19

Sie setzte sich auf die Gartenbank vor der Hausthür und starrte trüben Blickes auf die halb verwelkten Astern und Georginen, auf welche der trauliche Schein der Lampe fiel. Die dürren Ranken des wilden Weins zitterten gefpensterhaft im Abendwinde und der alte Nußbaum vor dem Haufe fchüt« leite wie zornig feine Aeste, daß die welken Blätter raschelnd zur Erde fielen. Es lag etwas tief Trostloses in der ganzen Umgebung für Dora.

Jetzt wurden von Innen die Fensterläden geschloffen, so daß auch der Lampenschein verschwand und nun Alles in die trübe Dämmerung des Herbstabends getaucht war.

Regentropfen fielen jetzt hernieder. Dora achtete nicht darauf, unbekümmert ließ sie die kühlen Tropfen an sich herunter riefeln, während heiße Thränen aus ihren Augen strömten.

Ich bin feiner unwürdig," stöhnte sie.Ich bin ein albernes, feiges Mädchen, er muß mich verachten I"

Born hatte unterdeß feine Wohnung erreicht; er hatte ein Licht angezündet und stand jetzt vor dem Spiegel.

Ist denn wirklich mein Anblick ein so erschütternder, daß sie nur Thränen für mich hatte?" fragte er sich mit einiger Bitterkeit.Allerdings, erhebend schön ist mein Aeußeres nicht ich bin ein recht häßlicher Kerl geworden, aber in ihren Augen, meine ich, müßte doch etwas wie ein verklärender Schimmer über diese traurige Ruine fallen! Nun, ich mag diesen erschrockenen Blicken nicht wieder begegnen, mein Anblick soll ihr nicht länger ein Vorwurf fein. Ich werde gehen, ich werde diese Stadt bald verlaffen! Die Offerten, die man mir in der Residenz gemacht hat, sind ja ohnedies sehr verlockend. Getrennt von ihr werde ich ja wohl dieser thörichten Liebe Herr werden!"

Einige Wochen nach dem oben geschilderten Abend wurde Born von dem Doctor Braun, der ihn behandelt hatte, nach der Bahn geleitet. Der Zug, der ihn nach der Residenz bringen sollte, brauste soeben heran.

Nun, reifen Sie mit Gott und vergeffen Sie unser Städtchen nicht gänzlich," sagte der alte Arzt, indem er Born herzlich die Hand schüttelte. Dann sprach Born noch einmal feinen Dank aus für die aufopfernde Pflege, die er im Hause des Doctors genoffen, und wenige Secunden darauf rollte der Zug mit ihm davon. Die Stadt entschwand rasch Borns Blicken und vor ihm lag nichts als eine weite, endlose Schnee­fläche es war die Haide. Born beugte sich heraus aus dem Coups und strengte sein Auge an, um die kleine, ver­krüppelte Haidesöhre zu erkennen, unter welcher Dora an jenem Abend gesessen. Trübselig ragte das Bäumchen aus dem Schneegefilde empor; wie eine Ironie des Schicksals saß ein Rabe darauf und krächzte melancholisch in die stille Welt hinaus. Dann verschwand auch dieses Bild und nur der blaue Strom begleitete den Reisenden noch einige Meilen weiter in's Land. Wie mahnend tauchte das glitzernde Gewässer im Sonnenglanz des Hellen Wintermorgens immer wieder vor feinen Blicken auf und rief Erinnerungen an viele fröhliche Stunden wach.

Auf dem zu Eis erstarrten Fluß war es gewesen, wo er Dora Schmidt zum ersten Mal gesehen. Deutlich trat das heitere, lebensfrische Bild vor seine Seele- Das Stadtmusik­chor hatte zum Eisfeste gespielt und junge, fröhliche Menschen waren auf der glatten Eisfläche dahingeeilt. So graziös wie Dora aber hatte keine der jungen Damen das Schlittschuh­laufen verstanden; Born sah ihm Geiste die schlanke, leichte Gestalt in dem schwarzen Sammetcostüm, der wallenden weißen Feder an dem breitkrempigen Winterhut, pfeilschnell dahin­fliegen. Und dann waren sie Hand in Hand gelaufen und er hatte zum ersten Mal in die glücklichen braunen Augen Dora» geschaut, die ihm dann so verhängnisvoll geworden.

