Ausgabe 
13.3.1894
 
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mit Eiseskälte. . ..

Er warf noch einen langen, traurigen Scheideblrck auf das kleine, graue Haus, in dem sein Liebstes verschwunden war, dann senkte er den Kopf auf die Brust herab und trat mit schwerem, mühevollen Schritt den Heimweg nach Lygotta an.

Jadwiga war in athemloser Hast, ohne srch umzusthen, in die kleine Wohnstube ihres Vaters gestürzt. Sie ließ den Korb achtlos nieder fallen und sank wie vernichtet auf den ersten besten Stuhl. Dort saß sie lange regungslos und barg das Gesicht in beiden Händen, zwischen denen die Thränen hervor- quollen. Und immer heftiger wurde ihr Weinen und Schluchzen. Die schrecklichsten Vorstellungen ängstigten und marterten sie.

War sollte sie thun, was beginnen, um sich Romans Leiden- fchaft, die alle Schranken durchbrach, zu entziehen besten Weib, wie er ihr selbst gesagt, sie niemals werden konnte. Ein heißes Weh durchzuckte sie bei diesem Gedanken, wilder Schmerz hämmerte in ihrem Hirn und es war ihr, als lege sich plötz­lich ein grauer Schleier über ihre Augen, der ihr eine An­wandlung von Ohnmacht verursachte.

Denn was sie bis dahin sich selbst noch abzuleugnen ver­sucht hatte, das wuchs jetzt riesengroß in ihr empor: sie liebte Roman, sie liebte ihn innig und heiß und all' der spröde Trotz und die Zurückhaltung ihm gegenüber war nichts weiter ge­wesen, als der Kampf eines reinen, stolzen Mädchenherzens, da» seine Liebe nicht verrathen will. Doch nun mußte sie mit Gewalt sein Bild aus ihrer Seele reißen, sie durfte ihn nicht mehr wiedersehen, sie mußte fort von hier, weit fort. Denn wie sie auch grübelte und sann, einen anderen Ausweg fand

sie nicht. ,, r ,

Ach, ich wollte, ich wäre todt!" So rang es sich wie ein schluchzender Schrei von ihren zuckenden Lippen und dann starrte sie wie gebrochen in's Leere.

Wie lange sie so in dumpfem Hrnbrüten verharrte, sie wußte es nicht. Endlich sprang sie auf und öffnete ein Fen­ster, um die Abendkühle einzulaffen, denn im Zimmer herrschte schwüle Lust. Sie stützte beide Arme auf das Sims und bsickte in die Nacht hinaus. Allmälig beruhigte sie sich, sie hatte sich müde und matt geweint- Nun zündete sie ein Licht an, tauchte ein Tuch in kaltes Master und kühlte ihre heiße Stirn.

In dem Stübchen sah es unwohnlich und ärmlrch aus. Die abgenutzten Möbel, das alte Sopha mit dem zerrissenen Kattunüberzuge waren mit allerhand Sachen und Kleidern be­deckt, die unordentlich durcheinander geworfen umherlagen. Auf einem niedrigen Schranke stand ein großer Käfig, in dem ein zahmer Kolkrabe faß, welcher vom Scheine des Ächte« i plötzlich aus dem Schlafe geweckt, unruhig hin und her flatterte und widerlich krächzte. Ein einziges werthvolles Stück befand sich in dem elenden Raume. Das war ein kunstvoll aearbei- teter Heiligenschrein von Ebenholz mit einem Crueifix von matter Bronce. Sämmtliche Möbel waren mit fingerdickem I Staub bedeckt, Spinnengewsbe hingen von der kahlen Decke I fwßfj.

Jadwiga breitete ein Tuch über den Käfig, räumte die I Sachen fort, säuberte und stäubte ab, bis es einigermaßen freundlicher in dem Zimmer aussah. Nachher setzte sie sich an I den Tisch und zog ein Gebetbuch aus der Schublade desselben, I um darin zu lesen. Er war sehr spät. Die Thurmuhr der I Pfarrkirche von Czenstochau hatte bereits die zweite Morgen- | stunde verkündet, doch war der Vater noch nicht daheim. Er saß wie gewöhnlich in der Schänke, spielte Karten und zechte. Dem Mädchen fielen endlich vor Müdigkeit die Augen zu. Das Licht brannte tief herab. Plötzlich wurde sie durch ein heftiges Klopfen gegen die Hausthür aus ihrem Halbschlummer erweckt. I Sie griff hastig nach dem Leuchter und eilte in den Flur, um

Du!"

Und nun fühlte sich Jadwiga plötzlich von seinen Armen I umschlossen und an seine Brust geriffen. Die^gewaltsami zurück- gedrängte Liebe brach mit stürmischer Zärtlichkeit ber ihm her- vor, er küßte glühend ihren Mund, ihre Augen und das weiche, goldige Haar, von dem die Hülle sich gelöst hatte er küßte I wie im wahnsinnigen Schmerz die perlenden Thränen von hren Wangen. Das wilde, ungestüme, polnische Blut, die Erbschaft I seiner Väter, jagte fieberheiß in seinen Adern und die ent- I festelte Leidenschaft ließ ihn Alles vergessen.

