Ausgabe 
13.2.1894
 
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Das thut er vielleicht sein Lebenlang nicht I" meinte der

Dabei hob Joseph seine blauen Augen zu dein Prinzen aus. Herr Gott, was war denn das? Das war ja Josephs Prinz.

Lieutenant von Belfort her- Auch der Prinz schien Joseph wieder zu erkennen und fragte diesen:Haben Sie nicht den Feldzug gegen Frankreich mitgemacht? Und haben Sie nicht bei dem Werder'schen Corps gestanden?"

Jawohl, Königliche Hoheit I" antwortete Joseph im mili- tärischen Tone.

Da sind Sie wohl Joseph Ropp, mein ehemaliger Unter­offizier?" *

Jawohl, Königliche Hoheit, und Sie sind mein Lieutenant von damals?"

Ja, das stimmt, Ropp! Freilich, jetzt bin ich General­major und Sie brauchen sich nicht zu wundern, daß ich so schnell avancirt bin; das ist einmal so bei uns Prinzen. Wie ist es Ihnen gegangen, Ropp, seit dem Feldzuge?"

Richt gerade gut, Königliche Hoheit; hab' bis vorigen Herbst im Lazareth zu Straßburg gelegen!"

O, das thut mir leid!"

Wie lange haben Sie denn bis zu Ihrer Genesung ge­braucht, Königliche Hoheit?" fragte Joseph treuherzig.

Rur ein Vierteljahr!"

Ich glaubte, es wäre schlimmer gewesen; waren bei Bel­fort schwer verwundet, Königliche Hoheit!"

Haben Sie meine Wunde gesehen, Ropp?"

Ra, ich werde doch, da ich Eure Hoheit schwer verwundet vom Boden aufhob und eine Viertelstunde weit durch'« Feuer schleppte."

Bei diesen Worten sprang der Prinz vom Maulthiere herab, faßte Josephs Hand und rief bewegt:Ropp, Sie haben mich aus dem Feuer geschleppt?"

Das wissen Sie nicht?"

Daß mich ein Soldat aus dem Feuer getragen, wurde mir allerdings später erzählt, aber daß Sie es gewesen sind, Ropp, davon hatte ich keine Ahnung; ich war ja bewußtlos und hernach waren Sie nicht mehr bei dem Bataillon!"

Jetzt stand Joseph wie beschämt da und meinte verlegen: Königliche Hoheit, wenn ich das gewußt hält', so hätt' ich gar nix gesagt!"

Der Prinz aber entgegnete gerührt:Sie sind mein Lebensretter, Ropp! Ich habe auch durch die Zeitungen meinen Lebensretter aufgefordert, sich bei mir zu melden; aber es war vergeblich! Freilich, Sie konnten sich damals auch nicht melden, da Sie in Straßburg im Lazareth lagen. Jst's nicht so?"

Joseph schwieg, weil er nicht die rechte Antwort fand und nickte nur beifällig.

Der Prinz aber fuhr leutselig fort:Kommen Sie, Ropp, ich muß Sie den anderen Herren vorstellen!"

Der Prinz drehte sich herum und sprach zu dem umstehen­den Gefolge:Meine Herren, hier sehen Sie den Unteroffizier Ropp, der mir bei Belfort im Kampfe gegen das Bourbakt'sche Corps zur Seite gefochten, mich verwundet aus der Gefechts- linie bis in die Schanzen geschleppt und mir unzweifelhaft durch seine aufopferungsvolle That das Leben gerettet hat, wobei er selbst schwer verwundet wurde. Dieses ist auch die Ursache weshalb mir damals die näheren Umstände meiner Rettung unbekannt blieben I"

Joseph stand ganz verwirrt da, in den Reihen des Ge» folger aber hörte man beifälliges Gemurmel und die Offiziere ergriffen die schwielige Hand des Führers und schüttelten sie herzlich.

Der Prinz aber bestieg wieder jein Maulthier und sagte: Kommen Sie, Ropp, das Weitere besprechen wir im Weiter­schreiten!"

Der Prinz hatte eine liebenswürdige Art und Weise zu fragen, und so wußte er binnen zehn Minuten Alles aus Josephs Leben und kannte zumal auch dessen großes Herzeleid.

Was wollen Sie nun in Ihrer Herzensangelegenheit be- ginnen? fragte der Prinz theilnehmend.

Ich will warten, Königliche Hoheit, bis der Rosenbauer seinen Sinn ändert!"

Joseph seufzte nur und schwieg.

