Ausgabe 
14.6.1894
 
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AnLevhaltnngsblatt zrrnr Giehenev Anzeigen (Geneval-Anzergsv)

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Donnerstag, den 14. Juni.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Auf dem nahen Kirchthurme schlug die Glocke die elfte Stunde. Justine kniete nieder, faltete die Hände und betete: Herr mein Gott, stärke mich, daß ich das gute Werk vollende. Schlage die Feinde mit Blindheit, gib Deinen Segen zu mei­nem Thun, führe die Unschuldigen aus dem Elend."

Sie stand auf, hüllte stch in den Mantel, entzündete die bereitgestellte Blendlaterne, wickelte ein langes Seil um den linken Arm, zog ein Paar Strümpfe über die ledernen Schuhe, faßte das Schlüsselbund mit einem wollenen Tuche zusammen, damit das Klirren vermieden wurde und schritt nach der Haus- thüre. Die Taschen des Mantels waren gefüllt, unter dem Kletdungsstücke ragte die Spitze einer Waffe hervor. Das Gesicht wurde durch ein wollenes Tuch verhüllt, nur die Nasen­spitze und die glänzenden Augen blieben frei. Die kleine Ge­stalt war so breit als hoch in ihrer Vermummung und glich eher einem Kobold, als einem menschlichen Wesen.

Geräuschlos glitt das Mädchen durch den dunklen Schloß- Hof; ihre Schritte wurden von den über die Lederschuhe ge­zogenen Strümpfen so gedämpft, daß nicht der leiseste Laut hörbar wurde. Schritt um Schritt ging sie vor; nach einiger Zeit hatten sich ihre scharfen Augen an die Dunkelheit ge- wöhnt. Nun ging es schneller. In der Nähe des Schloß, thores, an welches das Wachthaus angebaut war, blieb sie stehen und lauschte. Deutlich vernahm sie das Schnarchen von vielen Schlafenden.Sie haben richtig das Faß in einem Zuge ausgetrunken," flüsterte sie.Jeder glaubte, er bekäme nichts mehr, wenn er fortginge und darin hätte er sich nicht getäuscht."

Vorsichtig schlich sie nach dem großen südlichen Thurme. Der Wächter saß auf der Erde, hatte den Rücken an die Mauer gelehnt und schlief; gegenüber lag Mars, der Blut- Hund, und schlief gleichfalls. Caspari hatte kürzlich die beiden Spürhunde anschaffen lassen, um die Spur von Flüchtlingen besser verfolgen zu können. Daß die eingekerkerten Juden aus­brachen und davon kamen, war ihm sehr empfindlich. Die Leute behaupteten: Bei der Verfolgung wäre eine Handvoll Reichsthaler die Ursache gewesen, daß die Nachsetzenden nach Osten liefen und suchten, während die Ausreißer nach West und Süd gerathen seien. Daher kam es, daß der Schultheiß mit Recht in sein Journal schreiben konnte:hatte Im zwar vf alle Strassen nachgeschickt, aber nit antreffen können."

Justinens Muth wuchs, als sie merkte, wie trefflich die Wirkung des gewürzten Weines war. Den Schlüssel zum Thurme kannte sie genau; ihre Hand zitterte heftig, als sie das ganze Bund emporhob, um aufzuschließen. Kreischend, wie eine rostige Wetterfahne, ging der Riegel zurück, das kleine Thurmthürchen, schwer mit Eisenbändern und dicken Nägeln beschlagen, öffnete sich nach innen. Das Herz klopfte dem muthigen Mädchen zum Zerspringen;wenn das Kreischen des Riegels gehört wurde, bin ich verloren I" dachte sie. Eine Minute verweilte sie, es regte sich nichts.Sie schlafen Alle fest wie die Murmelthiere im Winter; man könnte die Leute und Hunde wegtragen, ohne daß sie es merkten, ich darf kühner vorangehen."

Justine schlüpfte in die Thüre, schloß von innen durch Vorschteben eines Riegels und stieg die steile Treppe in das Verließ hinab. Sechsundfünfzig Stufen waren es, das hatte ihr der Vater einmal gesagt. Nun war sie unten. Wo mag der Gefangene sein? Hier in der Nische. Der Thurm ist nach der Außenseite rund, nach innen gerade; da wo die Sehne mit dem Bogen zusammentrifft, ist ein Winkel. Hier lag der Ge- fangens auf moderigem Stroh und schlief. Justine öffnete die Blendlaterne ein wenig und ließ das Licht auf das Gesicht des Schläfers fallen.Welche Seligkeit, wenn ich mit Dir sterben dürfte!" flüsterte sie. Ein heftiges Neidgefühl zog plötzlich in ihr aufgeregtes Gemüth.Soll ich ihr und ihm davon helfen, daß sie unaussprechlich glücklich und ich unaussprechlich elend werde! Wäre es nicht besser, hier zu feinen Füßen zu sterben, dann hätte Eins so viel wie das Andere. Nein, das märe teuflisch. Die Liebe glaubt Alles, sie hofft Alles, sie duldet Alles. Vorwärts zur That!"

Justine faßte den Schläfer bei der Hand und schüttelte sie leise. Bardenstein sprang auf, schauerlich raffelten die schweren Ketten, womit der Gefangene an die Wand gefesselt war.

Ist es ein Teufel, Kobold oder Unhold, der mich weckt!" rief Bardenstein, den das Licht blendete.

Sprecht leise, Herr, ich bin es, Justine, die gekommen ist, Euch zu retten."

Du bist ein herrliches Wesen, in Deinem Innern wohnt eine große Seele. Doch bedenke, Kind, ich darf nicht fliehen. Ohne Sibille hat das Leben keinen Werth für mich; dazu kommt, daß man mich der Schurkerei bezichtiget, wenn ich mich dem Richter nicht stelle. Ich muß bleiben."

So bleibt und geht elend zu Grunde. Sibille ist als Hexe angeklagt und wird auf das Blutgerüste geschleppt, daran zweifelt hier Niemand. Ihr richtet gegen den allmächtigen Caspari, den Ihr mit dem Tode bedrohtet, nichts aus. Wenn