der Thäter ist sehr vorsichtig gewesen."
„Glauben Sie, daß er entkommen wird?" fragte Jvanyi, der sich bis dahin schweigsam verhalten hatte.
„Ich behaupte das nicht," antwortete der Advocat, „aber so viel ich weiß, hat er keine Spur zurückgelassen und es fehlt daher jeder Anhaltspunkt für die Recherchen. Er hat den Schauplatz für die That mit besonderem Scharfsinn ausgeklügelt."
„Das finde ich nicht," erwiderte Roller. „Ein Fiaker auf offener, lebhafter Straße . . ."
„Eben diefes," fuhr Mark fort, „ist sehr raffinirt ersonnen. — Die Geschichte ähnlicher Verbrechen bietet zahlreiche Belege dafür, daß die Gefahr der Entdeckung um so kleiner ist, je lebhafter der Schauplatz der That. Der Fiaker hatte gar keinen Grund, den Herrn im lichten Rock zu verdächtigen; er ließ ihn ruhig mit Wolski einsteigen — ruhig aussteigen — hörte kein Geräusch und hatte keine Ahnung davon, was in seinem Wagen während der Fahrt vorging, bis er in der Liechtensteinstraße 121 die Entdeckung machte. — Indessen war der Thäter geborgen, dieser wohnte keinesfalls in dieser Straße, überhaupt nicht in demselben Bezirke . . ."
„Warum behaupten Sie dies?" fragte Weber.
„Weil er nicht so dumm gewesen wäre, direct auf die Spur seiner Wohnung zu leiten. Wie der Fuchs wollte er seine Verfolger irreführen. Er ist wieder in die Stadt zurückgegangen und von dort aus, da um diese Zeit die Straßen schon ziemlich verlassen sind, ganz gemüthlich in seine Wohnung. Ich kann mich irren, aber ich habe in meinem Beruf eine, gewisse Menschenkenntniß erlangt und ich glaube, daß meine Idee die richtige ist."
„Ich fühle mich nicht ganz wohl," flüsterte Jvanyi seiner
Braut zu, indem er sich hastig erhob, — „ich gehe auf die Terrasse."
Margarethe stand ebenfalls auf und folgte Desider. Draußen, noch im Lichtkreise der electrischen Lampen, sah sie ihn voll an und sagte, sich zärtlich an ihn schmiegend: „Was hast Du denn? Du siehst in der That nicht gut aus."
„Ah, nichts — wahrhaftig," entgegnete er rasch. „Ich habe mich heute unnützer Weise aufgeregt und jetzt diese Nachricht. --Ah, da weht die Lust so erfrischend," schloß er,
sich in einen Lehnsessel werfend.
Margarethe stellte sich hinter ihn, legte ihren Arm auf seine Schulter und blickte auf die Straße. Dort war es ruhig, nur hin und wieder hörte man den Schritt eines einsamen Spaziergängers, der vielleicht den herrlichen Maiabend benützte, um in der Villenstraße auf- und niederzugehen und den Duft des blühenden Flieders einzuathmen.
Nach einer Weile bemerkte Margarethe, daß der Spaziergänger vor ihrem Hause stehen blieb und zur Terrasse emporsah. Als sie Desider hierauf aufmerksam machte, wurde er unruhig. Es war wirklich so: der Herr unten beobachtete ihn und das ganze Haus; er hatte auf einer Bank Platz genommen und blickte aufmerksam zu den erleuchteten Fenstern empor.
„Nichts, nichts," beruhigte Jvanyi seine Braut und erhob sich, um sie in den Salon zurückzuführen, indem er zwischen den Zähnen murmelte: „Es kann mich Niemand gesehen haben. — Aber ich wollte, ich hätte diesen Polen nie gekannt."
VII.
Der Villa Weber gegenüber, auf dem mit Bäumen bepflanzten Gehwege, promenirte seit einigen Stunden Herr Wendelin Adamek- Der süße, fast betäubende Duft der jungen Akazien, welche in voller Blüthe standen, vermischte sich mit dem Wohlgeruch des Flieders, der aus den Villengärten auf die Straße drang. Der HimM war tiefblau, die Luft still; nur durch die Baumkronen ging ein leiser Wind, so daß dar Mondlicht mit seinem geheimnißvollen Schimmer über die Blätter zu gleiten schien. Es war eine schöne Frühlingsnacht, so recht geschaffen für die Träume eines Verliebten.
Aber Herr Adamek fühlte durchaus keine Lust, zu träumen — ein anderes Geschäft hatte ihn hierhergeführt, und wenn sein Herz etwas wie eine Regung der Sehnsucht verspürte, so war es die, daß Desider Jvanyi recht bald die Villa verlassen möchte. Jndeß, das zog sich sehr in die Länge und der Detectiv hätte vollauf Zeit gehabt, die Annehmlichkeiten der Abends zu genießen, wenn er nicht gar zu ungeduldig gewesen wäre. Nicht einmal die Cigarre wollte ihm schmecken. Die Unthätigkeit, zu welcher er gezwungen war, regte ihn auf. Wozu stand er da? Jedenfalls nicht, um die Musikklänge anzuhören, die aus der Villa Weber kamen und welche ihm nur verriethen, daß er seinen Beobachtungsposten nicht so bald werde verlassen können. Man war dort offenbar guter Dinge und — Niemand mißtraute vermuthlich dem Gaste, der im Hause weilte und jetzt vielleicht mit den Anderen lachte, sich das feine Essen gut schmecken ließ, an einem Champagnerkelche nippte.
Die Phantasie Adameks war außerordentlich lebhaft in Bezug auf Dinge, welche wir die Annehmlichkeiten dieses Lebens nennen. Etwas wie Neid regte sich in ihm, und um das Gleichgewicht seiner Seele wiederherzustellen, zwang er sich dazu, sich auszumalen, wie in den goldstrotzenden Gemächern des Millionärs mit einem Schlage alle Lust und Freude verschwinden würde, wenn er schon jetzt mitten unter die Gesellschaft treten dürfte mit seiner niederschmetternden Ablage.
Dabei stand er an einen Baum gelehnt und starrte zu den hellerleuchteten Fenstern empor- Mit einem Male hörte die Musik auf/ etwas schien oben vorgegangen zu sein. Wenige Augenblicke darauf sah der Detectiv mehrere Damen davonfahren und dann Jvanyi mit seiner Braut auf die Terrasse kommen.
Jetzt war er sich wieder vollkommen bewußt, was ihn hierher geführt: er wollte die Wohnung Jvanyis in Erfahrung bringen. Er hätte wohl im Amte nachfragen können, aber