Ach und alle die Kahnfahrten in den Sommerabenden auf dem blauen Strom, wenn der Mond schien und die Nach­tigall sang in Doras Gesellschaft, an die erinnerte sich Born auch. Ihm war unendlich weh um's Herz, je weiter er hinausfuhr in die Winterlandfchaft und als der Fluß nun auch feinen Blicken entschwand, zerdrückte er verstohlen eine Thräne

in seinen Augen. Ein Stück Poesie und Romantik ließ et doch hinter sich! Wenn es auch Groll und Zorn war, was ihn Hinwegtrieb aus der kleinen Stadt, aber die Erinnerungen an Dora, an all' die vergangenen Stunden, würden sie sich je verwischen lassen? Würden sie nicht immer wieder emporsteigen aus dem Grunde seiner Seele? Wenn auch nur zu seiner Qual!

Dora hatte längere Zeit da» Zimmer hüten müssen, da sie sich an dem Herbstabend, an welchem sie im strömenden Regen draußen im Garten gesessen, eine heftige Erkältung zu­gezogen. Sehr matt und sehr resignirt saß sie im eleganten blauen Schlafrock in einem bequemen Lehnstuhl am Fenster. Die Tante hatte unzählige alte, bewährte Hausmittel für sie in Bereitschaft, Senfpflaster, verschiedene entsetzlich fchmeckende Thees und dergleichen mehr. Sonst hatte sie sich stets sehr energisch gegen diese Kuren verwehrt, jetzt jedoch ließ sie Alles theilnahmslos über sich ergehen. Es schien, als hätte sie überhaupt alles Interesse für ihre Umgebung und am Leben verloren. Sie warf kaum einen Blick auf die neuen modernen Toiletten, die aus der Residenz verschrieben waren und welche die Tante immer wieder geschäftig vor ihr ausbreitete. Auch die Tagesneuigkeiten, die der Onkel täglich aus der Stadt mit­brachte, erregten nur geringe Theilnahme bei ihr. Nur als er eines Tages mit der Nachricht zu Haufe kam, daß der Assessor Born nach der Residenz versetzt sei und in den nächsten Tagen dahin abreisen werde, sprang sie erregt empor und da» matte, refignirte Gesichtchen bekam plötzlich wieder Leben und Ausdruck.

Er geht fort!" rief sie erschrocken.Dar ist ja nicht möglich! Ich muß ihn wenigstens noch einmal sehen, noch ein­mal sprechen! Ich habe ihm ja noch gar nicht gedankt!"

Nun, das habe ich in Deinem Namen schon längst ge» than, Kind," erwiderte der Onkel.Jedenfalls aber wird er vor seiner Abreise noch einmal zu uns herauskommen."

Dora hatte nur geringe Hoffnung, daß das geschehen würde, trotzdem aber lauschte sie gespannt auf jedes Thür- klingeln, auf jeden Schritt, der auf der Straße draußen er­schallte. Etwas von ihrer alten Energie war wieder über sie geko nmen. Zunächst wurden die Medicamente der Tante rück­sichtslos verworfen, auch der schleppende bequeme Schlafrock wurde abgelegt und aus den eleganten neuen Toiletten ein Promenadenanzug von goldbraunem Tuch ausgesucht.

Dora unternahm nun wieder tägliche Spaziergänge und lenkte ihre Schritte auch öfters nach der Stadt, welche sie seit dem Brande fast ängstlich vermieden hatte. Aber das Schick­sal war erbarmungslos, es führte sie mit Born nicht wieder zusammen. Nur einmal noch war es Dora vergönnt, den Affessor Born aus der Ferne zu sehen, dann wurde eines Tages Borns Visitenkarte bei ihnen mit flüchtig darauf geschrie­benen Abschiedsworten abgegeben.

Der Herr Assessor mache keine Abschiedsbesuche, er fühle sich dazu zu angegriffen," sagte da» flinke Dienstmädchen de» Doctors Braun, welches die Karte brachte.

Wortlos nahm Dora dieselbe in die zitternden Finger und starrte trübselig auf die nüchternen Abschiedsworte Borns, dis für sie eine so vernichtende Sprache redeten.

Nach diesem Tag, der mit bitteren Thränen endete, ver­fiel Dora wieder in die alte Gleichgiltigkeit gegen ihre Um­gebung. Als dann nach Neujahr von der Familie Schmidt eine Wohnung in der Stadt bezogen wurde und der Onkel sie liebevoll fragte, wie sie ihr Zimmer eingerichtet haben wollte, bat sie, nur Alles so einfach und dunkel wie irgend möglich einzurichten.

Keine bunten Farben wünsche ich, Onkel," sagte sie trau­rig,denn dar würde mit meinem Gemüthszustand nicht har- moniren. Einige gute Kupferstiche und einen Flügel möchte ich mir dann später in Berlin selbst kaufen, wenn die Tante mich dahin begleiten will."

Natürlich war die Tante sofort dazu bereit, denn diese sowohl wie ihr Mann sahen in diesem Vorhaben ein Zeichen