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Am Tage nach Empfang des Briefer von Weither Lelbia schritt Herr Woland unruhig im Wohnzimmer auf und ab. Sophie übte auf dem Clavizimbel eine Sonatine, und Laura strickte hausmütterlich an warmen Wollsocken. Da schritt Paul Busch, der Amtmann von Hennigstedt auf das Woland'sche Hau« zu; Lauras Herz klopfte lauter, als ihr Vater die Begrüßung Pauls mit einem freundlichen „Guten Tag Herr Amtmann!" erwiderte. Der junge Amtmann bat um eine geheime Unterredung und die Mädchen blieben eine halbe Stunde in qualvoller, aufregender Erwartung allein. Bald darauf ertönte der feste Schritt beider Männer wieder auf dem Corridor und Woland trat mit Paul ein.
„Laura," fagte er dann mit bewegter Stimme, „der Herr Amtmann hat mich soeben um Deine Hand gebeten. Ich habe nichts gegen die Bitte und deshalb habe ich ihn an Dich selbst verwiesen! Was sagst Du?"
Laura war glühend roth und lag int nächsten Augenblick in Pauls Armen.
Woland freute sich erst des Glückes seines Kindes, insgeheim aber schüttelte er den Kopf und murmelte: „So ein Mädchenherz begreife der Kuckuck! Dachte ich doch, der junge Helbig sollte da einziehen, jetzt ist's doch der junge Amtmann aus Hennigstedt! Nun schließlich kann's mir auch so recht sein!"
Paul war nun fast täglicher Gast der Familie Woland, obwohl die Verlobung erst am Weihnachtsfeste mit dem gleich- »eitia stattfindenden Aufgebot vollzogen werden sollte; bis dahin wollten die Verlobten ihr Glück geheim halten. Laura dachte dabei an Werther, dem man das Ereigniß so schonend als möglich beibringen wollte.
V.
Es war ein kalter Winterabend, als zwei Tage vor Weihnachten Werther Helbig im Pelz gehüllt mit der Fahrpost Schwalbheim zueilte, wohin schon sein Herz voraus geflogen wäre, wenn es Flügel gehabt hätte. Er saß mutterseelen allein in dem kalten Kutschkasten, seitdem ihm im letzten Städtchen sein Reisebegleiter, ein Kausherr aus Apolda, untreu geworden. In der nächsten Station bekam er wieder Gesellschaft; wohl vermummt stieg beim Schein der Lichter der Zollerheber Zipfler ein. Werther hielt sich vornehm kühl zurück, bis der Zollerheber plötzlich in ihm den jungen Doctor beider Rechte erkannte und sein Compliment anbrachte.
„Hat nichts zu bedeuten, Herr Einnehmer!" meinte Werther.
Herr Zipfler erzählte mancherlei, insbesondere klagte er über einen Vetter Schaufuß, der viele Leute betrogen und auch ihn um eine Masse Geld gebracht hätte; in der Nachbarstadt sei er gewesen, die Summe zu begleichen.
Endlich tauchten die Lichter von Schwalbheim auf. Der Wagen hielt, Werther lag in den Armen der Eltern, während Gröhlmann die Reisekoffer ins Haus schleppte. Dieser Abend gehörte den theuren Eltern.
Am andern Morgen kleidete sich aber Werther Helbig mit großer Sorgfalt an; prüfend stand die stattliche Erscheinung mehrere Male vor dem Spiegel. Ehe er ging, nickte er der Mutter lächelnd zu und verschwand im Nachbarhause.
Herr Woland war ausgegangen, Sophie und Laura befanden sich mit der Magd allein zu Hause. Bedrückt grüßten sie den Gast-
An den verstörten Gesichtern der beiden jungen Damen merkte Werther sogleich, daß irgend etwas nicht in gehöriger Ordnung sei. Er benutzte daher den ersten Augenblick, als Sophie auf Secunden entschwand, dazu, vor der bestürzten Laura auf den Knien ein glühendes Liebesbekenntniß abzulegen. (Fortsetzung folgt.)
GeineinnRtziges.