Jadwiga lag wie betäubt, fast wie leblos in seinem Arme, sie fand nicht die Kraft, sich seiner Zärtlichkeit, seinen Küssen I m entziehen, sich aus seiner Umschlingung zu lösen, es schren ihr unmöglich zu fein. Doch plötzlich kam ihr die Besinnung I wieder und nun drang mitten durch Alles ihr Schrei so I bang, so verzweiflungsvoll, wie ihn nur die Todesangst aus­stoßen kann, und dann folgte ein heftiger Ruck, der Roman fast zur Seite schleuderte. Das Mädchen hatte sich gewaltsam I von ihm losgerissen, und beide Hände vor das glühende Gesicht schlagend, stürzte sie mehr, al» sie ging, in die Hausthür hmein, die gleich wieder hinter ihr in's Schloß fiel.

Der junge Edelmann war im jähen Erschrecken aus seinem Liebesrausch erwacht. Er blieb wie angewurzelt stehen; Scham, Reue und Kummer packten sein Herz mit furchtbarer Gewalt, ein dumpfer, qualvoller Schmerz, der aus seinem Schuldbewußt' | sein entsprang, folterte ihn. Was hatte er gethan? - Wie ein Feigling war er der Versuchung unterlegen, er hatte Jad- wiga an seinem Herzen gehalten und geliebkost, als wäre sie sein unbestreitbares Eigenthum seine Braut. Einen Schatten hatte er auf ein reines, unbeflecktes Menschengemüth geworfenI Er stöhnte laut auf und blickte starr und bleich vor sich hin. «Nein, nein," murmelte er in bitterer Reue,nie wieder kreuze ich Dir Deinen Weg, Geliebte, niel Du fällst frer von mir bleiben, frei von meiner Leidenschaft bester, ich sterbe daran, als daß auch Dein Glück darüber in Trümmer gehtl

Die Nacht hatte sich jetzt vollständig schwärz auf die Erde herabgesenkt. Droben am sternenlosen Himmel wogte ein Nebelmeer. Grau, naßkalt, geisterhaft zogen große, dunstige Ballen vom Fluffe zu Roman heran und durchschauerten ihn

kannst oder ist Dein Herz von Stein? Ja, ich sehe es, Du bist kalt wie Eis, in Deiner Seele regt sich kein Ge­fühl I Im Staube siehst Du mich vor Dir liegen, Du hörst | meine Bitte, doch Du bleibst hart und unversöhnlich! Nun, ich werde es verschmerzen, ich brauche Deine Vergebung nrcht mehr! Ja, grolle nur weiter oder vergiß mich ganz, das ist das Beste! Ich hind're Dich nicht daran, denn ich ich siebe Dich nicht mehr!" ..

Mit der ganzen wilden Gereiztheit der Verzweiflung wandte er sich von ihr ab und sprang hastig die Stufen hinab. Jad- wigas Herz krnmpfte sich vor Schmerz zusammen. Jedes Ge- sühl der Kränkung, der gerechten Entrüstung schwand plötzlich dahin. Sie blickte ihm nach, mit heißen Thränen im Auge.

Ich grolle Ihnen nicht mehr, Pan Roman," stammelte sie.Mein Herz ist auch nicht von Stein, aber rch kann es nicht verwinden, daß Sie so so verächtlich auf mich herab­sehen, als wäre ich eine lose Dirne!"

Ich Dich verachten? Dich - Dich, die Du in meinen Augen eine Heilige bist?" rief er mit von Neuem entflammter Leidenschaft.D, Du mein Lieb, mein Leben, was gibt es wohl Höheres, Reineres auf der weiten Welt für mrch, als

zu hagrer Mann in einer verfchoffenen Offiziers-

uniform taumelte herein. Sein Gesicht, das vom Branntwein­genuß duftete und glühte, sah blaß und aufgedunsen aus und die Augen stierten mit leerem Ausdruck vor sich hin. Die Czapka (Mütze) faß ihm hinten im Genick und den Schaschka (Säbel) mit der Koppel trug er in der Hand.

Heilige Harbara!" schrie er Jadwiga an.Ist das Manier, mich eine Stunde vor dem Hause stehen zu lasten t Warum hast Du die Thür verschloffen? Hast Du mein Klopsen denn nicht gehört?' _ , . , ,

Ich war ein wenig eingenickt, Vater. Mein Kopf that mir weh und e« ist schon so spät."

Der Alte fuhr sie aber noch rauher an:Was, raison- I niren will das Heidenmädel auch noch? Mund halten, sage ich Dir, oder -" Und nun stolperte er fluchend in's Zusurer hinein und schleuderte seine Sachen heftig auf einen Stuyk. Warum bist Du heute Abend so lange fortgebtieben? schrie er wieder.Warte, ich werde Dir das Herumtreiben an-

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