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Doras.

Wie mit irren Blicken sahen dieselben zu ihm auf. Ein verzweifelter Schrei drängte steh dann plötzlich von den Lippen Doras und tönte fast schaurig durch die stille Haide.

Ach, so verwandelt, so bis zur Unkenntlichkeit entstellt hatte sie sich sein Bild, das ihr Tag und Nacht vorgeschwebt, nie vorgestellt, itrotzdem sie es gewußt, daß Born durch das Un­glück verwundet und verstümmelt worden war!

Rothe Brandnarben leuchteten in Borns blassem Gesicht, über dem einen Auge lag eine schwarze Binde und der lenke Rockärmel hing schlaff herunter, Borns linker Arm fehlte.

Entsetzlich!" stöhnte D»ra und ein Thranenstrom brach aus ihren Augen.O Gott und das Alles, Alles um meinet­willen! Wie kann ich Ihnen je danken!"

Ueber Borns Züge zuckte es seltsam. - Das also war das ersehnte Wiedersehen! Nur Schrecken und Entsetzen schien sein Anblick bei Dora hervorzurufen und nichts von alledem, was er erhofft und ersehnt, leuchtete in den erschrockenen Augen Doras.

Es waren wohl Fieberphantasien gewesen, die solche thörich-

Für sie, die da einst voll Uebermuth erklärte: sie glaube an i l keinen Heroismus der Männer mehr und die Liebe begeistere , keinen zu großen Thaten- Nun, vielleicht hatte er sie jetzt doch i 1 eines Besseren belehrt und sie ließ wenigstens Ausnahmen | : gelten und stellte ihn wohl schwerlich jetzt noch in eine Rubrik i : mit jener Sorte von Männern, die nur des Goldes und Wohl­lebens halber Liebe heucheln und dementsprechend herrathen. siu solchen Männern rechnete Born auch den schönen Leonhard. - Nein, diesen Rivalen fürchtete er jetzt nicht mehr! Ueber. Haupt keinen, denn es dünkte ihm eine unumstößlrche Gewißheit, daß Dora nun zu ihm gehörte für alle Zeiten.

Nach einigen Tagen gestattete der Arzt seinem Patienten weitere Spaziergänge. Der Himmel war zwar grau und! wolkenschwer, die Natur hatte ihre trügerische Maske abgelegt und zeigte jetzt ihre düstere, herbstliche Physiognomie unverhullt. | Herbststürme wehten und fegten erbarmungslos d e letzten welken Blätter von Baum und Strauch. Der Fluß schlug förm.iche Wellen und in dem kleinen Stadtwalde rauschte es in den ent» blätterten Zweigen, wie Sterbelieder der Natur. Sogar tue | alten hundertjährigen Eichen wurden vom Sturm ersaßt und gerüttelt, als wollte er sie entwurzeln, doch sie standen fest und unerschütterlich und nur einzelne dürre Zweige vermochte er ihnen zu entreißen. Draußen aus der Haide aber war es I todeseinsam, ihr rothes Kleid war grau und farblos geworden I und ein Hauch düsterer Melancholie lag über der öden Fläche, die sich in's Unendliche zu erstrecken schien.

Für Born jedoch schien diese trübe Landschaft emen eigenen 1 Zauber zu haben, fast täglich lenkte er seine Schritte nach dem einsamen Haidewege und sein Gang hatte dabei etwas Elasti- I scher, als trüge ihn ein heißes Sehnen nach jener öden Fläche.

Er hoffte Dora hier zu finden und hier, unbeobachtet von fremden Menschenaugen, das ersehnte Wiedersehen und - Wiederfinden zu feiern.

Auch heute, an einem trüben Novembertag, hatte er wie­der diesen Weg eingeschlagen. Grau und farblos lag die ein» j tönige Landschaft vor ihm. Born schritt langsam nach der I Stelle, wo er vor langen, schweren Wochen Dora in der Harde gesehen. Die alte Föhre zitterte leise im Winde und auf dem Stein unter ihr, in einen grauen Regenmantel gehüllt, saß wirklich Dora Schmidt. Um den Kopf hatte sie ein schwarzes Spitzentuch geschlungen und das kleine, blaffe Gesicht blickte unendlich wehmüthig aus dieser dunklen Umhüllung- Born athmete tief auf, als er Dora erkannte.

Nun war er da, der ersehnte Augenblick, der ihn reich entschädigen sollte für Alles, was er gelitten.

Dora!" rief er mit leidenschaftlich bewegter Stimme.

Das junge Mädchen sprang auf, ein jäher Roth flog über ihr Antlitz und ein Freudenstrahl brach aus ihren Augen.

Er ist es, er kommt, er sucht mich," jubelte es in ihrem Innern,nun muß ja alles Leid ein Ende haben."

