sehen, von fern, ohne sich ihm zu erkennen zu geben. Freilich, jener flotte Jurist und er — welch' ein Unterschied.
Seine herabgesunkenen Hände spielten mit dem Tage- buche. Hinter dem „Vergessen!" jener ersten Liebesepoche befanden sich eine ganze Reihe weißer Blätter, gleichsam als hätte der Tagebuchführer hinter jener und der zweiten auch eine räumliche Trennung in seinen Aufzeichnungen für nöthig gehalten. Die letzteren, hinter den leeren Seiten, waren erst wenige Monde alt — nicht so wortreich wie die im ersten Theile des Tagebuches, bestanden sie vielmehr in kurzen Sätzen, ja in einzelnen Worten. Und heute hatte seine Feder nur zweimal den Namen derer geschrieben, die ihm auch verloren gehen sollte. Wie ein letzter Aufschrei aus zerrissenem Herzen stand es dort: „Marie! Marie!"
III.
Der Sonnabend Nachmittag war herangekommen. Oberhalb der Brücke schaukelten sich an dem Anlegeplatze die mit Tannenguirlanden verzierten Kähne, Nachen und Gondeln. In zwei der größten hatte die Regimentsmusik des in C. gar« nisonirenden Infanterieregiments Platz genommen, die jetzt schon muntere Weisen erschallen ließ. Auf dem Bootshause standen in lebhafter Unterhaltung schon dichte Gruppen der Theilnehmer an der Partie. Man wartete die letzten Nachzügler ab, unter denen sich auch Fritz Gerding trotz seiner Eigenschaft als maitre de plaisir und die Gattin und Tochter des Oberamtmanns befanden, um dann die vielversprechende Partie zu beginnen. Unweit der Brücke lag die kleine Gast- wirthschaft, in welcher Hinrik auszuspannen pflegte, wenn ihn Geschäfte in die Stadt hineinführten. Ohne von der Gondelpartie eine Ahnung zu haben, lenkte Hinrik in dem nämlichen Augenblicke, in dem die Musiker in den Kähnen den ersten lustigen Marsch erschallen ließen, sein leichtes Gefährt in raschem Trabe der Stadt zu. Eine geschäftliche Angelegenheit mit seinem Bankier, bei welcher sein persönliches Erscheinen nothwendig war, hatte ihn zu dieser ungewohnten Stunde herbeigeführt.
Herr Dube, der trotz seiner feisten Gestalt recht bewegliche Besitzer der Ausspann-Wirthschast, riß die kleinen, verschwommenen Augen weit auf, als er den Herrn „Gutsbesitzer Schneider", wie er ihn officiell ober den „Horstfeldensr Mucker", wie er Hinrik insgeheim und höchst unzutreffend bezeichnete, vorfahren und vom Bock springen sah.
„Ei, Herr Schneider, auch herinnen heute? Wollen auch wohl die Gondelpartie mitmachen?" rief Herr Dube, die Zügel auffangend.
„Unsinn, Mann!" gab Hinrik kurz zur Antwort, dann aber vom Flusse her die lustige Musik hörend, fragte er doch: „Welche Gondelpartie?"
„Nach Thaers Garten, mit Musik und heute Abend Feuerwerk. Sehen Sie, die ganze Brücke steht sschon voll!"
(Fortsetzung folgt.)
Die Pariser Hundewelt.
