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Ihr fliehet, könnet Ihr dereinst vielleicht doch Eure Unschuld beweisen: es gibt eine waltende Gerechtigkeit auf Erden."
„Du hast recht, wir müssen fort; vollende Dein Werk, Justine."
. Bardenstein kniete nieder, umfaßte die kleine Gestalt und preßte sie heftig an sich. Justine faltete die Hände auf seinem Haupte, dann drückte sie die zuckenden Lippen in sein Haar.
„Wir müssen fort. Höret genau, was ich Euch rathe," sprach das Mädchen, indem es sich aus seinen Armen löste und den Schlüssel zum Oeffnen der Kettenschlösser hervorsuchte. „Die Wächter sind schwer betäubt. Vor der Thurmthüre liegt einer mit dem Bluthunde Mars; Alle sind unschädlich. Wir befreien Sibillen, dann lasse ich Euch Beide mit dem Seile den Thurm hinab in den Festungsgraben. Er ist zugefroren. Eins nach dem Anderen gleitet über das Els, steigt den Wall hinauf, jenseits hinab und erreichet in einer halben Stunde die nassauische Grenze." — Klirrend fielen die Ketten von den Gliedern des Gefangenen. Justine verschloß die Handschellen wieder, damit es den Anschein gewinnen mußte, es habe eine übernatürliche Macht den Gefangenen befreit.
„Hier ist ein Stück Brod, nehmt einige Bissen, Ihr braucht Kräfte; Euer Marsch wird bis zum Anbruche des jungen Tages dauern, wenn Ihr ganz sicher sein wollt. In diesem Fläschchen findet Ihr etwas Zwetschengeist, nehmt zu« weilen einige Tropfen und gebt Sibillen auch davon, die Nacht ist bitterkalt."
„Du bist ein großes, ebeldenkendes Wesen, dessen Geist umfassend zu denken, dessen Gemüth tief zu fühlen vermag. Womit habe ich Deinen Heroismus verdient?"
„Leben um Leben, Liebe um Liebe, Herr! Wißt Ihr nicht mehr, was Ihr für mich gethan oder wollt Ihr es absichtlich vergessen? Wir nehmen in wenigen Minuten vielleicht für dieses Leben Abschied. Ich darf Euch also sagen, was die Triebfeder meiner Handlungsweise ist. Ich liebe Euch mit jeder Faser meines Herzens; niemals hoffte ich auf Gegenliebe, das wäre Wahnsinn. In gleicher Weise liebe ich Sibille als Freundin; Ihr Beide seid diejenigen Menschen, welche mir Glück und Freude bereitet haben. Ich zahle meine Schulden an Euch ab. Nun genug der Worte, die Zeit drängt."
Ueberwältigt von diesem Geständnisse faßte Bardenstein die kleine Gestalt noch einmal in die Arme, drückte sie in sprachloser Rührung an die Brust und küßte ihr Stirne und Augen.
„Auch eine Waffe habe ich Euch mitgebracht," fing Justine nach kurzer Unterbrechung weiter zu reden an; „es ist ein guter Hirschfänger, der in Eurer Faust seine Dienste thun kann. Jetzt vorwärts!"
Vorsichtig stiegen Beide die Stufen hinan. Die Thurm« thüre war bald erreicht; der Rentmeister erschrak, als er die Schildwache und den Spürhund dicht vor sich erblickte. Ge« schickt stieg er über die regungslos Daliegenden weg. Justine verschloß den Thurm und folgte. Vom Kirchthurme ertönte die Mitternachtsstunde.
Justine klappte die Blenden der Laterne zu; tiefe Dunkelheit trat ein. In den mächtigen Kastanien rauschte scharfer Novemberwind. Dicht aneinander gedrängt, mit verhaltenem Athem stand das Paar einige Minuten und lauschte. Alle» blieb ruhig. Sie wandten sich zu dem kleineren westlichen Thurme. Justine ließ einen Lichtstrahl aus der Blendlaterne auf den kleinen Platz vor dem Thurme fallen. Die Schildwache lag quer vor der Thüre; Pluto, der Spürhund, daneben. Der Schlüssel zum Thurme war von Justine durch einen Faden vorher bezeichnet worden, daher leicht gefunden. Bardenstein beugte sich über den schlafenden Krieger, schob den Schlüssel in das Schloß, drehte auf, nahm Justine auf den Arm und schlüpfte durch die enge Thüre- An den rauhen Steinen rissen sie sich die Hände auf, was nicht beachtet wurde.
„Wir haben nur zehn Stufen hinunter zu steigen," flüsterte Justine, „laßt mich vorgehen."
