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Uhr hole ich Euch mit der Laterne, es ist sehr dunkel. Hier i ist gleich der Abendimbiß, laßt ihn Euch schmecken."
Der Alte kaute eifrig darauf los und trollte nach been- I digtem Mahle von dannen. Jetzt konnte Justine ungestört I Alles vorbereiten, was zum Rettungswerke nothwendig war. I Vorsorglich schloß sie die Hausthüre ab, damit sie nicht über- I rascht werden konnte. Um eine Probe zu machen, ob die I Schlaftropfen auch auf Thiere wirkten, machte sie ein Stück- | chen Fleisch zurecht und gab es der Hauskatze. Rach einer I Viertelstunde zeigte sich große Ermüdung und Abspannung bei | dem Thiere und nach weiteren fünfzehn Minuten schlief es so j fest, daß jede Bemühung fehlschlug, es wach zu bringen. „Auf I dem Rückwege vom Brauhause müssen die Bluthunde nnschäd- I sich gemacht werden," sprach Justine, „nicht früher, nicht später, I sonst mißlingt das Rettungswerk."
Träge schlichen die Minuten dahin. Justine hätte den I Zeiger der alten eisernen Pendeluhr gerne mit Gewalt weiter- | gebracht, wenn es nur einen Zweck gehabt haben würde. End- I lich, endlich war es Zeit. Sie zündete die Laterne an, wickelte I sich in einen Wintermantel, worin die kleine Gestalt fast verschwand, packte die Fleifchstücke in die Taschen und eilte davon. Ohne Zögern ließ die Wache das Mädchen durch die kleine Schloßpforte passiren; unverzüglich erhob sich der Kerkermeister, als er seine kleine Dunzel sah, denn sein Verlangen nach dem trefflichen Weine war groß. Vor zehn Uhr waren Vater und Tochter im Schloßhofe zurück; die Zugbrücke wurde heraufgezogen und alle Schlösser und Riegel forgfältig geprüft. Im Vorübergehen warf Justine jedem Bluthunde ein Stück Fletsch zu, gierig schnappten sie darnach; schon oft hatte sie den Thieren einen Knochen oder etwas dergleichen zukommen lassen, daher fiel dem Alten nichts darüber ein.
Einige Minuten später kamen zwei Soldaten von der l Wachtmannschaft, um das Faß Wein abzuholen. „Werdet Euch auch den Magen an den Paar Tropfen nicht verstauchen," murrte der Alte.
„Besonders wenn man ihn löffelweise einnehmen soll, wie Pulver und Latwerge," erwiderte der eine Krieger. Er hob das Faß auf die Schulter und schob davon. Justine leuchtete bis in den Hof hinab. Der andere Soldat ging hinüber und kettete die Hunde los, doch so, daß er von jedem die Kette in der Hand behielt. „Auf, ihr trägen Bestien!" rief er. „Es scheint, die Kälte ist Euch in die Glieder gefahren, so steif stolpert ihr einher."
„Es wirkt! Gott sei Dank!" flüsterte Justine. Sie blieb stehen, bis der Soldat mit seiner Laterne und den Hunden an den Thürmen anlangte. Das Raffeln der Ketten belehrte sie, daß die Hunde an dem Orte ihrer Bestimmung eingetroffen und festgelegt wurden- Vom Wachthause vernahm sie Hammerschläge. Das Weinfaß wurde angestochen. „Schlagt zu, Ihr Männer, und verschüttet keinen Tropfen, es wäre schade darum," sprach sie mit strahlendem Gesichte. Gleich darauf vernahm sie einige Hochrufe. „Das gilt dem Durchleuchtigen Herrn Landgrafen. Gott segne ihn."
Rasch eilte sie in's Haus. Ungeduldig wartete der Alte.
„Flugs den Humpen her, Dunzelchen!" rief er. „Hörst Du nicht, daß die da drüben des gnädigen Herrn Gesundheit trinken? Das will ich auch thun."
„Doch schreit mir nicht dabei, hier ist der Krug. Wenn die hören, daß Ihr Wein trinkt, dann —I"
In mächtigen Zügen trank der Alte. „Thut langsam, Vater, es ist ein starker, schwerer Wein!" warnte Justine.
„Hast recht, Dunzel! Gerade deshalb muß man große Schlücke nehmen, damit man etwas am Gaumen spürt. Werde sogleich zu Bette gehen, wenn der Humpen leer ist. Bei den heutigen Vorsichtsmaßregeln kann man auf eine geruhsame Nacht rechnen! Schlaf' wohl!"
