Lös SB

Auf dem linken Oberarm zeigte sich ein rosiges Pläcklein wie ein kleines Blümchen. Der Henker drückte seinen eiskalten, lederharten Finger auf den Arm des Mädchens und sprach: Hier ist das Zeichen, Herr, so schön, wie ich noch nie eins gesehen."

Die krallenartigen, eisigen Finger des Henkers, die vorher­gegangenen fürchterliche Aufregung, der grauenhafte Dunst in der Marterkammer, die Geschäftigkeit, womit die beiden Henkers­knechte jetzt herzueilten, um mit der Folter zu beginnen, raubten der Unglücklichen die Besinnung. Mit einem Aufschrei stürzte sie nieder und lag bewußtlos am Boden.

Was befehlt Ihr, Herr?" fragte der Henker-Ohn­mächtige und Kranke soll man nicht foltern."

Legt sie auf den Schrägen, bis sie wieder zur Besinnung kommt," antwortete der Hexenrichter.

Das trübe gelbe Licht der Talgkerzen fiel auf das schöne, blaffe Gesicht der Ohnmächtigen; ihr prachtvolles Haar hatte sich durch den Sturz aufgelöst und lag wie ein dunkler Schleier über dem weißen, wohlgeformten Arm. Das rosige Pläcklein, welches der Henker als teuflisches Zeichen gefunden haben wollte, leuchtete wie ein winziges Röslein unter dem Haare hervor.

Caspari wandte den Blick ab, um gleich wieder auf das marmorbleiche Antlitz und das rosige Pläcklein zu schauen. Eine unsichtbare Macht drehte ihm mit magischer Gewalt den Kopf und die Augen immer wieder nach der Ohnmächtigen, die wie eine gestorbene Heilige dalag. Todtenstille herrschte in der Marterkammer. Die Athemzüge der Männer konnten deutlich vernommen werden-

Der Richter erhob sich-Bringt die Ohnmächtige in's Leben zurück," sprach er mit gepreßter Stimme-Das Ver­hör ist für heute beendet und wird übermorgen fortgesetzt. Morgen, als am Geburtstage Seiner Durchlaucht, ist Feiertag."

Roch einmal blickte Caspari auf die Ohnmächtige; sie öffnete langsam die Augen und blickte ihn starr an. Schnell wandte er sich um, schritt zur Thüre, die der Henker dienst­fertig öffnete und verschwand im dunklen Gange. Der Schrei­ber, welcher diesmal keine Feder anzurühren hatte, folgte fchleunigst dem Vorgesetzten. Zu Hause angekommen, schilderte er, was er diesmal durchleben mußte.Entweder ist es die größte Hexe, die unter Gottes Sonne wandelt," sprach sein Weib,oder es ist ein schuldloses Geschöpf, sonsi hätte es keinen so gewaltigen Eindruck auf den steinernen Richter hervor­bringen können. Was es auch fei, ein schrecklicher Tod ist dem Mädchen gewiß."

Die Wächter brachten Sibille in den Thurm zurück und verschloffen die Thüren sorgfältig.

Elftes Kapitel.

Wie viele Mann sind auf der Thorwacht, wenn die Herrschaft abwesend ist?" fragte Caspari den Feldweibel, der auf der Zugbrücke stand.

Vier genügen vollständig," antwortete der Soldat.

Ihr werdet von jetzt ab bis auf Weiteres zwölf Mann nehmen und die genaueste Controls walten lassen."

Euer Gnaden können unbesorgt sein, aus den hiesigen Thürmen ist noch niemals ein Gefangener entkommen."

Die beiden Spürhunde Mars und Pluto werden um zehn Uhr vor die Thürme gelegt und eine Wache dazu gestellt."

Rach Befehl, Herr Commissarius."

Dem Kerkermeister werde ich ein Faß mit zwanzig Maß Wein senden, das trinkt von zehn Uhr ab in kleinen Portionen. So oft ein Mann zur Wache zieht, erhält er ein Viertelmaß. Der Wein soll wärmen, nichts anderes- Für Euch, Feld­weibel, sind zwei Maß extra gerechnet, darum sind es statt achtzehn deren zwanzig. Der Kerkermeister wird das Faß um zehn Uhr zur Wache bringen."

Dank Euch, Herr Richteri" sprach der Feldweibel.Das Aufziehen der Zugbrücke und das Riederlaffen des Fallgatters werde ich selbst besorgen."

Caspari, vom Verhöre aus der Marterkammer kommend, hatte sich unterwegs diese Sicherheitsmaßregeln ausgedacht.

