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(Fortsetzung.)
Hinrik wandte sich achselzuckend von dem redseligen Wirthe ab, nahm aus dem Bocksitz eine Ledermappe und schritt auf die Brücke zu. Diese stand voll Menschen, jung und alt. Als er hinter sich das Rollen eines Wagens hörte, der vor der Brücke hielt, wandte er sich um, und es rieselte ihm warm durch die Adern: Es war das Gefährt feines Onkels, von deffen altem Kutscher geführt. Fritz Gerdtng stand schon am Schlage und half Marien und der Mama aussteigen. Es flimmerte Hinrik vor den Augen. Entzückend sah das junge Mädchen aus in dem weißen Mouffelinkleide, ein Sträußchen rother Rosen am Gürtel. Ihre Augen richteten sich auf die Menge, sie mußten ihn gesehen haben, denn er bemerkte, wie sie beim Aussteigen zögerte und auf ihn hinblickte. Da griff Fritz Gerding nach ihrer Hand. Brüsk wandte Hinrik sich ab und dem Fluffe zu. Er hörte den Schlag der Kutsche zuschlagen und vernahm das langsame Fortrollen des Wagens- Zögernd wandte er sich um. Jetzt waren sie wohl schon hinter der Biegung des zur Anlegestätte hinabführenden Weges verschwunden. Rein doch — er sah Mariechen noch. Sie sprach mit einem Bauernkinde — dem Töchterchen der alten Boten-Marlene; er kannte es auf den ersten Blick. Was
können. Nichts hielt ihn mehr in der Stadt. Und doch blieb er- Warum? Darüber gab er sich selbst nicht Rechenschaft. War es die einfache Blüthe, die er so sorgsam in der Hand trug, als wäre sie das kostbarste, was Gartenkunst je hervor« gebracht, die ihn hielt? Er scheute sich, die Gedanken, dis sich an die Blume knüpften, auszudenken. Er fühlte nur, daß es ihm noch nicht möglich fei, die Stadt zu verlassen, daß er bleiben müsse, bis — ja, das Endziel traute er sich nicht auszudenkeu. Und doch war alles, was da lebte und webte um ihn, nur ein Gedanke: Marie!
Er verbiß sich in die Vorstellung, es könne ihr bei der Rückfahrt auf dem Flusse ein Unglück passiren und dann sei er nöthig. Er schalt sich einen Thoren und hob den Fuß, um in den Dube'schen Ausspann zu eilen und sich zurückzu« flüchten in seine Haide. Aber der Fuß ging die ganz entgegengesetzte Richtung und führte ihn nahe den Königlichen Schulen in ein Garten-Bierlocal.
Er trat ein, bestellte seinen Trunk Bier und suchte in den paar ausliegenden Zeitungen Material zum Geisttödten- Langsam, wie schläfrig, schlichen die Stunden hin; aber auch dem Ungeduldigen vergehen sie endlich; es ward Spätnachmittag, die erste Dämmerung senkte sich herab. Der Abend kam.
Und er, der diesen Augenblick, der seiner Hoffnung doch nichts bringen konnte, herbeigesehnt hatte, wäre fast zu spät gekommen und doch nicht zu spät für ein junges anderes Menschenleben.
Die Nachmittagspartie hatte allen Theilnehmern reichen Genuß gebracht. Selbst Mariechen, die anfangs recht schweigsam war, hatte sich von der allgemeinen Fröhlichkeit anstecken lassen, und ihre angeborene Munterkeit war zur Freude Fritz Gerdings, der ob seiner Arrangements von schönen Lippen viel Lob ernten durfte, schließlich wieder zum Durchbruch gekommen. In vortrefflicher Stimmung wurde der Rückweg zu Wasser angetreten. Die Kähne mit der Musik blieben in einiger Entfernung oberhalb der Brücke liegen, das Fahrzeug
Der Bienen-Vetter.
Eine Heide - Novelle von C. Crome-Schwiening.
war denn das? Sie löste eine Rose vom Gürtel und gab sie dem erfreuten Kinde. Dann flatterte das weiße Gewand hinter die den Weg einsäumenden Büsche.
Und Hinrik? Der stand und stand, eingekeilt in die neugierige Menschenmasse.
