AnLerchaltungsblatt 311m Gietzenee AnzeLgeße (Gen-pol-Anzerg-V)

1894.

Donnerstag, den 13. September.

In den Fesseln der Schuld.

Criminal-Novelle von C. Sturm.

(Fortsetzung.)

Hillesien schien jetzt seine trübe Stimmung überwunden zu haben, denn er zeigte wieder eine heitere Miene und sprach mit Bewunderung von den Schönheiten des Gartens, durch welchen er an Pohlmanns Seite schritt. Bald standen die beiden Herren vor dem Pavillon, in welchem jedoch nur Frau Pohlmann weilte und die Ankommenden einlud, Platz zu nehmen.

Hier trinken wir doch Kaffee," bemerkte Pohlmann zu seiner Frau, und als dieselbe zustimmend nickte, sagte er:Nun, so wollen wir Professor Galen, Ernst und Carola auch herbei- rufen."

Dort drüben an demLSpringbrunnen stehen sieJ alle drei," entgegnete Frau Pohlmann.

Bitte, nehmen Sie doch im Pavillon Platz, Herr Messen," sagte dann die Dame des Hauses, während der Hausherr davon eilte, um seine Kinder und Professor Galen herbeizuholen.

Hier ist es wie im Paradiese, gnädige Frau," bemerkte Hillessen, als er neben Frau Pohlmann auf deren wiederholte Aufforderung in dem reizend auf einem kleinen Hügel in dem großen Garten gelegenen Pavillion Platz nahm.Wenn man doch auch ein so schönes Heim besitzen könnte!"

Nun, das können Sie sich doch schaffen, Herr Hillessen!" entgegnete Frau Pohlmann.Einem Mann in Ihrer Stellung und bei Ihren Talenten kann es doch wahrhaftig nicht schwer fallen, sich ein schönes Heim zu gründen."

Ein feines Haus und einen hübschen Garten dazu könnte ich mir allerdings jeden Tag kaufen, aber das ist noch lange kein glückliches Heim," sagte Hillesien,dies kann nur eine Frau und zwar nur eine geliebte Frau schaffen, und eine solche werde ich schwerlich finden."

Erstaunt über dieses offene und schwermüthige Geständ- niß blickte Frau Pohlmann auf Hillesien« blasses Gesicht. Warum sollten Sie keine geliebte Frau finden?" bemerkte sie mit halblauter Stimme.Wer Liebe ernstlich und aufrichtig sucht, der wird auch Liebe finden."

Ich will das nicht bestreiten, aber ich muß offen ge­stehen, daß ich, bisher nur den Geschäften lebend, noch nicht dazu gekommen bin, nach Liebe zu suchen, und da ist sie denn selbst wie der Dieb in der Nacht über mich gekommen, ur­

plötzlich, mächtig und unwiderstehlich, aber auch zugleich gänz­lich hoffnungslos."

Dies ist sehr, sehr zu beklagen," erwiderte Frau Pohl­mann,aber trotz der bittersten Enttäuschung würde ich an Ihrer Stelle doch nicht alle Hoffnung aufgeben, Herr Hillesien, denn es wird uns im Leben, wenn auch ost nach langem Warten, doch oft noch ein heißer Wunsch erfüllt."

Diese Ihre Worte sind für mich allerdings ein unend­licher Trost," sprach jetzt Hillessen mit eigenthümlicher Beton­ung und während seine Augen stärkeren Glanz erhielten,und ich wage es auszusprechen, was mich quält und was mein Herz mit Wonne und Weh erfüllt, gnädige Frau. Ich liebe unendlich Ihre Tochter, Fräulein Carola, und wäre glücklich, wenn ich sie besitzen könnte."

Erschreckt über dieses neue, plötzliche Geständniß Hillessen» erhob sich Frau Pohlmann von ihrem Stuhle, und den Gast erstaunt anblickend, sagte sie, ihre Erregung kaum beherrschend: Herr Hillesien, Ihr Antrag ist eine Ehre für uns, muß aber mit Bedauern abgelehnt werden, denn unsere Tochter gilt be­reits als heimlich mit Profesior Galen verlobt. Entschuldigen Sie mich gütigst jetzt einige Augenblicke, ich will dem Diener sagen, daß er den Kaffee bringt."

Verblüfft und verlegen saß Hillesien jetzt allein in dem Pavillon. Er schlug sich mit den Händen vor die Stirn und seufte:Ich werde hier wegen diesem Mädchen völlig zum Narren. Solch' ein Unglück, daß mir der Profesior zuvor­gekommen ist und daß ich mir deshalb lauter Abweisungen mit meiner Werbung hole, ist ganz unerhört. Und dies muß gerade mir passiren! Was nutzt mir nun der glänzende Directorposten und was hilft mir mein vieles Geld!"

Zum ersten Male in seinem Leben sah Hillessen ein, daß Geld und Ehrenstellen das Glück der Menschen nicht allein zu begründen vermögen, sondern daß es noch ganz andere Mächte im Herzen und Gemüth gibt, welche die Erdensöhne glücklich oder unglücklich machen können. Das Schicksal hatte den ver­wegenen Streber und Glücksritter durch die Erfahrungen des heutigen Tages gewissermaßen vor einen Scheideweg gestellt, wo er seinen bisherigen Irrweg einsehen und den rechten Pfad wählen konnte, den schmalen Pfad der Selbstbeherrschung und der Entsagung, wenn uns Güter dieses Lebens versagt sind, aber Hillessen konnte auch verwegen auf der Bahn des Ehrgeizes und der Leidenschaften weiterschreiten und sein ver­lockendes Ziel mit allen Mitteln der List und Verschlagenheit zu erreichen suchen.

Mit seinem klaren Geiste übersah er nicht den Wende­punkt, an den er nun wieder in seinem Leben gekommen war, aber es fehlte ihm die sittliche Kraft der Entsagung, und da