Zufrieden durchschritt er den Thorbogen nach dem Hinteren Schloßhofe, wo sich seine Dienstwohnung befand.

Ein Soldat und ein Gefreiter, welche die Unterredung mit angehört, traten aus der Wachtstube.

Es ist ein filziger, knauseriger Menschenschinder," sprach der Feldweibel, als der Richter verschwunden war.Zwanzig Maß Wein sollen für einen Feldweibel und zwölf Mann den Geburtstagstiunk ausmachen und wir sollen schluckweise wie Saugkälber von zehn Uhr an genießen, damit wir uns die Gurgel nicht verrenken. Ob er sich auch so viel vergönnt?"

Die übrigen Worte verschwanden mit dem Sprecher, der in die Wachtstube eintrat.

Leise schlich sich eine kleine Gestalt hinter dem Thorflügel fort, als die Krieger weggegangen, es war Justine. Ihrem scharfen Ohre hatte sich jede Silbe fest eingeprägt.Das geht über Bitten und Verstehen," flüsterte sie leise für sich.Um die Hälfte wird mir das Werk erleichtert." Eifrig fing sie an, in der Küche zu hantiren. Nach einer halben Stunde er­schien ein Kellerbursche mit dem Weinfäßchen und dem Auf­trage des Richters bei dem Kerkermeister. Mürrisch hörte dieser den Auftrag, ohne Gruß ging der Kellerbursche von dannen. Zornig schlug der Alte mit der Faust auf den alten Eichentisch, daß die Stube dröhnte. Justine eilte herein und fragte:Was ist Euch, Vater?"

Nichts ist, einfältig Ding," schrie der Alte.Grade weil nichts ist, bin ich zornig. Schickt man mir das Weinfaß in's Haus, daß ich er bewachen soll, damit die Saufeulen nicht vor zehn Uhr darüber gerathen und mir hält man den Schnabel sauber."

Das ist abscheulich!" versetzte Justine mit gut gespielter Entrüstung.Aber beruhigt Euch; ich werde dafür sorgen, daß Ihr Euer redlich Theil davon bekommt."

Was willst Du machen, kleine Dunzel?" fragte der Alte neugierig.

St! Ganz leise, Ihr sollt e» hören. Ich schlage den Spund auf, ziehe zwei Maß für Euch heraus, fülle Wasser hinzu, daß das Faß wieder voll wird, dann bum! bum! den Spund wieder d'rauf, kein Mensch merkt, daß etwas davon gekommen und Ihr habt einen stattlichen Abendtrunk."

Der Deihenker ja, die Dunzel hat recht. Also dran, ich möchte einen Schluck haben."

Das geht nicht, Vater. Vor zehn Uhr dürft Ihr nicht trinken. Wenn Jemand herein käme und es röche nach Wein! Hui, wüßte es morgen der Gestrenge und dannI"

Also was machen wir?"

Erstlich geht Ihr hinaus und haltet Wacht, daß ich nicht überrascht werde. Zu diesem Behufs verriegele ich vorsorglich die Stubenthüre. So, nun seid Ihr draußen. Zweitens nehme ich den Hammer; drittens suche ich mir den richtigen Krug; viertens schlage ich das Faß auf. Wenn ich fertig bin, rufe ich Euch herein."

Es dauerte ziemlich lange, bis Justine fertig wurde.Zum Deihenker!" rief der Alte und klopfte derb an die Thüre. Wie lange foll's noch währen?"

Wenn Ihr Euch nicht geduldet, kriegt Ihr gar nichts," antwortete Justine, welche gerade die Betäubungstropfsn in das Faß träufelte.

Der Wein war sehr kräftig; darum zog sie für den Alten noch ein Glas voll heraus, damit er wenigstens einen Vor­geschmack haben sollte. Endlich war das große Werk gelungen- Das Faß wurde mit Wasser nachgefüllt und verspundet- Den Maßkrug verschloß sie in den eichenen Schrank, das Weinglas, in welchem sich kein Schlafmittel befand, überreichte sie dem Alten, nachdem sie die Stubenthüre aufgeschlossen.

Hier kostet und sprecht, ob die Dunzel ihre Sache richtig machte," sprach Justine triumphirend.

In starken Zügen goß der Alte den kräftigen Wein hinab. Zum Deihenker, das Zeug schmeckt mordmäßig gut. Wann bekomme ich die zwei Maß?" fragte er.

Um zehn Uhr, wie die Anderen," war die Antwort. Nun geht in's Brauhaus zu Eurem Bier- Um halb zehn