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1894.
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Samstag, drn 14. Juli.
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Das Geheimniß der Droschke.
Von F. H u m e. ””raB- " •
(Fortsetzung.)
VI.
In der Villa Weber war eine kleine Gesellschaft ver» sammelt; sie bestand aus den intimen Freunden des Hauses, welche gewohnt waren, einen Abend der Woche in jenen gastlichen Räumen zu verbringen, zu welchen den zahlreichen Bekannten des Millionärs, die seinen stets bewundernden und ergebenen Hofstaat bildeten, der Zutritt verwehrt war. Man blieb unter sich, foupirte in aller Gemächlichkeit, plauderte, musicirte, ließ sich von den unermüdlichen Talenten Felix Roller's unterhalten oder lachte über ein scharfes Witzwort des geistreichen Doctor Philipp Mark, eines jungen Advocaten von intereffantem Aussehen. Herr Destder Jvanyi, der Bräutigam der schönen Margarethe, trug freilich seit seiner Ver- lobung wenig zur Unterhaltung bei — er war zumeist ernst und still; seiner Braut wollte es sogar scheinen, als drücke ihn ein geheimes Leid, als hätte er einen Schmerz erfahren, von dem er nicht sprechen wolle. Daß er sie liebe, von ganzem Herzen liebe, das wußte sie, das las sie aus seinen aufleuchtenden Blicken, die sie liebkosten und mit andächtiger Bewunderung ansahen. Und das Gefühl, von diesem Manne, der für sie die Vollkommenheit selbst bedeutete, geliebt zu werden, machte sie glücklich und heiter. Sie betheiligte sich auch tapfer an dem lebhaften Wortgefechte, das sich zwischen Roller und Doctor Mark entsponnen hatte, und freute sich über die Witzfunken, die herüber und hinüber flogen, ohne ledoch einen der Streitenden zu verletzen.
. Die zwei Herren lebten in ständiger Fehde mit einander; dabei blieben sie aber ganz gute Freunde und vergaßen niemals, daß ihr Streit nicht ausarten dürfe. Felix Roller bot der Berufes Advocaten hinlänglich Stoff zu allerlei Neckereien und Anecvoten, die Doctor Mark lachend über sich ergehen ließ, um seinerseits die Marotte seines Freundes, sich für einen großen Journalisten zu halten, für seine Sarkasmen zu ver- werthen.
Herr Felix Roller war nämlich nicht das, was man gewöhnlich einen Journalisten nennt. Von Hause aus reich oder wenigstens wohlhabend, hatte er es niemals nöthig gehabt, «ne Stelle bei einer Zeitung anzunehmen oder überhaupt für Geld zu schreiben. Wenn er trotzdem sein unleugbares Talent und seine geschickte Feder dazu verwendete, um den Journalen Artikel zu liefern, die, mit feinem Namen gezeichnet, gern
abgedruckt wurden, so geschah dies erstens aus einer verzeihlichen Eitelkeit, und zweitens, weil Roller sich mit der Absicht trug, einmal eine politische Rolle zu spielen, und daher seinen Namen bekannt machen wollte. Er war eigennütziger, als er sich gab, und er wußte sehr wohl, wem er seine Beliebtheit in der Gesellschaft zu verdanken habe: dem regen Verkehr mit Allen, die mit der Presse in Verbindung standen und die ihm die Nachrichten zutrugen, die er mit der strahlenden Miene eines Mannes, der das Dunkelste durchschaut, zu colportiren wußte. Er besaß seine Verbindungen, die ihn nicht im Stiche ließen, erfuhr Alles früher als die Anderen und in anderer Weise, da er auch in jene Details eines Ereignisses eingeweiht war, welche die Zeitungen aus den mannigfachsten Ursachen zu verschweigen gezwungen sind. In den verschiedenen Redactionen besaß er gute Freunde, die er sich verpflichtet hatte — Freunde, die sehr gut wußten, daß sie auf seine Erkenntlichkeit rechnen durften, wenn sie ihm z. B. eine Nachricht, die von Interesse war, auf telegraphischem oder telephonischem Wege zukommen ließen.
Die Gesellschaft hatte sich nach dem Souper getheilt. Die Damen begaben sich in den Salon, während die Herren, mit Ausnahme Jvanyis, der seine .Braut begleitete, noch eine Cigarette rauchten. Als sie aber Musik hörten, folgten sie alsbald und kamen gerade recht, um Fräulein Dora Federn am Clavier anzutreffen, welches von ihr ziemlich unsanft behandelt wurde. Die junge Dame war eine leidenschaftliche Musikliebhaberin, schwärmte aber zumeist für lärmende Com- positionen, welche das Pedal andauernd beschäftigten. Es machte ihr offenbar Vergnügen, aus dem zart gebauten Flügel Töne hervorzubringen, welche an die Gewalt der berühmten „Posaunen von Jericho" erinnerten.
Felix Roller, der für Dora jenes Interesse empfand, das ein Mann seiner Art für die hübsche zukünftige Erbin einer großen Vermögens empfinden kann, beeilte sich, an ihre Seite zu kommen und sie nach Beendigung des Spiels mit tausend Artigkeiten zu überschütten. Er dachte zwar dabei, daß es ihm mehr Beifall eintragen würde, wenn er Doctor Mark in's Ohr flüstern könnte, daß er sich darüber wundere, wie sich das Instrument eine solche Behandlung gefallen lassen könnte, — aber er unterdrückte den Witz, so schwer es ihm auch fiel, indem er sich vornahm, ihn gelegentlich zu verwerthen, und fuhr fort, entzückt zu thun.
„Es ist nur eine Sache der Uebung," meinte Dora schüchtern erröthend, „ich spiele täglich vier Stunden."
„Oh — oh —" Roller wollte ein tiefer Seufzer entschlüpfen, aber er biß die Lippen aufeinander und sagte schmachtend: „Glückliches Piano!"


