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wieder einmal zu viel getrunken I" * I
„So, meinst Du? Willst mich wohl noch auszanken des- I HM! Kann sein, daß die paar Gläser Schnaps mir in den I Kopf gestiegen find bei dem Aerger, den ich alle Tage herunter« I schlucken muß! Da hat der Lieutenant Baranow wieder eine I Zulage erhalten, während ich noch immer mit den elenden zwanzig Rubel Tractament den Monat haushalten muß. Em reiner Lumpengeld für einen kaiserlichen Offizier! Das reicht nicht zum Leben, nicht zum Sterben aus. Hungern muß man, Noth leiden und Gott danken, wenn noch ein paar Kopeken übrig find, um einmal Wodki zu trinken. Aber die Ruffen und die Herren vom Adel bekommen Zulagen," — so fügte er immer grimmiger hinzu, — „und die da drüben im Herren- Hause von Lygotta, die trinken Sect und essen Lampreten und Austern nnd allerlei Delicates; sie borgen sich das Geld zu- sammen und leben flott!" „ ,
„Aber Vater, was redest Du für thörichtes Zeug durcheinander! Was hat der Edelhof mit Deinem Sold zu thun? Was kümmert Dich die gnädige Herrschaft in Lygotta?"
„Was sie mich kümmert? Sonderbar, daß Du noch fragst. Steckst Du nicht Tag und Nacht da drüben bei ihnen und läsfest meine Wirthschast darüber zum Teufel gehen!"
„So lange ich denken kann, bin ich im Herrenhause ge- wesen und früher war es Dir immer Recht. Ich vernachlässige Dich nicht dabei, Vater, und jeden Tag sehe ich nach dem Rechten bei Dir. Heute war es mir nicht möglich, fei nicht böse deshalb — wir haben Gäste in Lygotta!"
„Ja, Gäste, Schmaus und Zecherei, da haben wirs wieder! Aber für mich ist Brod und Käse gut genug! O, Du zärtliche Tochter! — Na warte, morgen sage ich der vorneh- men Sippschaft die Wache an! Ich mache der Lauferei ein Ende, ein Ende mit Schrecken. Ich will's ihnen schon geben — geben, so wahr ich Wytek heiße! Ich will — —"
„Das wirst Du Alles bleiben lassen, Väter," fiel ihm das Mädchen in's Wort, „denn ich werde es nicht leiden! Und wenn Du vergessen hast, wie viel Gutes die Herrin von Lygotta Dir schon erwiesen, so denke ich doch daran! Ohne sie wurdest Du heute nicht einmal etwas zum Essen gehabt haben, denn alles Geld, was Du einnimmst, gibst Du für Branntwein aus!"
„Die Bielinskis stnd ein Lumpenpack," schrie zornig der
Alte. „Der ganze Edelhof ist verschuldet, und von Rechtswegen ist Jtzig Schmul der Besitzer davon! Denkst wohl, der junge Herr, der Windbeutel, wird da wieder Ordnung in die Lodderwirthschaft hineinbringen! Ja, der ist gerade der Rechte dazu. Und dabei thut er noch so stolz, blickt hochnäsig zur Seite, wen« man ihn ansprechen will und trägt den Kops hoch, als wäre er Väterchen Zar! Der, der Hansnarr — der!"
Ich treibe mich nicht herum," erwiderte Jadwiga kurz. > "konnte nicht früher vom Herrenhause abkommen, die Pani batte meine Hülfe nöthig." Sie stellte den Leuchter auf den Nick und holte Schlafrock und Pantoffeln für ihn herbei. w .Kann es mir schon denken," höhnte er. „Die Pani — die gnädige Pani und immerzu die Pani 1 Freilich, das Nichts- ckun das Schlaraffenleben und das Edelfräuleinfpielen ist ja ! aam etwas Anderes, als dem alten Vater die lumpige Wirth- ickaft führen. Dafür sind die zarten Fingerchen zu schade!' Er ließ sich plump und breit aus das harte Sopha fallen und streckte beide Füße weit von sich weg. „Nun, gibt's nichts zu essen oder will das feine Püppchen mich etwa gar verhungern
Das Mädchen ging ruhig in die Küche und kam bald darauf mit einem kleinen Tablett zurück, auf dem sich ein paar Teller mit Brod, Butter und Käse befanden. Sie breitete eine Serviette über den Tisch und fetzte die Speisen, ohne ein Wort zu sprechen, vor den Vater hin. ,
„Undankbares Geschöpf!" wüthete dieser, indem er mit der Kaust dröhnend auf den Tisch schlug. „Ist das ein Abend- brod für mich? Wie einen Bettelmann willst Du mich ab- sveisen? Aber, ich will Dich schon Mores lehren, ich will Dir schon zeigen, was Respect heißt! Ja, zum Donnerwetter, Du sollst mich heute noch kennen lernen!"