Von Hunden ist in Paris seit einiger Zeit ungewöhnlich viel die Rede, theils wegen der jährlichen Hunde-Ausstellung, die auf der Terrasse des Tuileriengartens stattfand, und theils wegen des Hundewetters, zu dem die ausgestellten Vierfüßler eine ähnliche Jammermiene machten, wie die leidende Menschheit, die in Winterkleidern vor ihren Käfigen stand. Die Hundeliebhaberei ist hierzulande bei weitem nicht so allgemein wie in Deutschland und namentlich in England, und gegen die Londoner Hunde-Ausstellung kann auch eine gute Pariser nicht aufkommen. Man könnte sagen, daß der Nationalhund in Frankreich der Pudel ist. Ich werde mich hüten, daran wei- k tere Reflectionen zu knüpfen, als daß der Pudel unter den I Hunden am meisten von dem heiteren, lustigen Temperament | besitzt, das ehedem unter den Franzosen so häufig war und 8
auch in Literatur und Kunst sieghaft und liebenswürdig zur Geltung kam, in neuerer Zeit aber leider immer seltener wird Die schönsten Pudel sieht man indessen nach wie vor in Franks reich und besonders in Paris. Neben diesen und einigen anderen Specialitäten, wie langhaarige Bracken und stichelhaarige Vorstehhunde, bot die diesjährige Hunde-Ausstellung an Hatz- und Jagdhunden, Gefellschafts- und Schooßhunden zwar viele einzelne schöne Exemplare, lieferte aber im Ganzen nur einen matten Abklatsch einer großen englischen ober deutschen Ausstellung. Hier in Paris sind übrigens Hunde sehr zahlreich. Neben dem Pudel ist mit der internationalen Asfimi- lirung, die auch in anderen Hauptstädten und in dm letzten 25 Jahren sogar in London reißende Fortschritte macht, seit Jahren die dänische und die Ulmer Dogge, der Bernhardiner, der schottische Schäferhund und von kleineren Arten der glatthaarige englische Foxterrier, unter Männern des Sports' auch der Bullterrier sehr in Aufnahme gekommen. Es wird in Paris für einige 80,000 Hunde die Hundesteuer entrichtet, die zwischen 5 bis 10 Francs schwankt, doch versichern Leute, die über diese Verhältnisse ein Urtheil haben, daß wenigstens noch 120,000 Köter aller Arten, Abarten und Mischarten, den Steuerbehörden zum Trotz, unangemeldet umherlaufen. Bei den heutigen schlechten Zeiten, die in der Schwierigkeit, das Finanzportefeuille anzubringen, einen sehr deutlichen Ausdruck finden, soll gegen diese Umgehung des Steuergesetzes demnächst scharf eingeschritten werden. Man beabsichtigt, eine strenge Aufsicht eintreten zu lassen, jeden Hund, der auf der Straße ohne Stempelmarke am Halsband betroffen wird, festzunehmen, den Eigenthümer mit der doppelten Steuer zu bestrafen und im Falle der Eigenthümer nicht festzustellen ist, den Hund ohne Gnade zu tobten. Was die Kosten der Hundeliebhaberei an« belangt, so hat mir jüngst der Besitzer eines sehr schönen schwarzen Pudels im Einzelnen ausgerechnet, daß ein wohl- gehaltener Hund (wohl verstanden in der Familie) feinem Eigenthümer auf jährlich 450 Francs zu stehen kommt. Man berechnet, daß die 80,000 angemeldeten und versteuerten Hunde der Stadt Paris an Unterhalt jährlich 960,000 Francs kosten. Sie fetzen außerdem 25 Fabrikanten von Halsbändern und Maulkörben in Nahrung, die ihrerseits wieder 550 Arbeiter1 und 300 Arbeiterinnen beschäftigen. Außerdem arbeiten vier Bäckereien und fünf Biscuitfabrikanten für die Hundegemeinschaft. Drei besondere Apotheken, ein Dutzend kleinere und zwei größere Krankenhäuser sind dabei zur Heilung ihrer körperlichen Leiden und Gebrechen in steter Thätigkeit. Von der Verbreitung der Pudel, die man in Parts mit dem Kosenamen die Toutous nennt, mag die Thatsache einen Begriff geben, daß über hundert Leute mit ihren Familien jahraus jahrein vom Pudelscheeren leben. Was den Schauluxus anbelangt, so sei schließlich noch bemerkt, daß zwei schöne schwarze Pudel für eleganter gelten als einer und zwei mausegraue ober nicht dunkelbraune für feiner als schwarze. Weiße sind weniger beliebt, zum Theil vielleicht, weil man sie seltener in untadel« Hafter Schönheit findet, und theils, weil sie nach bedeutend mehr Pflege erfordern, als ihre schwarzen und grauen Mit- hunde. (Köln. Ztg.)
Vermischtes.
Ausdauernd. Gerichtsdiener (zu einer älteren Frau): "Ich bemerke nun bereits seit Jahr und Tag, daß Sie jeder Gerichtsverhandlung beiwohnen und die Angeklagten so genau betrachten — interessiren Sie sich denn für diese Leute?" — Frau: „Ja, sehen Sie, vor vielen Jahren hat mir Einer fünf Mark gestohlen, endlich muß dieser Kerl doch auch einmal vorkommen."
• * *
Verzeihlicher Jrrthum- Dame (die eine sehr rauhe Stimme hat): „Hier haben Sie eine KleinigkeitI" — Blinder Bettler: „Dank' schön, Herr Rittmeister!"
Redaction: A. Scheyda. Druck und Verlag der Brühl'schen Druckerei (Fr. Ehr. Pietsch) in Gießen.


