Ausgabe 
12.6.1894
 
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Anrerchaltungsblatt jum Gietzenev Anzeigen (Genev^l-Anzergev)

B

ü)^6>c 1894.

Dienstag, dm 12, Juni.

Die Hexe von Bingenheim.

Von Gg. Schäfer.

(Fortsetzung.)

Caspari sprang auf; eine solche Sprache war ihm noch nicht vorgekommen. Er hatte gehofft, ein zaghaftes, ängstliches Mädchen vorzufinden und fand ein heroisches, junges Weib.

Kein Wort weiter, oder ich laste sie in's finsterste Burg­verlies werfen, wo sie bald mürbe sein und ihr freches Maul­werk halten lernen wird!" schrie Caspari wüthend.

Eure Drohungen schrecken mich nicht," antwortete Sibille mit Feuer.Hören müßt Ihr, was Ihr werth seid; ich ver­lange, daß es der Schreiber niederschreibt, nach Jahrhunderten sollen die Menschen lesen, was für ein Scheusal das friedliche Thal, unsere Heimath, durch seine blutigen Handlungen ver­wüstet hat- Viel unwichtigere Dinge schreibt Ihr nieder als Das, was ich verlange. Ich fordere, daß meine Aussagen wörtlich zu Protocoll genommen werden."

Ein teuflisches Auflachen des Richters war die Antwort. Nach einigen Secunden des inneren Kampfes hob er langsam die Augen empor und sah das Mädchen an. Es regte sich etwas wie Interests und Hochachtung in ihm, ähnlich wie vor acht Jahren, als ihm die Kleine das Sträußchen am Schloß­portale darbot. Aber wie damals, verhärtete sich auch jetzt sein Herz gegen das auftauchende menschliche Gefühl. Vor dem Henker und seinen Knechten wie vor dem Schreiber würde er sich eine Blöße gegeben haben, glaubte er, wenn er nach diesen Worten des Mädchens zurückgewichen wäre.

Ihrem Verlangen nach Protocollirung der schändlichen Aussprüche kann unter Umständen willfahrt werden," antwortete Caspari.Die Jungfer kann schreiben, wie ich höre; sie wird dann auch unterschreiben müssen, daß sie von dem Galan auf­gehetzt wurde, greulichen Haß und Feindschaft gegen mich zu hegen."

Haß und Feindschaft sind es nicht, welche in mir woh­nen, das sollt Ihr noch vernehmen. Aber Abscheu, Wider­wille, Ekel und Verachtung" empfinde ich, empfinden die meisten Menschen unseres unglücklichen Landes. Das schreibt in Euer Protocoll; ich selbst verspüre daneben noch Mitleid und un­aussprechlichen Kummer im Hinblick auf Euch selbst und Eure Familie. Wer so viel unschuldig Blut vergossen hat, wie Ihr und von Neuem nach Blut dürstet, an dem wird der Rächer dort oben bis in's dritte und vierte Glied strafen, was der Ahn gesündigt."

Jetzt, Dirne, halte sie den Mund!" donnerte Caspari

von Neuem.Im alten Testamente steht geschrieben, daß es egyptische Zauberer gab, daß König Saul zur Hexe von Endor ging. Doctor Luther sagt in der Auslegung zum zweiten Ge­bote, daß wir nicht fluchen, schwören, zaubern, lügen oder trügen sollen. Die größten Gelehrten unseres Jahrhunderts bekennen, daß es Hexen oder Zauberer gibt. Wagt sie es noch, solche Autoritäten Lügen zu strasen und mir frei in's Gesicht zu sehen?"

Ich wage es!" war Sibillens Antwort, indem sie die großen Kinderaugen auf Caspari richtete, der den Blick nicht auszuhalten vermochte.So wahr meine Seele rein von Haß gegen Euch, mein Glaube an Gottes ewige Liebe und Barm­herzigkeit unerschüttert, meine Ueberzeugung, daß Gottes Ge­rechtigkeit Euch an Eurem eigenen Fleisch und Blute für Eure Missethaten züchtigen wird: so wahr ist es, daß ich keine Hexe bin, daß es niemals Hexsn gab, daß alle die fünfzig Hin­gemordeten unschuldig ihr Leben lassen mußten."

Ein heftiges Zucken und Schütteln erfaßte Caspari, er wollte sich erheben, sank aber auf den Sitz zurück. Durch eine wahrhaft übermenschliche Anstrengung gelang es ihm endlich, seiner Herr zu werden.

Da--die Angeklagte--trotz ernstlichen

Zuredens--kein gütliches Geständniß ab­

zulegen gewillt ist," brachte er mühsam hervor,wird zur peinlichen Frage geschritten. Henker zeige er ihr--die Instrumenta vor."

Mit Verwunderung und Staunen hatten der Schreiber und das Henkerpersonal dem Verhöre zugehört. Daß der Richter förmlich zum Angeklagten wurde, war ihnen noch nicht vorgekommen. Aengstlich kam der Henker heran; scheu und verzagt brachte er Daumenstöcke, Beinschienen, Peitsche und Haselruthen herbei. Bei anderen Gefangenen war es ihm ein Leichtes, die schauerlichen Instrumente vorzuzeigen und ihre entsetzliche Wirkung zu erklären. Hier war ihm die Kehle wie zugeschnürt. Meister Zacharias brachte nur einige heisere Worte hervor.

Die feine Röthe wich aus Sibillens Zügen, fahle Tobten« blässe bedeckte ihr jugendschönes Antlitz, als der Henker mit den Marterinstrumenten in ihre Nähe kam. Stumm ließ sie den entsetzlichen Menschen gewähren.

Die Angeklagte gibt keine Antwort und kein Zeichen, daß sie ein gütliches Geständniß ablegen will," brachte der Henker mühsam hervor.

Lege ihr das Folterhemd an und siehe zu, ob sie ein stigma diabolicum (teuflisches Zeichen, Brandmal) an sich hat," befahl der Richter.

Der Henker zerrte Sibillen das Jäckchen von dem Körper.