Eine zweite Thüre, von außen verriegelt, wurde geöffnet; die Retterin ließ das Licht der Laterne auf die Holzpritsche fallen, wo Sibille im tiefen Schlafe lag. Bardenstein wollte
im Jubel seines Herzens die Geliebte in die Arme schließen. Justine hielt ihn zurück. Ein glückliches Lächeln lag über den lieblichen, bleichen Zügen.
„Sie träumt von Euch," flüsterte Justine; „tretet in den Lichtschein, daß sie Euch beim Erwachen sogleich erblickt."
Leise tupfte die Retterin auf den Arm der Schlafenden; sie fuhr empor, schaute wie betäubt um sich und öffnete den Mund zum Reden-
„Beherrsche Dich!" sprach Justine. „Sprich kein Wort. Die Rettung naht."
Die Schwergeprüften fielen sich in die Arme und hielten sich wortlos umschlungen.
„Der schwerste Theil unserer Aufgabe liegt noch vor uns," begann Justine, nachdem die erste gewaltige Erregung bei dem Paare etwas gewichen. „Hast Du Muth, Dich an dem Seile den Thurm hinabzulassen?" fragte Justine die Freundin. Sibille nickte.
„Dann höret weiter. Von der nassauischen Grenze nehmt die Richtung über Stammheim und den Rodenbacher Berg in's Nidderthal. Umgehet vorsichtig alle Ortschaften; vermeidet die großen Straßen. Im Nidderthale lasset Ihr Lindheim links liegen, steigt über die Himbacher Höhe nach Eckartshausen und von da in einer kleinen Stunde nach der Ronneburg. Am Fuße der Burg wohnt Jakob Koch, ein Biedermann, dem könnet Ihr Euch anvertrauen; er ist uns von mütterlicher Seite her befreundet. Auf der Ronneburg findet Ihr einen sicheren Zufluchtsort und einen Priester, der Euren Bund segnet. So Gott will, seid Ihr morgen um diese Zeit Mann und Weib. Hier sind fünf Goldthaler, die Großmutter Beilstein sendet sie Euch. (Justine gebrauchte eine Nothlüge, er waren ihre Ersparnisse seit mehreren Jahren.) — Suchet so schnell wie möglich das Jsenburgische zu gewinnen. Der Graf ist ein Hort der Unterdrückten; mit Hessen ist er zerfallen, weil Hessen-Darmstadt vor zwanzig Jahren die Reichsacht gegen Isenburg-Büdingen vollstreckte und der Landgraf Ludwig den Titel eine» Grafen von Isenburg-Büdingen annahm. Sollte Euch Unglück widerfahren, was der liebe Gott gnädig verhüten wolle, dann braucht den Stahl für Euch selbst, ehe Ihr Euch auf das Blutgerüste schleppen lasset."
Sibille kniete vor Justine nieder, wie vorhin Bardenstein und umfaßte die Freundin mit leisem Weinen. „Womit verdiene ich diese Freundschaft?" flüsterte die Schwergeprüfte.
„Hast sie seit Jahren verdient, ich zahle heute Schulden ab, schon vorhin sagte ich das. Es ist die höchste Zeit, daß wir gehen. Nach zwei Uhr kommt der Mond, bis dorthin könnt Ihr die Jsenburgische Grenze überschritten haben. Seid Ihr glücklich angekommen, dann sendet nach einigen Wochen Botschaft. Gerhardt und Margarethe mögt Ihr Euch nennen, unter diesem Namen weiß ich, wer gemeint ist. Nun mit Gottes Hülfe vorwärts."
Sibille und Bardenstein umarmten und küßten ihre Retterin und stiegen leise die Treppe empor. In einer geschützten Mauerlücke hingen mehrere erstarrte Fledermäuse. „Euch kann ich brauchen!" sprach Justine, indem sie die Thiere in die Tasche des Mantels versenkte.
Der Schildwächter und der Spürhund lagen noch in ihrer Erstarrung wie vorher. Die Flüchtlinge stiegen über Beide weg und schlichen an die Brüstungsmauer, wo das Rettungsseil befestigt wurde- Bardenstein ließ sich daran hinab, es war das Werk von einigen Sekunden. Ohne Zagen folgte Sibille; auch sie langte wohlbehalten unten an- Schleifend glitten sie über die Eisdecke des Festungsgrabens, erkletterten den Wall und verschwanden jenseits desselben.
„So weit wäre Alles gelungen, Dank Dir, gütiger Gott!" seufzte das heroische Mädchen. „Nun gilt es noch, die Verfolger, wenn sie früh erwachen sollten, auf eine andere Meinung zu bringen." Sie knüpfte das Seil ab und wickelte es um den Arm wie vorher.
Verwegen schlich die kleine Gestalt alsdann bis an das Wachtlocal und lauschte. Wie vor anderthalb Stunden war noch Alles ruhig, nur das Schnarchen der Wächter ließ sich vernehmen. Justine trieb die Kühnheit so weit, daß sie die