Rosenfreunde machen wir darauf aufmerksam, daß heuer besonders stark eine kleine Jnsectenlarve von etwa
7 Millimeter Länge, welche in einer braunen Hülle steckt, auftritt und den Blattaugen und jungen Trieben der Rosen zusetzt. Es ist dies die Larve der Rosengallmücke — auch Rosenstecher genannt —, eines winzigen, fliegenähnlichen In- sectes. — Die Larven sind wegen ihrer geringen Größe und braunen Hülle, wodurch sie einer Winterraupe täuschend ähnlich sehen, nicht auffällig. Es empfiehlt sich, jetzt die Larven von den Rosenstöcken abzulesen, da sie Blatt- und Blumenknospen aufsreffen, welche dann eingehen.
Vertilgung der Wanzen. Von allen gegen die Wanzen angepriesenen Mitteln ist keines so wirksam wie der Alaun. Die Wanzen verschwinden sofort, wenn man Wände, Bettstellen rc., worin sie nisten, mit einer kochenden Alaunlösung bestreicht, und kehren nie zurück. Wenn man die Zimmerdecken mit Kalk weißt und dem Kalk vor dem Gebrauch etwas Alaun zusetzt, so halten sich die Fliegen ebenfalls nicht in den Zimmern auf. Dabei kann die Anwendung des Alauns in diesen Fällen der Gesundheit der Menschen nicht den mindesten Schaden zufügen. — Ein anderes erprobtes Mittel ist die Herstellung von Zugluft durch Offenlassen von Thüren und Fenstern. Diese können die Wanzen nicht vertragen.
Futter für Kanarienvögel. Der jungen Brut gebe man sogenanntes gemischtes Kanarienfutter und etwas mit heißem Waffer abgebrühten und wieder gut trocken aurgedrück- ten, süßen Rübsamen, Eierbrod, Vogelbisqutt und Semmel. Alles muß gut ausgsdrückt sein, da zu weich aufgefütterte Vögel unbedingt eingehen. An warmen Tagen kann etwas Grünfutter gereicht werden.
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Tintenwischer. Man verwendet dazu fünf kreisrunde farbige Tuchrestchen- Auf das oberste derselben wird eine beliebige Figur gezeichnet, welche mit Seide durch sämmt- liche Fleckchen in Sttlstich ausgenäht wird. Sodann werden die Tuchfleckchen am Rande mit einer Scheere gleichmäßig ausgezackt. .
Wollene Zeuge, an denen keine Farben zu verderben sind, wäscht man mit lauwarmem Sodawaffer, worin etwas grüne Seife zu Schaum geschlagen wurde. Damit die Wollsachen sich nicht zusammenziehen und filzig werden, kann man zu dem Waffer zwei Löffel Salmiak und zwei Löffel Terpentin gießen- _____________
Vevinischtes.
Gleiches Recht für Alle. Ein Herr trifft auf der Tramway am Sonntag einen Mann, der ihn vor zwei Tagen als Blinder angebettelt und auch ein Geschenk empfangen hat. „Was Teufel!" sagte der Wohlthäter. „Sie sehen ja! Warum sind Sie denn heute nicht blind?" — „Was wollen Sie? entgegnete der unverfrorene Bettler. „Der Mensch muß doch auch seine Sonntagsruhe haben!"
Warum aus Lehm? Lehrer: „Woraus hat der liebe Gott den Menschen geschaffen?" — Der kleine Erich: „Aus Lehm." — Lehrer: „Warum wohl gerade aus Lehm?" — Der kleine Erich: „Na, Sand backt doch nicht!"
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Gutes Zeichen. „Nun, hat sich die Schwerhörigkeit Ihres Herrn Papa noch immer nicht gehoben?" — „D Ifl< gestern hat er sich schon die Ohren zugehalten, als ich gesungen habe!"
Lieb' Kind. „Ach, Onkel, ich hab' Dich zu lieb." •- „Ja, und warum denn, mein Engel?" — „Wenn Du kommst, gibt's immer Compot."
Siebaction: A. Scheyda. — Druck und Verlag der Brühl'scheu Druckerei (Fr. Thr. Pietsch) in Gießen.