Leichenblaß stand Jadwiga vor ihm, ihre Zähne klapperten hörbar. Aus den engelschönen Zügen war jede Spur von Üßer Anmuth und Liebreiz verschwunden; ihr Gesicht sah finster, trotzig und hart aus. S'e neigte sich aber ganz furchtlos zu dem Tobenden hinüber, blickte ihm ruhig in das rohe, gemeine Gesicht und sagte scharf: „Mach' keinen solchen Lärm, Vater! Was sollen die Nachbarn davon denken? — Du hast
„Barmherziger Gott — Vater!" schrie Jadwiga auf. — Sie fuhr mit beiden Händen nach den Schläfen, denn es drehte sich Alles um sie herum. Noch ein paar Schritte taumelte sie vorwärts, dann stürzte sie ohnmächtig zu Boden.
Der Alte starrte mit gläsernen Augen auf sie hin, sein Gesicht glühte in Scharlach und es dröhnte in seinem Hirn. Er stand polternd vom Sopha auf und stolperte mit hin- und herschwankenden Schritten in die nebenanliegende Schlafkammer. Dort warf er sich sofort auf sein Bett, während er noch ha b sinnlos vor sich hinlallte: „Ich sag' Dir'-, Mädel, es muß ein Ende nehmen mit der Lauferei, ich leide es E länger, ich will meine Pflege und Ordnung haben, wie es sich für einen kaiserlich russischen Lieutenant gehört, - o.er mich soll der ^eufel^h war es still geworden — nichts regte sich I mebr.^ Auf dem Tische brannte noch immer die Kerze und flackerte unruhig hin und her. Im Osten dämmerte em rosiges Licht herauf und warf einen Purpurschein über das stille Gemach. Und durch das offene Fenster strömte ein frischer Wind. Er wehte vom Nachbargarten eine Hand voll duftender Jasminblüthen herein und sie senkten sich leise auf die I lichte Mädchengestalt. Sie flatterten aus das blonde Haar und
„Pan Roman ist kein Hansnarr, er ist ein Edelmann! Laß das Schimpfen, Vater! Es ist gut, wenn man stolz ist und feinen Stand beobachtet. Und was die Schulden betrifft, nun," — ihre Stimme bebte, — „er wird sie in Kurzem be- zahlen, denn er heirathet die reiche Gräfin Kwilecka!"
„Dummheiten, die wird ihn gerade nehmen! Das hat Dir wohl geträumt! Aber Du redest der hochmüthigen Bagage immer das Wort, weil ich sie nicht leiden kann. Und mir zum Aerger thust Du auch schön mit ihnen. Hier zu Hause brennt Dir der Fußboden unter den Füßen, aber noch Lygotta läufst Du hin, wenn Feuer und Wasser vom Himmel fällt! Aber das soll anders werden, fage ich Dir I Von jetzt an bleibst Du bei mir! Hier im Haufe ist Dein Platz und nirgends anders! Wehe Dir, wenn Du nicht gehorchst! Du betrittst den Edelhof nicht wieder, sonst . . ."
„Vater!" schrie Jadwiga. „Vater, hör' auf, ich ertrage es nicht länger!" Und nun stand sie hoch aufgerichtet vor ihm, die dunkelblauen Augen funkelten wie Kohlen in dem todtdleichen Gesicht. „Ich werde Dir gehorsam sein, aber quäle mich nicht ohne Grund. Und wenn es Dich beruhigen kann, so will ich'»
I Dir verrathen, daß ich vor einer halben Stunde schon für immer Abschied nahm von Lygolta." — Ihre Lippen zuckten, sie griff mit der Hand nach dem Herzen, der Schmerz wollte sie übermannen. „Ja, Vater, ich kehre nicht wieder in's
I Herrenhaus zurück, ich bleibe bei Dir, aber Du mußt auch gut fei«, keinen Schnaps mehr trinken und die Menschen, die ich liebe, nicht schmähen! Ohne sie häite ich mein freudloses
I Leben wohl kaum ertragen und ich werde ihnen dankbar blei- I bett bis zu meinem letzten Stündlein! — Auch Dir haben sie I roch nie etwas Böses gethan. - Du darfst sie niemals wieder I schlecht machen, nicht schimpfen, nicht beleidigen, ich,dulde es | nicht, und wenn Du es dennoch thust, Vater —" Sie sprach I laut und zornig und ihre Hände ballten sich.. „Ich habe einen I steinharten Kopf, wenn ich ihn haben muß, ich kann meinen I Willen schon durchsetzen; reize mich also nicht!"
„Was, Du willst mir Vorschriften machen!" schrie der I Alte ganz erbost- „Das wird ja immer schöner! Aber Ge- 1 duld, ich werde Dir den steinharten Kopf zurechtsetzen, den I trotzigen, eigensinnigen Kopf!" - Und nun tastete er unsicher I mit den Fingern auf dem Tische umher, ergriff denTeller mit I dem Brod und schleuderte ihn dem erschrockenen Mädchen an


