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1894.
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Samstag, den 13. Oktober.
Im Strome des Lebens.
Roman von Jenny Piorkomska.
(Schluß.)
XIII.
Der Zufluchtsort, den ich mir erwählt hatte, war nicht weit. In Pontinus Haus fand ich Schutz und liebevolle Aufnahme. Sie fragten nach nichts, was ich ihnen nicht aus freien Stücken erzählte; sie vertrauten mir und refpectirten meinen Kummer.
Als Tante Aurelie nach längerer Zeit meinen Aufenthaltsort ausgekundschaftet hatte, schrieb sie in geradezu beleidigenden Worten an Herrn Pontinus; sie verbat sich in diesem Briefe für immer meine Rückkehr und sagte sich vollständig von mir los.
Nach fast einem Jahre hörte ich zufällig, sie sei mit ihren Töchtern nach dem Süden gegangen, Martha habe einen jungen Italiener geheirathet, Josephine sei noch unvermählt. Vetter Hugo war bald nach ihrer Rückkehr von Schloß Rodegg nach England abgereist, um sich für immer dort niederzulasien.
Und ich?
Als ich, nachdem ich mich von meinem schweren Kummer ein wenig erholt hatte, meinen Wirthen eines Tages sagte, daß ich ihnen nun nicht länger zur Last fallen wollte, erklärten sie mir, das würde, das könne ich ihnen doch nicht an- thun; sie wüßten gar nicht, wie sie wieder ohne mich leben sollten und wenn ich ihnen nicht bitter weh thun wollte, dürfte ich nie wieder davon reden, sie verlassen zu wollen. Was hätte ich unter den obwaltenden Umständen mehr wünschen können, als die Liebe, die Obhut zweier so guter, edler Menschen zu genießen? — Ich machte mich so nützlich, als ich vermochte — und blieb. —
Gegen Rodegg erfüllte ich mein Versprechen und theilte ihm, sobald er auf der Fahrt nach Amerika war, mit, daß ich bei seinen Freunden eine sichere Zufluchtsstätte gefunden hätte.
Rach längerer Zeit kam die Antwort; ein kurzer, freundlicher Brief, doch klang es so eigentümlich und gezwungen zwischen den Zeilen hindurch, daß ich den Brief mit dem Ge- sühl bei Seite legte, daß sich auch dieser, mein einstiger Freund, von mir abgewendet hatte. Hin und wieder traf an Herrn Pontinus ein Brief von ihm ein, der dann stets auch einen Gruß für mich enthielt.
„So allein und in Gedanken?" sagte Fräulein Pontinus eines Tages, zu mir in's Zimmer tretend, als ich, den Kopf in die Hand gestützt, düster in die helllodernde Kaminflamme blickte. „Ich habe eine Neuigkeit, die auch Sie interefsiren wird!"
„So?" entgegnete ich gleichgiltig.
„Ja; Rodegg kehrt nächste Woche aus Amerika zurück und wird nun wirklich noch Ihre Cousine Josephine heirathen. O, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mich das ärgert I Wahrhaftig, ich gönne ihr diesen Mann nicht! Hätten Sie nur an jenem Abend, als Sie Alle bei uns waren, die Gelegenheit, die ich Ihnen in dem kleinen Boudoir gab, wahrgenommen, sie hätte ihn nie bekommen."
Ich zuckte lächelnd die Achseln, im Stillen aber empfand ich einen bitteren Schmerz in der Erinnerung an jene unglückseligen Tage.
* •
Rodegg kehrte also zurück, um jedenfalls seine Besitzung nicht wieder auf längere Zeit zu verlasien; da war meines Bleibens nun auch nicht mehr. Ich hätte nicht vermocht, ihn vielleicht täglich zu sehen, mich ruhig mit ihm zu unterhalten — und nun vollends mit Josephine als Gattin an seiner Seite; nein, das vermochte ich nicht!
Mit schwerem Herzen theilte ich meinen lieben Freunden meinen Entschluß mit; ruhig, aber fest wies ich alle ihre Vorstellungen, all' ihre Bitten und Flehen, warum ich sie nun so plötzlich verlasien wollte, zurück; ich sollte doch bleiben, sie wollten Alles, Alles thun; mich für immer an ihr Haus fesieln.
Am liebsten hätte ich die Gegend noch vor Rodeggs Heimkehr verlasien, als ich meiner Freundin aber davon sprach, fühlte sie sich so tief gekränkt, daß es gar zu undankbar ge- schienen hätte, wenn ich ihrem Drängen nicht nachgegeben und versprochen hätte, noch vier Wochen zu bleiben. —
Eines Abends ging ich langsamen Schrittes die Allee hinab nach dem kleinen Birkenwald; dort am Ende setzte ich mich nieder auf die Steinbank, die einen so schönen Blick auf den halb von tiefherabhängenden Weiden umgebenen Teich gewährt.
Wie ruhig, wie beneidenswerth still war Alles ringsum. Ich hatte gehofft, auch mein Inneres werde seine einstige Ruhe wiederfinden — damit aber war es nun vorbei! Ich ging in eine neue Welt, von fremden Menschen umgeben, die mich nicht verstanden, nie verstehen würden. O Gott, was hatte ich denn gethan, daß ich so gestraft wurde? In dem Alter, wo jedes andere Mädchen in vollen Zügen die Freuden