Ra, dann will ich 'mal dem hartnäckigen Manne den Kopf zurechtsetzen! Soll ich?" sagte dann der Prinz und sein schönes Antlitz strahlte in echt fürstlicher Großmuth?

Ach, wenn Sie das wollten, Königliche Hoheit, da wür­den Sie zwei Menschen, die Loni und mich, glücklich machen!"

Gut, ich denke schon darüber nach, wie ich es am besten anfangs- Haben Sie Lust, eine Stelle in meinen Diensten anzunehmen oder möhten Sie sich einen Hof kaufen?"

Königliche Hoheit, ich bin Bauer mit Leib und Seel'I So ein kleines Weingutel mit Haus und Hof ginge mir über Alles I Aber woher das Geld dazu nehmen? Ein paar hundert Gulden habe ich mir schon gespart, aber die reichen doch nicht um einen Gutshof zu kaufen!" erklärte Josef offenherzig.

Der Prinz lächelte und meinte:Run, wir werden ja noch sehen, was in der Sache gethan werden kann."

Da ist schon der Kuhberg, Königliche Hoheit!" rief jetzt Joseph, seines Fühceramtes gedenkend.

Die Herrschaften stiegen nun von den Maulthieren und genossen die wundervolle Aussicht auf den Strom und den großen blauen See zu ihren Füßen. Hier konnte man mit dem Dichter ausrufen:

Ja, wunderschön ist Gottes Erde Und werth, darauf vergnügt zu sein!"

Dann ging es weiter auf den hohen Berg, welcher der Kegel genannt wird. Es war beschwerlich, ihn zu ersteigen, dafür war aber die Aussicht oben desto lohnender. Da lag die hohe Kette der Alpen in all' ihrer Herrlichkeit, rückwärts erhoben sich die heimischen Berge und dazwischen zog sich wie ein breites Silberband der Strom dahin. Die Herren hatten ihre Ferngläser vor den Augen und sahen sich Alles genau an.

Run kam der beschwerlichste Theil der Tour, die Oese, ein Bergpfad, der oft durch Felsen hindurch ging, die gleich einem natürlichen Thor sich darüber gelagert. Hier mußte jeder Schritt überlegt werden und Joseph mahnte wiederholt zur Vorsicht. So kam man endlich ohne Unfall in die hoch­romantische Gegend desWildsprung", wo der Gebirgsbach gegen zwölf Meter tief in das Thal hinabstürzt, um auf dem Felsen sich meistentheils in feinen Sprühregen aufzulösen. 6

Hier standen in buntem, anmuthigen Gemisch Tannen, Eichen und Buchen umher und es war bei der drückenden Hitze ein wahrer Genuß, im feinen Sprühregen des Baches zu stehen.

Auf ein Zeichen des Prinzen lagerte' sich unter den Bäu­men die ganze Gesellschaft, um zu rasten und einen Imbiß aus den mitgesührten Vorräthen einzunehmen. Der Prinz bestand während der Siesta darauf, daß Joseph in seiner Nähe sitzen sollte, auch richtete der edle Fürstensohn nach manches freund­liche Wort an Joseph.

Nach einer halben Stunde ward aufgebrochen und aber­mals ging es bergan, bis man dasKüchel" oder wie die Leute sagenden Küchel" (die Küche) erreicht hatte, einen konisch ge­formten Felsen, der fast wie ein Küchenherd aussah. Hier stand ein Wirthshaus am schäumenden Bache und dicht dabei eine Sägemühle. Zwei Minuten davon schnitt die Landstraße durch die Berge und auf dieser ritten die Herrschaften weiter nach F'.ssen, wo man die vornehmen Touristen erwartete. Die Maulthiere wurden im Wirthshause mit den dort bereit stehen» den Pferden vertauscht, um auf den schnellen Rossen weiter nach der nächsten Bahnstation zu reiten. Ehe sich die Caval- kade in Bewegung setzte, nahm der Prinz von Joseph Abschied und sagte dabei:Sie werden von mir noch hören, Ropp!"

Der Reisemarschall des Prinzen war dann an den Führer herangetreten und hatte ihm zehn Goldstücke eingehändigt. So hätten Seine Königliche Hoheit befohlen, sagte der Reise­marschall zu dem ganz verwirrt dastehenden Joseph.

Dieser stand noch lange auf der Bergeshalde und sah den Reitern nach. Zuletzt entzog ihm eine Biegung des Weges die Aussicht auf die Reiter und er machte sich auf den Heimweg.