Justine zog sich zurück. Der Alte trank den Humpen leer, entkleidete sich, legte den großen Schlüsselbund unter das Kopfkissen und ließ sich schwer auf das Lager sinken.
„Der Dei—Henker — was — ist — das — ein — schwerer — Wein I" sprach er und verfiel sofort in einen bleiernen Schlaf.
Vorsichtig schlich Justine nach einer Viertelstunde herein, zog das große Schlüsselbund unter dem Kiffen hervor und stieß den Alten an.
„Wie heißt das Felbgeschrei?" fragte sie.
„Wil—Helm — Ehrt—stoph!" lallte der Alte wie todt- müde.
„Und die Losung?"
„So—hpie — Eleo—nore!"
„Habt Dank, V >tec! Run schlaft bis zum frühen Morgen." Mit diesen Worten glitt sie geräuschlos zur Thüre hinaus.
(Fortsetzung folgt.)
Der Bienen-Vetter.
Eine Heide-Novelle von C. Crome-Schwiening.
(Fortsetzung.)
Damals wär es, als aus dem jungen Mann der Menschen- feind sich entwickelte, als er, in seinem ersten glühenden erzfesten Vertrauen getäuscht, sein ganzes Vertrauen zu der Menschheit gebrochen niedersinken sah. Sein Studium machte ihm keine Freude mehr, die Welt reizte ihn nicht. So kam er in das verwaiste Haus seiner entschlafenen Eltern zurück, so ward er das, was die Welt heute an ihm tadelte.
Vergessen! Das war ihm geworben, ja, mehr als das, es hatte sich zum Selbstvergessen gestaltet. Ueber seine Pflichten, die ihm die Verwaltung seines Gute« auflegte, über seine Liebhaberei der Bienenzucht vergaß er sich selbst, daß er ein Mann noch sei, jung und mit dem Rechte begabt, glücklich zu werden. Dort draußen, in der Haide, wo seine Imkerei stand, sühlte er sich wohl, die stille Größe dieser von so wenigen wirklich gekannten und von so vielen gedankenlos geschmähten Haidefläche, hatte die Stürme seines Herzens gesänftigt und dort Ruhe eintreten lassen — eine Ruhe freilich, die nicht glücklich machte, nicht zufrieden---
Vor langen Monden war's, an einem Abende gleich dem heutigen, da war ihm aus alten Papieren jener kindliche Brief der einzigen Cousine, die er hatte, entgegengefallen. Und gleich dem Stabe Christofori, der, längst verdorrt, an dem Erlösungsmorgen frische Blüthen trieb, hatte er beim Lesen jener kindlichen Zeilen zum ersten Male wieder gefühlt, daß sein verdorrtes Herz noch einen Keim beherberge, der auch noch grünen und blühen könne. Marie! Aber der Winter seines Schmerzes hatte den Fruchtboden seines Herzen« allzu stark mit Eis umlagert. Lenzeshoffnungen blieben aus, bis sie durchbrachen, mit einem Male, jäh und warm, wie ein warmer Apriltag nach eisigem März.
Marie! All' jene kindlichen Erinnerungen waren herzwärmend in ihm ausgeblüht. Die Lerche, die dicht über die Ackerfurche strich, jubilirte zum ersten Male auch ihm wieder, und in dem Gesumm seiner lieben Bienen schienen ihm Hymnen zu liegen, wortlos und doch voll feierlichen Inhalts. Und doch scheute er sich, häufiger als in den gewohnten Pausen Gast im Hause seines Onkels, des Oberamtmanns, zu sein. Und wenn er da war — dann war es ihm, als spräche sein Herz so laut, so allen verständlich, daß er vermeinte, er müsse es verhüllen durch seine schroff-abweisende Art.
„Bienen-Vetter!" Das Wort, das ihm heute fein Onkel im Unmuth zugerufen, gellte in seinen Ohren. So stachlich, i so fremd und hart klang das Wort, und sie war es gewesen, die ihn mit demselben bezeichnete! Und aufs neue legte sich um sein gepeinigtes Herz jene Eisesrinde, von der ein Ktndes- brief nach langen Jahren es kaum befreit, und wieder um* düsterte ein stiller, nagender Gram sein Leben.
Seit Fritz Gerding in C- lebte, hatte er das Haus des Oberamtmanns gemieden- Mit jener Selbstqual, die verwundeten Herzen eigen ist, malte er sich aus, wie es mühelos seinem jungen Verwandten gelingen werde, das Ziel zu erreichen, für dessen Gewinn er fein Leben opfern würde. Er ! hatte den junge« Referendar nur einmal in der Stadt ge-