Seiner stämmigen Figur wäre es ein leichtes gewesen, seinen Weg durch dieselbe fortzusetzen. Allein sein Fuß stockte, wie auf die Bohlen des Brückenfußweges gebannt. Sein Auge suchte die weiße Gestalt. Da tauchte sie unten auf. Der schmucke Referendar hob sie ins Boot- Mit nur um ein weniges mehr als sonst zusammengepreßten Lippen sah es Hinrik; er sah die ganze Flotille unter den schmetternden Musikklängen und unter dem Hurrah der Neugierigen stromauf rudern, und er starrte noch auf das breite von der Sonne glänzend beschienene Wasser, als sich rechts und links neben ihm die Menge schon verlaufen hatte.
Endlich sah er zusammenschreckend wie einer, der aus tiefem Sinnen gestört wird, auf und um sich. Die Brücke war leer. Nur jenes kleine Mädchen saß auf einem Prellsteine und spielte mit Mariens Rose.
Wie von einem plötzlichen Gedanken erfaßt, schritt er auf sie zu.
„Gieb mir die Rose, Kleine!"
Das Mädchen, von dem rauhen Tone erschreckt, barg ängstlich die rothe Blüthe in den kleinen Händen.
„Gieb mir die Rose, Kleine — sieh', ich gebe Dir etwas Schönes dafür!" Und er holte aus feiner Börse ein glänzend neues Markstück hervor.
Die Kleine sah verwundert den Mann an, aber sie rührte sich nicht. Ungeduldig bog sich Hinrik nieder und nahm die Blume fast mit Gewalt aus den Fingern der Kleinen, der ängstlich zu ihm anfstarrenden das blinkende Geldstück in den Schoß werfend. Dann ging er hastig, als habe er an dem Kinde einen Raub begangen, die Rose zwischen den Fingern drehend, in die Stadt hinein.
Sein Geschäft bei dem Bankier war schnell erledigt,
Thüre der Wachtstube öffnete und die drei erstarrten Fledermäuse hineinwarf. „Ich müßte mich sehr irren, wenn die Thiere durch die Wärme nicht zum Leben erwachten und herumflatterten. Dann mögen die Tapferen glauben, es feien drei Teufel, welche den Flüchtlingen davon halfen," sprach die Kluge und begab sich in ihre Behausung.
In tiefem Schlafe lag der Kerkermeister. Sie schob ihm das große Schlüsselbund unter's Kopskissen und verließ das Zimmer, um nach ihrem Kämmerchen zu gehen. Auf dem Kirchthurme schlug es Eins. „Zwei Stunden sind vergangen, seit ich das Haus verließ," sprach Justine, „und zwei Menschenleben sind gerettet. Zweimal ruhte ich an seinem Herzen, das waren die seligsten Augenblicke meines Lebens. Es ist schön, eine gute That verrichtet zu haben, die Erinnerung bleibt uns für das ganze Leben. Was wäre ich, wenn ich den Einflüsterungen des Neides gefolgt hätte! Nun gilt es, die Spuren der Befreiung vollends zu beseitigen."
Justine trug das Seil auf den Speicher, von wo sie es genommen, dann kauerte sie neben dem kleinen Ofen, dessen Gluth sie wieder anfachte. Die Wärme that ihr gut- Lautlos starrte sie vor sich hin- Eine Stunde verging; die Mondscheibe, nur zur Hälfte erleuchtet, stieg im Osten empor; der Himmel war sternhell. „Nun sind sie sicher im Jseuburgischen angekommen," sprach Justine, indem sie das Fenster öffnete und hinaussah. Ueberall herrschte tiefe Ruhe, eine Verfolgung hatte nicht stattgefunden.
Um dieselbe Stunde standen zwei glückliche Menschen auf der Rodenbacher Höhe, schauten nach dem Horloffthale, von wo sie kamen, und nach dem Nidderthale, wohin sie gingen.
„Nimm einen Bissen Brod und einen Tropfen Zwetschen- geist," sprach Bardenstein zu der Geliebten und hielt ihr Beides hin. Sie aß und trank.
„Köstlicher hat mir noch nichts geschmeckt, als diese Gabe aus der Hand des Geliebten und der Freundin. Nun erquicke Dich auch, mein Schutz und Schirm," antwortete Sibille.
Bardenstein gehorchte. Den Rest der Speise barg er sorglich in seinem Gewände.
„Du wirst etwas ruhen, ich wache für Dich," flüsterte der Starke, indem er die Geliebte an sich zog und küßte.
„Laß uns weiter ziehen, ich bin frisch und wohlgemuth und folge Dir bis an'S Ende der Welt," antwortete Sibille.
Sie stiegen den Berg^hinab und ,strebten unaufhaltsam weiter. (Fortsetzung folgt.)