Born war langsam näher gekommen. Jetzt stand er vor ihr und blickte fragend und bangend in die braunen Augen

ten Träume in seinem Kopfe gezeitigt und in diesem kleinen, faffnngslosen Mädchen, dar da weinend vor ihm stand, so etwas wie eine große Frauenseele gesucht hatten, eine heroische Seele, wie sie die reiche Phantasie großer Dichter wohl zu ersinnen vermag, aber die Welt und besonders die Welt einer kleinen Stadt nicht aufzuweifen vermag.

Sie muffen mein Unglück nicht so tragisch nehmen, Frau, lein Dora," sagte Born jetzt mit einem erzwungenen Lächeln. Es hätte schlimmer kommen können, der Himmel ist mir noch gnädig gewesen. Die Aerzte haben mir ja Hoffnung gemacht, daß das verletzte Auge erhalten bleibt, nun, und dieser Arm­stummel läßt sich am Ende ja noch ertragen, mir bleibt ja der gesunde rechte Arm." ,, .

Dora versuchte ihrer Faffungslostgkeit Herr zu werden; sie trocknete ihre Thränen, während ste Beide langsam den Haideweg heraufgingen. Jahre ihres Lebens hätte sie in diesem Augenblick darum gegeben, hätte sie Worte gesunden für Alles das, was da mächtig in ihrem Innern stürmte - aber Ms Wort, was ihr einfiel, däuchte ihr nichtig und inhaltlos- Wie ein Held aus grauer Vorzeit erschien ihr Born, als er an dem trüben Herbstabend so neben ihr herschritt und noch nie war sie sich so armselig, klein und erbärmlich vorgekommen ihm gegenüber als heute. Auf welche feine Weise hatte er sie zu i trösten versucht und als sich jetzt ein schwerer Seufzer über ihre Lippen stahl, blickte er wie verwundert auf sie herab. - Glauben Sie mir, Fräulein Dora," sagte er dann,das Be- wußisein, einmal wirklich etwas Gutes, Großes gethan zu haben, wiegt Vieles im Leben auf" . .

Aber ich, ich?" erwiderte Dora.Ich werde das B^ ! wußtsein zeitlebens mit mir Herumtragen, daß Sie sich für mich I geopfert haben!" ., . re,

Nennen Sie es kein Opfer!" rief Born erregt.Es wäre feige, erbärmlich gewesen, Sie auf diese entsetzliche Wei e

I enden zu lasten, ohne Alles zu Ihrer Rettung zu versuchen!

Die Andern aber sahen es doch ruhig mit an.

Nun, bann stellen Sie mich meinetwegen eine Stufe höher wie diese Andern. Vielleicht war es auch noch ein anderer Impuls, der mich trieb. In solchen Augenblicken, da fließt das Blut eben nicht so träge wie gewöhnlich in untern Adem. Ein Narr aber ist der, welcher diesem hocherregten Lebensstrom nicht bei Zeiten Stillstand gebietet und in seine Alltagsbahnen zurücktreibt. Er bleibt unverstanden sür seine Umgebung, ! 'Si/hattenijetzt das Landhaus, wo Dora bei dem Onkel

Schmidt wohnte, erreicht, Heller Lichtschein flel von den erleuch­teten Fenstern desselben in den Vorgarten und warf zitternde, I röthliche Lichter auf die Blumen, die noch blühten und auf die wilden Weinranken am Startet _

Doras kleine Finger zerrten an btefen Ranken und streif- | ten Blatt auf Blatt herunter- Sie fühlte, sie mußte etwas ' sagen, er erwartete es auch wohl. Aber was sollte sie erroibern auf feine Worte? Dunkel ahnte sie es, daß solch ein Augen blick wie der jetzige nie wiederkehren würde und wenn jetzt nicht das rechte Wort gesprochen, ihre Wege dann weit auseinander- gehen würden. Es blieb ungesprochen, sie fand es nicht

Wollen Sie nicht näher treten?" stammelte Dora endlich und ihre braunen Augen sahen voll rührender Hilslostgkeit zu

$Ich danke, bitte, empfehlen Sie mich den Ihrigen, er widerte Born höflich-Der Arzt hat mir ein längeres Ver weilen in der Abendluft noch nicht gestattet. Leben Sie wohl I

Dora zuckte zusammen, seine Stimme klang so eigen lich gepreßt. Dann ging er; sie sah die hohe Gestalt mit dem breitkrämpigen Hut auf dem lockigen Haar langsam in de Abenddämmerung verschwinden Und nun, als er ihren Bli gänzlich entschwunden, da fielen ihr alle d e Worte aufju Zunge, die sie hätte sprechen müffen und die Born erwartet, ja, die er ein Recht hatte zu erwarten.

Warum war es mir nicht möglich, meinem Er chrerten, meiner Scheu und Schüchternheit Herr zr. werden I rief D°ra traurig.Warum sagte ich ihm Nicht, daß ich ihn "eve, mein Herz ihm gehört für alle Zeiten!